Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 6 (21.2.1890)
- Date
- 1890-02-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Nehemias und die Befehle Esras. als der Tempel sich auS seinen Trümmern erbob und man das Allerheiligste wieder ansrichtete . . . Wir ^gierigen in den Tempel, dessen umsikalischer Leiter und erster Sänger er war, um Sulzer zu hören. Selten noch sind wir von einer tiefen Bewegung erfasst werden, die sich so unwiderstehlich aller mitfühlenden, anbetenden Kräfte unserer Seele so eindringlich bemächtigte, wie an dem Abend, als im Schimmer von tausend wie Sterne zerstreuten Kerzen .ein fremdartiger Cbor von gedämpfte Kehllaute ansstvßenden Stimmen uns umranfckte. Jede Brust erschien uns ein Gefängnis, aus dem ein unsa'sbareS Wesen sich emporschwang, um im Elend und in der Sclaverei den Gott der Arche zu preisen, mit unerschütterlichem, ergebenem Glauben zu ihm aufzuschreien, sicher, einer Tages ans dieser unabsehbaren Gefangenschaft befreit zu werden, diesen Boden zu verlassen, diesen fremden Strömen zu entstiehen, dem neuen Babylon zu entkommen und angesichts der bestürzten Völker mit einem Triumph von beispielloser Herrlichkeit in das alte Königsschloss zurückzukehren . . .* Eine nicht minder bedeutende Anerkennung Sulzers 'durch Liszt wird von Frau Gabriele Frankl-Joel nntgetheilt. Diese bekannte und hochgeschätzte Pianistin schreibt hierüber Folgendes : ,Es war vor etwa 14 Jahren als in einem Conzerle im großen Musikvereinssaale zur Zeit der Anwesenheit Franz Liszl's in Wien ,Die Allmacht' von Schubert in der Liözi'schen Bearbeitung für Männerchor mit Orchesterbegleitnng anfgrfnbrt wurde. Ich balle einen Tag später Gelegenheit, mit dem Meister allein zn sein, und sprach zu ihm mit b>geisterten Worten von dem mächtigen Eindruck, den das herrliche Tongemälde auf mich gemacht und dass ich jedesmal, wenn ich ״Die Allmacht" von einer einzelnen Stimme im Original singen gehört, cs wie ein Ahnen empfunden, dass dieses ergreifende L!ed rn gewaltigerer Form, in unendlicher Verstärkung ertönen müsste, um so zu wirken, wie ich glaubte, dass Schubert sich's gedacht, und — wie es mir, einer erfüllten Verheißung gleich, in Liszl's Bearbeitung erschienen. Liszr Hörle mir mil sichtbarem Wohlgefallen zu und sagte dann: ,Da Ihnen das Tonstück so viel Freude macht, wird es Sie auch lnteressiren, wie es entstanden ist; ich will es Ihnen erzählen: Auch ich Halle damals die Ueberzcuzung, dass die ,Allmacht" eine unlösbare Ausgabe für eine Singstimme sei, bis ich sie einmal von einem Sänger hörte, der ihr gewachsen war: cs war der Canlor Sulzer! Ich Hörle das Lied singen, und während er sang, da fühlte ich, wie der Flug des Künstlers ans gleicher Höhe stand mit dem Wollen des Tondichters; da breitet sich die ganze Fülle begeisterter Andacht, die in dieser Schöpfung liegt, erhaben und wie losgelöst von jeder Begrenzung der physischen Mittel, vor mir ans, und wie ein Machtgebor stieg der Gedanke in meiner Seele aus: Nur vom großen Chor gesungen kann die ״Allmacht" so klingen, wie sie aus dieser Sängerbrust hervorgegangen! Ich habe die Bearbeitung unternommen unter dem noch warmen Eindrücke von Sulzer's Leistung, um seine mir unvergessliche Wiedergabe für die Nachwelt festzuhallen.' (Fortsetzung folgt.) Die Gebete nach der heiligen Schrift und nach den Warten der jüdischen Gelehrten. Vom Lczirkö-Nabbiner A. Roth in SikloZ. Das erste Sieges- und Preislied ha! Violas und Israel gesungen. Dieser erste Gesang war ein Frciheitslied. .Moses und Israel saugen ein