Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 5 (11.2.1890)
- Date
- 1890-02-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453177--2771-3457055- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— S — Spruchlitteratur in den Vordergrund. Bei den Hebräern mehrte und klärte sich die Gedankenfülle durch die erhabenen Vorstellungen von den Beziehungen zu Gott, während anderseits die Neigung zu realen Zwecken, zur practischen Thätigkeit, zu klarer, kurzer Fassung deS gedanklichen Inhaltes drängte. Die Beschaffenheit der hebräischen Sprache begünstigte diese Kürze. Für die verschiedenen Formen, in welchen die didactische Poesie auftrilt, hat die hebräische Sprache ein Wort ausgeprägt: 210861101״“, ein Wort so alten Herkommens, dass der zu Grunde liegende Verbalstamm so gut wie verloren ist. Ursprünglich so viel wie Gleichnis, Vergleichung, bezeichnet es nicht blos ein im Sinne einer au eine auffallende Begebenheit sich anlchnendcn und dann im Volkßmunde sich erweiternden Redensart, wie: .Zbuch Saul unter den Propheten(1. Sam. 10, 12), deren Ursprung schon nicht unbestritten war, sondern auch Sprüche moralischer Tendenz, oder auf Erfahrung beruhenden Inhaltes, wie David in seiner Vertheidignngsrede gegen Saul den alten Spruch anführt: .Vom Bösen geht Böses aus/ (1. Sam. 24.14). und wie ja die große Spruchsammlung, welche nach Salomon den Namen 211861116״“ führt. Aber das Wort 210861101״“ debnt die Grenze ]eines Reiches noch weiter aus. Eine philosophische aber in dichterisches Gewand gekleidete Betrachtung über Tod und Unsterblichkeit (Pf. 49,5) nennt sich ebensowohl 210861101״“, wie ein auf sittliche Belehrung angelegte poetische Bearbeitung der alten Geschichte. (Ps. 78, 2.) Mit 210361101״“ wechselt oder steht im Parallelismus die ״Chidah“, scharfsinniges und witziges Epigramm, Gleichnis, Spruch. Es kommt von einer Wurzel, welche mit^iner^andern, deren Bedeutung ist ,scharf sein*, in naher Verwandrschaft steht. Bei der Hochzeit des Simson mit einer Philistäerin, also an einer Tafel, wo wahrscheinlich Hebräer und Philister zusammen saßen, vergnügt man sich mit der Aufgabe von Näthscln. Mit Beziehung darauf, dass Simson. in dem Leibe eines Löwen, den er selbst getödtct, später von einem Schwarm wilder Bienen znrnckgelassenen Honig gefunden, gibt er das Näthsel aus: ,Vom Freffer kam Speise und vom Starken kam Süßes/ Als das Weib, erschreckt von den Drohungen der Philister, dem Simson, der nur Frauen gegenüber schwach war, die Lösung abgelockt und den Philistern verrathen hatte, sagte Simson: ,Hättet ihr nicht mit meinem Kalbe gepflüget, so hättet ihr nicht mein Näthsel gelöste, (Richter 14, 12 — 19), welche Antwort eben so gut eine Ckidah heißen konnte, wie die Aufgabe selbst. Eine drille noch seltenere Bezeichnung für denselben Begriff ist 2״Ielizah“, eigentlich Verdolmetschung, indem das Gleichnis für das Verständnis eines an sich schwierigen Gedankens thätig ist. Alle drei Ausdrücke sinden sich zusammen in einer Stelle des Propheten Habaknk (Kap. 2, 6.) und in der Einleitung zur salomonischen Spruchsammlnng (Spr. 1 — 6.), wo alle drei als Synonyme auftreten, sttüich 210861101״“ als das herrschende, gebräuchlichste Wort. Welchen Werth die Nabbincn auf das Wort 210861101 legten, welches Gewicht sie demselben bcimaßcn, geht unzweideutig aus den Worten des Midrasch (Nab. zum Hohenl. S. 3) hervor, welche lauten : ״AI jelii Hamosehol kal b’eneeho, seheal ]öde Hamosehol Odom omed al Umke 861161 Thora.