Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 5 (11.2.1890)
- Date
- 1890-02-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453177--2769-3457053- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Culturlebcns erzielt wurden, der alte Judenhass, der sich ostentativ nennende Antisemitismus, neu erwacht und seine gefährlichen Geschosse wie in grauer Vorzeit gegen Israel, dieses Volk'der Geschichte, schonungslos zu richten bemüht ist, dürfte es wohl nicht überflüssig erscheinen, in einem Vortrage im Kreise einer achtbaren intelligenten Gesellschaft zu zeigen die Wege, die der Antisemitismus in seinen ersten Anfängen, nämlich in den biblischen Zeiten, eingeschlagen und die Mittel, die er angewandt, um sein sich vorgestecktes Ziel zu erreichen. Neid, Mißgunst, Scheelsucht, Eigennutz und Nacenhass einerseits, Fanatismus, Aberglaube, Vorurtheil und Neligionhass andererseits waren stets die Triebfedern der Handlungs- und Verfahrungsweise der Antisemiten im grauen Ältcrthum. Schon in der Patriarchcnzeit, wo von einem sogenannten alttcstamentarischen Weihrauch noch nicht gefaselt wurde, hat es Antihebräer gegeben, die aus Neid und Mißgunst AuSwcisungS« Lccrrte für die vom Glücke begünstigten Hebräer erließen, sie aber wieder aussuchten, so sie ihrer Hilfe und ihres Beistandes nicht entratheu konnten. So erzählt uns die heilige Schrift, dass der Patriarä) Isaak, als er in Gerar wohnte und des blühendsten Wohlstandes sich erfreute, von den Philistern so sehr gehasst und beneidet wurde, dass sich der König Awimclech genothigt sah, dem Patriarchen zurufen: ״Lech meimomi. Gehe fort von uns, verlass' unser Land und unfern Staat, lei ozamto mimenu meod, denn Du bist uns schon szu groß, zu mächtig. Wir können es nicht mitansehen, wenn Hebräer bei uns zu Neichthümern gelangen und sich des blühendsten Wohlstandes erfreuen.' Als jedoch später Awimelcch lebhaft das Bedürfnisfühlte, mit dem gottbegnadeten Patriarchen ein Schutz* und Trutzbündnis zu schließen, verfügte er sich selbst in höchst eigener Person in Begleitung seines Gefolges zum Patriarchen, um ihn gleichsam durch eine solch' hohe Auszeichnung captiviren und für seine Interessen gewinne» zu können. Isaak jedoch, der Selbstbewusstsein und Charakterfestigkeit genug besaß, als dass er sich durch das Erscheinen Awimelech's Härte einschüchtern und täuschen lassen, rief seinen hohen Gästen erstaunt zu: .Warum seid Ihr jetzt zu mir gekommen, Ihr seid doch ausgesprochene Antihebräer, die sich von ihrem Hebräerhass bestimmen ließen, mich auszuweisen, weil ich nur mit der göttlichen Hilfe Neichthümer bei Euch erworben.* .Wir haben', entgeznete kleinlaut der König Awimelech, ,nunmehr die Ueberzeugung gewonnen, dass Du nicht, wie die Philister behaupten zu müflen glaubten, auf Kosten Anderer, sondern auf. ehrliche und redliche Weise dein Vermögen in Gerar erworben, dass Du Dich des göttlichen Beistandes, der göttlichen Hilfe und der göttlichen Fürsorge erfreuest, dass Du ein gottgesegneter und gottbegnadeter Mann bist, daher sind wir gekommen, um einerseits Dir unserer Hochachtung und Anerkennung zu zollen, und andererseits mit Dir ein Freundschaftsbündnis zu schließen, dass wir uuS nie gegenseitig befehden, bekämpfen, bekriegen und besiegen werden', welchem Wunsche der Patriarch bereitwilligst zu entsprechen keinen Augenblick Anstand nahm. Weit schädlicher und verderbenbringer war der Nacenhass in dem thiervergötteruden und menschenbedrückenden Egypten. Die Israeliten kamen in der redlichsten Absicht nach Egypten, um dort während der Zeit der HungerSnoth eine Zufluchtsstätte zu fl »den. Sie glaubten umsomehr auf die Gastfreundschaft Egyptens rechnen zu dürfen, als einer ihrer edelsten und würdigsten Söbne, als Joseph, von dem selbst König Pharao begeistert ausgernfen: ,Findet man im ganzen großen weiten Reiche einen Mann, der vom Geiste Gottes so-durchdrungen wäre als dieser?', sich