Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-02-21 · Heft 6 (21.2.1890) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 6 (21.2.1890)
Date
1890-02-21
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453172-3453178--2778-3457063
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Soll aber -er Gesang in den Gebeten seine Wirkung haben, loll er aus das menschliche Gemüth segnend wirken, soll er die- Leiter bilden, ans welcher der Geist sich cmporschwiugt über der Erde Grenzen, so müssen seine Grnndzüge sein: H n r m o n i e, Einheit, Einfachheit, N e g e l, Einklang, Wohllaut. ,Dies ist meiner Väter Gott, ihn will ich preisen!' Ist er Gott unserer Väter> so sei unsere Verehrung gleich der unserer Väter, zurück zu unseren frühesten Vätern richte sich unser Blick, die noch im Einverständniße mit der Natur gelebt haben. Die heilige Schrift zeigt uns, dass Harmonie und Einfachheit das erste Grundgesetz waren. Alles war aus Wohllaut abgesehen, und auch die Instrumente durften , nicht fehlen. So nahm Mirjam eine Pauke, und wer kennt nicht den unvergleichlichen 150. Psalm, und wie wurde das Halle! gesungen? Die Schrift (2, B. d. CH., 5, 12, 13) erzählt uns, sie haben es gesungen, als wenn cs nur Einer wäre, der Trompeter und Säuger. Eine Stimme, zu loben und zu danken dem Ewigen, mit Trompeten, Zimbeln und anderen musikalischen Instrumenten, stimmten sie das Loblied an, dass Gott gütig ist. denn ewig rpährt seine Gnade. Aber was bei unseren frühesten Vätern Gottvcrehrung war, ist später zur Gottentehrung geworden, was Festheiligung hieß, hieß man später Festentweihung. Wir schließen mit den treffenden Worten des Dr. Jellinek: .Nur derjenige Theil der Kunst, welcher das Ohr trifft und durch das Ohr den Weg zum Herzen sich babnt, nur der Gesang, ward Israel gegeben, und in der ThaL ist der melodische Ton, das geistige Element gleichsam unter allen Künsten, der passende Ausdruck der jüdischen Gottesverehrung und entspricht einer Religion des Geistes und des Herzens. ״Ich singe dem Ewigen', Las rührt das Herz, das weckt die weichsten und sanftesten Gefühle.' __ (Fortsetzung folgt.) Gedenket der Tage der Vorzeit — erwäget die Aeilderung der Zeitalter. XXIII. Jacob Nießer war zwar als Lotterie-Pächter durch sein contractliches Verhältnis von der Ausweisung verschont, mochte aber nicht in Lübek. das seine Glaubensgenoffen so lieblos be- -L — . .. . ־; ' handelt, länger als sein Pachtverhältnis währte, bleiben Und kehrte nach Ablauf seines Contracks nach Hamburg zurück. Ostern 1820^ trat Gabriel dort in die 2. Elaste des Iobauneum-Gymnasium ein, fand, an Dr. H. Würtzer einen voruciheilsfreieu. gelehrten, ihn liebenden Freund, der seine Studien leitete und durch sein Beispiels und seine Lehren auf ihn wirkte. Diesem bewährten Lehrer und Freund zollte Gabriel seinen innigsten Dank und seine Hochachtung. Das zärtliche Familienleben, welches in den jüd. Familien heimisch war, kennzeichnete besonders die Familie Jacob Nießer. Mit kindlicher, liebevoller Verehrung blickten die Kinder auf ihren hochbegabten Vaterder in Gabriel sein Ideal sich verwirklichen sah, dem er einst nachstrcbte und das er nur durch den Drang der Verhältniße zu erreichen behindert war. Unter seiner Leitung entwickelte sich Gabriel.frei und sicher. Die Gelegenheit der Schul¬ Unterrichts benutzte er insoweit, als er. ihn für sich verwerten konnte. Wo aber unter alt gewordenen, oder mittelmäßigen Lehrern ihm ungenügende Nahrung :des Geistes geboten wurde, da. gieng Gabriel seinen eigenen Weg,: arbeitete im Hause fleißig und mit bessere׳ cm Erfolge, als cr ihn hätte dort erlangen können. Der Vater, der ihn sorgfältig bewachte, gestaltete ihm-diesen selbstgewählten