Lied d.m Ewigen', sagt die heilige Schrift. In jedem Tone Gott, in jeder Silbe Gott, in jeder Zeile Gott. ,Ick singe dem Herrn', damit beginnt Israels Freiheitslied, iw der Mitte desselben: ,Wer unter den Mächten?' und am Ende: ,der Herr wird ewiglich regieren!' Allo vom Anfänge bis zn Ende derselbe Ton. derselbe Geist: Gott. Israel war vom Glauben durchdrungen, dass es nur durch Gottesmacht und nur durch seine schützende und waltende Vorsehung gesiegt bat. Schon unsere Nabbinen sagen : Es gibt eine Anhöhe, die beißt Araana, der Glaube, —; wenn die Kinder des Goluth zu dieser Höhe gelangen, dann vergessen sie ihr ganzes Leid und Weh und singen.*) Dieses herrlichste und älteste Freiheitslied ist in das Gebetbuch ausgenommen worden, und selbst in den Zeiten der Drangsale und Leiden, während die Herzen von den Weben und Kümmernißen der Zeit so schwer beengt und bedrängt waren, hat jeder Israelit täglich dieses Siegeslied gesungen, weil der Glaube an all' ibr Leid und Weh vergessen machte. Dieser Glaube, dass Gott sie wieder befreien werde, wie er die Vorfahren aus der egyplifchen Sclaverei befreite, bewährte zu allen Zeilen seine wundervolle Golteskrafr, der Gesang wich nicht aus Israels Herzen, nicht von Israels Lippen, stets war sein Wahlsprach: ,Gott ist mein Sieg und mein Lied, er war und ist und wird sein meine Hilfe." Nabbi Josua Ben Levi sagte treffend: ,Wer in dieser Welt singt, der wird auch jenseits singen' * 2 3 4 5), d. h. wer selbst in Leiden, im Vertrauen auf Gort, singt, der wird durch seinen felsenfesten Glauben nie den Muth verlieren, weil der Gesang die Tonleiter ist, auf deren Sprossen das Herz sich in die Höhe bebt. Ein solcher wird gewiss der Seligkeit theilbafrig werden und die- Erscheinung Gottes sehen.' Der Gesang wich nie von den jüdischen Lippen, selten hörte man aber profane, entwürdigende, unkeusche und unsittliche Lieder, sondern Dank- und Preislicder zum Ewigen. ,Ich singe dem Ewigen', war Israels Wahlspruch. Wie sie dieses Freibeitslied gelungen haben, darüber sind׳ im Talmud die Meinungen verschieden?» Nabbi Akiba meinte, dars nach jedem Satze, den MoscS anstimmte, das Volk einsiel mit den Worten: ,Ich finge dem Ewigen.' Nabbi Eliscr der Galiläer sagte, dass das Volk Moics jeden einzelnen Satz im Chore nachsang. Nabbi Elieser b. Asarjah vertrirr die Ansicht, dass es Moses respondirte, er fieng nämlich an: .Ich singe dem Ewigen', und das Volk erwiderte darauf: .Ich finge dem Ewigen, dass er sich erhoben.' Nabbi Nechemjab glaubte, dass MoseS blos intonirle, und das ganze Volk, wie durch ein Wunder, das ganze Lied in heiliger Begeisterung sang. Daher, sagt Herr Dr. Jellinek^), war cs auch in der alten. Gemeinde Wien, wie in anderen österreichischen Gemeinden Sitte, dass beim Vorlesen der Thora am Sabbalh Schira und am siebenten Tage des Pessachseslcs der Vorbeler daS Lied am rorh.'n Meere inlonirte und die ganze Gemeinde im Chore vortrng. eine Sitte, die mil passenden Abänderungen noch beute Nachahmung verdient. Wir würden das erste Lied unserer Vorfahren nicht verstehen und alle Farben der Schönheit verwischen, die in seinem. Bane, in itineii kurzen und kräftigen Sätzen, wie in seinen kunstvollen und verschlungenen Strophen sich offenbaren, wenn wir etwa glauben wollten, Moics und das Volk hätten cs bunt durch einander, und nicht in abwechselnden Chören mit starken und schwachen, hoben und ti.fen Stimmen gesungen?) ') Schemoth R. K. 23. ) Synh. 91 b. 3) Sota 30. 4) Predigten Dr. Zellinek, 1. Theil, S. 94. 5) Daselbst, S. 93. .דייי׳^•: ׳.-ד5- ו