um die Prosperität deS egyptischen Staates, um die Hebung und Förderung der Humanitären gemeinnützigen Institutionen Egyptens unsterbliche Verdienste erworben, indem er Hunderttansende vom Hungertode gerettet hatte. Allein gar bald nach dem Tode Joscph's sehen sie sich in ihren Erwartungen getäuscht, bitter getäuscht. Der Antisemitismus ist undankbar, unversöhnlich und rücksichtslos im höchsten Grade, er sucht die edelsten Bestrebungen und Bemühungen Andersdenkender, wie überhaupt jedes schöne anerkennenswerthe Verdienst, das sich ein Semite unr seine Mitmenschen erwirbt, zuverdächtigen, zu verumglimpfen, zu verdunkeln und in den Schalten zu setzen. In Egypten war der Nacenhass so stark entwickelt und hatte solch' gewaltige Dimensionen angenommen, dass selbst der König Pharao, der früher den Joseph mit allen möglichen Ehren überhäuft und ihm sogar zugerufen hatte: ,Es gibt im ganzen großen Reichs keinen so würdigen, klugen und verständigen Mann, der Die würdig an die Seite gesetzt zu werden verdienen würde', für die großen patriotischen Verdienste Joseph's kein Gedächtnis mehr hatte, ascher lau joda es Jaussef, Joseph nicht kannte oder nicht kennen wollte. Der Scheinheilige. Eine Erzählung. Von M. Tin tu er, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch-Schlesien (Nachdruck verboten.) (2. Fortsetzun g.) Es war ein schöner Herbstabend, und Nuth mochte schon eine Weile in Träumereien versunken gesessen haben, als ein leiser Druck auf ihre Schulter sie plötzlich erweckte. Sie blickte rasch um sich und Karl Joelsohn staud vor ihr. Sie erhob sich, und wollte sich entfernen; doch der junge Mann hatte schon ihre Hand ergriffen uud an feine Lippen geführt. ,Ich preise das Geschick und den günstigen Zufall, der Sie mir doch endlich einmal gegeuüberstellt, bleiben Sie uud entziehen -Sie mir nicht Ihre Gegenwart!' ,Ich verstehe Sie wirklich nicht, Herr Joelsohn', sprach Ruth., ,Sie verstehen mich nicht?' fuhr er fort, — ,Ruth,'Geliebte meines Herzens!' ,Sie vergessen sich, mein Herr!' sagte das Mädchen und richtete irch stolz in die Höhe, ,oder Sie wollen eines armen Mädchens spotten, LaS nicht weiß, wodurch sie Ihnen Gelegenheit gegeben, dass Sie es zur Zielscheibe Ihrer Laune wählen!' Sie riss Ihre Hand heftig aus der seinen, eine dunkle Nöthe überflog ihr Antlitz; sie gab sich Lllle Mühe, ihre Erregung zu unterdrücken und versuchte in das Nebenzimmer zu eilen. ,Bitte Fräulein', rief Karl, sie zurückhaltend, ,hören Sie mich an! An dieser Stunde hängt mein Lebensglück. Bei Gott, ich meine es ehrlich, versprechen Sie mir Ihre Hand und Ihr Herz, die Einwilligung ihres Vaters hoffe ich zn erlangen!' Nuth schwieg, sie erbleichte und wurde dann wieder, wie von Gluth übergossen. - Er ergriff abermals ihre Hand, die sie ihm nun ruhig überließ. — Die Brust voll der seligsten Hoffnungen, verließ Karl das Haus des Cantors. * * * In einem großen Zimmer, welches von einer kostbaren Bibliothek geziert wurde, stand in d.r Mitte ein grünüberzogener Tisch, auf dem ein Foliant lag. Es ist das Arbeitszimmer des ehrwürdigen greisen Rabbiners Dr. Löb. Unruhig gieng er ans und ab. Er harrte des Vorstandes des angeklagten Cantors und der von Labes gemietheten Zeugen. Bei jedem Schritte staud Dr. Löb still, zog seine Uhr hervor uud blickte mißmuthig nach der Straße, ans welcher die Vorgelade.uen kommen mussten. Endlich traten die Erwarteten ein. Nachdem dieselben Platz, genommen, die Anklage verlesen war und heftige Debatten die Gemüther erhitzt hatten, ergriff der Rabbi die Glocke und in׳ beredter Weise widerlegte er die Verleumdung, die aus einer rachedürftigen Seele entsprossen war. ,Meine Herren, eines solchen Vergehens ist unser würdiger Cautor Engelmann nicht fähig, ich spreche ihn Kraft meiner rabbinischen Autorität mit gutem Gewissen und nach reiflicher Ueberlegunz frei und verurtheile den Kläger, öffentlich Abbitte zu leisten.' -