“ Nie halte daS Gleichnis (N086h01) gering, denn durch dasselbe dringt der Mensch in die Tiefe der Lehre (Thora) ein. Wie ein König fein verlornes Goldstück, feine kostbare Perle mittelst eines Lichtes, das doch nur einen geringen Werth hat, in seinem Haufe wieder findet, ebenso erscheine das 210861101״“ in deinen Augen nicht gering, cs gleicht dem Lichte, wodurch inan schwierige Stellen der Thorah erklären und zum lichterr Verständnis bringen kann. Das 210361101 steht auch im Dienste der Hazada, welche sichdurch den mündlichen Vortrag entwickelte. Den Stoff dazu entnahm man bald aus der Natur, bald aus der Menschenwelt^ Das 210861101 gibt Zeugnis von der plastischen Gestaltungsgabe der Rabbiner. Wegen der scharfen und lebensgroßen Zeichnung, der eingeführten Personen können viele Gleichnißreden geradezu, als in Worte cingekleidete Gemälde gelten.. Es würde einem Maler nicht schwer fallen, dieselben auf Leinwand zu fi.riren. Um die zu erläuternde Wahrheit unter den. verschiedensten Gesichts-- punkten darzustellcn und ihre Bedeutung und Wichtigkeit eindrindlich zu machen, gebrauchten die Redner nicht selten das - Gleichnis 210861101. Die Weisen liebten es, Sentenzen, Maxime^ Sittensprüche und Sprichwörter, mit in ihre mündlichen Vorträge zu verweben, wodurch sich die erhische Agada bildete. Wir besitzen ganze Sammlungen solcher Sittensprüche. Schon das Buch ,Sirach" welches den Priester, Josua ben Sira, zum Verfasser hat, und ״das Buch der Weisheit", von einem egyptischen Juden herstammend, sind solche Sittensprnchsammlungen. Späterer Zeit gehören die ,Pirke Abot", oder die Sprüche der Väter ,Dersch Erez, Nabba und Sulta" an. Was die Sprüchwörter anlangt,, so sind manche der sogenannten Weisheit der Gasse entlehnt. In der Regel werden dieselben, um sie als rechten Ausdruck des Volksbcwusstscin hinzuftellen, mit der Formel eingeführt: ,Wie die Leute sagen/ Noch sei hervorgehoben, dass-, unter der Spruchweisheit sich viele Zahlsprüche finden, welche an ganz ungleichartigen Dingen doch gewisse Aehnlichkeiten auszeigen. Solche Zahlsprüche haben neben dem Witzigen oft auch etwas Ueberraschendes. w ..... r. (Fortsetzung folgt.) Gedenket der Tage der Vorzeit — erwäget die Aenderuug der Zeitalter. V. B. M. 32, 7. XXII. S e h r g e e h r t e r H e r r N e d a c t s n r! Nachdem ich die Wirksamkeit zweier christlicher Humanisten. Betreff unserer Emancipation, wie ich hoffe, gemäß meinem 'Motto genügend gewürdigt, beschränke ich mich, ans den. Märtyrern deutscher Juden, die durch Wort und Schrift zur Herbeiführung günstigererZustände, zur Erkampfung der Menschen» rechte für uns eingetreten sind, nur drei herauszuheben und deren kurze Lebensbeschreibung mit besonderer Berücksichtigung dessen, was sie zur Verbesserung unscrer Zustände geleistet, zu bieten. Zweifelsohne muß da dem״ charaktervollen, gssinnungstüchtigen, ersten jüdischen Parlamentarier, dem Milbearbeiter der Grundrechte des deutschen Volkes, Dr. Gabriel Rieß er, die- Palme gereicht werden. Der berühmte Pädagoge Dr. Diestcrweg empfiehlt in seinem Wegweiser für Lehrer, zur Anfertigung deutscher Arbeiten^ L cctüre — jedoch unter der Bedingung, dass der Betreffende dieselbe gründlich in sich verarbeite. ,Denn", fügt der berühmte Lehrerbildner hinzu: ,Der Löwe verschlingr mitunter ganze Hasen — nur verarbeitet er diese in seinem Innern zu Löwenfleisch". Wie aber wenn umgekehrt, wenn ein alter Hase sich erkühnt, Löwen-Leetüre, wie Jost-, Grätz- und Jslers-Werke — in sich zur Verarbeitung anfnehmen zu wollen? Diese Vermessenheit kann ihm sehr übel bekommen. Jndess gehört bekanntlich dem Muthigen die Welt, und so will ich es demnach wagend Dr. Gabriel Nießer's Lebensbild, dem mir gewährten Raumegemäß, kurz zu zeichnen.