Studienweg, der ihm bei seinen sittlichen und geistigen Anlagen förderlich war, während er für Minderbegabte nicht ohne Einbuße gewesen wäre. Verläumte er auch Wochen׳ und- Monate lang den Schulunterricht, -so׳ ersetzte er denselben durch häusliche, fleißige, griechische und römische Lcctüre, namentlich italienische, ,französische und englische Litteratur sagten ihm ungemein zu. Vater Nießer unterrichtete seinen:Sohn Gabriel gemeinschaftlich mit seinem Mündel M. M. Haarbleicher, späterem Sccrelär der Hamburger-Gemeinde, in den juridischen Abschnitten des Talmud mit einer solchen Klarheit und Schärfe, dass selbst die älteste Tochter Nießer's mit Wohlgefallen den Unterricht anbörte und freudigst sich dessen errinnert. Mit Fanny Haarbleicher, nachmals verehelichte A. Bauer, begründete er durch gemeinschaftliche Lectüre ein Freundschafts-Verhältnis, das ungetrübt bis zum Tode währte. Trotz des unregelmäßigen Schulbesuches Gabriel Nießer's stand derselbe bei seinen Lehrern in ungeschmälerter Achtung. Durch Vermittlung des Vaters wussten die Lehrer, dass nicht Leichsinn oder Unsitllichkeit ihn der Schule fernhielten, sondern ernstes, Der Scheinheilige. Eine Erzählung. Von M. Tiutner, Cautor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch-Schlesien (Nachdruck verboten.) (Fortsetzung und Schluss.) So staud die Augelegeuheit, als eines Tages ein Diener Joelfohu's bei Engelmann erschien und demselben ein Briefchen übergab. dessen Inhalt ihn zum baldigen Besuche des Bauquiers anssorderte. Dort angelangt, fand er Joelsohn an seinem Schreibtische sitzend. Kaum wurde sein Gruß beim Eintreten erwidert, als endlich Joelsohn die Feder uiederlegte und fragte: ״Sie ahnen wohl, Herr Cantor. weshalb ich Sie zu mir bitten ließ?' .Dass ich nicht wüsste, Herr Zoelsobn.' .Mei« Sohn besucht oft Ihr Haus?' »Ja-wohl, Ihr Sohn beehrt mich zuweilen, um vierhändige Sonaten zu spielen.' ,So?' fuhr der Banquier fort, ,ich höre Sie haben auch eine schöne Tochter?' ,Ich neune ein bescheidenes, gut erzogenes Mädchen meine Tochter.' ,Wohl Herr Eugelmaun, sagen Sie nur aber auch, gelten die Besuche meines Sohnes Ihnen oder Ihrem Fräulein Tochter?' ,Wie Meinen Sie das?!' ,Nun, wie ich das meine, ich frage Sie nur, .ob es auch zu -Ihrem Vaterglücke gehört, dass Carl Ihre Tochter beehrt?' ,Wenn der Besuch eines tadellosen jungen Mannes ein Glück zu nennen ist. — dann kann ich nichts dagegen haben. Was meine Tochter betrifft und was sie damit zu schaffen habe, ist' mir nicht bewusst, und ich muß Sie ersuchen, deutlicher mit der Sprache herauszurücken.' ״Ich bin von Allem nur zu sehr unterrichtet und bitte Sie, künftig jeder Zusammenkunft Ihrer Tochter mit meinem Sohne eine Grenze zu setzen; dennzu einem Bündnis werde ich niemals meine Einwilligung geben!' An allen Gliedern zitternd, verließ Engelmann tief gekränkt' das Haus des stolzen Mannes. Als er in seinem Zimmer anlangte, fand er seine Tochter mit einer Handarbeit beschäftigt. Er fasste sie mit scharfen, vorwurfsvollen Blicken in's Auge. Ruth wollte sich beim Anblick des Vaters erheben, aber sein Blick hielt sie zurück. Wie ein elektrischer Funke durchfuhr es plötzlich Rnth's Seele, bestürzt wich Engelmann vor der aufgerichteten Gestalt seiner Töchter zurück, - er glaubte den Geist seiner tahingeschiedeuen Frau zu erblicken. ,Was ist denn vorgesallen, mein Vater?' ,Du hast mich tief betrübt, meine Tochter! Wie konntest Du ohne mein Wissen mit Carl Joelsohn derart, vertraut werden, dass ich darüber bittere Vorwürfe vernehmen musste? ' - .Mein Vater höre, und Du wirst Deinem Kinde verzeihen. Nie hat eine Schuld die Reinheit meiner Seele vergiftet, nie habe ich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.