Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— •4 — Maimunis, beim er war kein Freund der Systematik und wollte Len Talmud nicht zum Abschlüsse bringen, ihn erfreuten vielmehr ralmudische Controversen, die er nach der Tossasisten-Weise erweiterte. Auch die Religionsphilosophie Maimunis sagte ihm nicht zu; Aristotel'sche philosophische Grundsätze wollte er von der Theorie der heiligen Lehre vollends geschieden wissen. Die Wahrheit der Thoralehren, meinte er, dürfe durch die Philosophie nicht erhärtet werden, weil die Thora höher als alle Wissenschäften stehe. Die Thora ist die magna charta der Juden, an ihr Kritik üben wollen, hieße, den Boden unter den eigenen Füßen unterwühlen. Für Maimuni ist der Mysticismus verpönt, er will alle Satzungen der Lehre mit dem Lichtstrahle der Vernunft beleuchten, daher glaubt er auch nicht an böse Geister, an Dämone, Schedim u. s. w. und bezeichnet einen solchen Glauben als eine Verirrung menschlichen Geistes, als einen heidnischen Aberglauben. Nachmani hingegen ist der Mystik ergeben, schreibt den Dämonen Macht und Einfluss zu, und kann er sich eine Satzung nicht rationell erklären, so wittert er in derselben ein tiefes Geheimnis, dessen Schleier kein Sterblicher zu lüften vermag. Die Begründer der Kabbalah/ Asriel und Esrah, Jacob ben Schesches und der Dichter Mschullam En Vidas Dafiera stellten Nachmani als ihren Gewährsmann auf und ihr Heim war Geronna, Nachmanis^Geburtsort. Als das Feuer der Zmietrachi wegen Maimunis Schriften in Hellen Flammen ausbrach und sowohl in den spanischen als in den französischen Gemeinden Parteien für oder gegen Maimuni sich bildeten, hielt Nachmani zur Gegenpartei des Letzcren und unterstützte die wissensfeindliche Partei. Er hatte die höchste Verehrung für die nordfranzösischen Tossaflsten, so dass er für die Letzteren Propaganda machte, und überall war er bestrebt, seinen Einfluss für dieselben geltend zu machen. Denkwürdig bleiben seine begeisternden und begeisterten Worte für die Vertreter antimaimunischer Richtung, die in poetischem schwungvollem Style gehalten sind. Sie lauten: ,אם רבינו צרפת דברו על השמש בחצי השמים לכסותו וב Man dürfe den französischen Rabbiner! nicht widersprechen, selbst wenn sie das Licht der Sonne am Hellen Mittag verdunkeln und den Mond verdecken. Als Nachmani aber später sah, dass die Einheit des Judenthums durch, die Gestaltung der Parteien gefährdet sei, gieng ihm diese trübe Erscheinung am Horizonte des Judenthums sehr zu Gemüthe und er nahm sich vor, in diesen Streit vermitteln d einzugreifem Er schrieb daher an die Antimaimunister nach Frankreich, dass die üblen Folgen dieses Zwistes unberechenbar seien, sie mögen daher den ausgesprochenen Bann über seinen Neligionscodex aufheben, dagegen den Bann über die Beschäftigung mit seinen religionsphilosophischen Schriften verschärfen. Dieser Vermittlungsvorschlag blieb vollständig unberücksichtigt, und der Kampf wurde von den Vertretern dieser heterogenen geistigen Richtung mit aller Schärfe fortgesetzt. Das Wichtigste in seinem äußeren Lebensgange ist wohl seine im Jahre 1263 mit Pablo Christiani in Gegenwart des Königs Jacob von Arragonien öffentlich geführte Disputation über Judenthum und Christenthum. Pablo Christiani, ein im Talmud gut versirter Renegat, hegte die Absicht, Nachmani, die höchste Autorität der spanischen Juden, zu bekehren, und wähnte, dadurch die Bekehrung sämmtlicher spanischer Juden zu erzielen. Nachmani widerlegte die Beweise Pablos dadurch, dass er die von Letzterem angeführten Agadastellen nicht buchstäblich anffasse, und dass die Agada überhaupt freie Forschung sei, die man nach eigener Meinung nach Belieben deuten dürfe. König Jacob bemerkte zu Nachmani, er habe noch nie eine ungerechte Sache mit solcher Geistesschärfe vertheidigen gehört. Die Folgen dieser Disputation waren für die spanischen Juden ungünstig, der Talmud wurde zwar nicht, wie in Frankreich, zum Scheiterhaufen verdammt, aber zu einer Censur verurtheilt, wobei eine Commission von Dominikanern die zu streichenden Stellen im Talmud bezeichnete. Der judeufeindliche Gelehrte Naymund Martin erklärte sich entschieden gegen die völlige Vernichtung des Talmud, da daselbst viele Stellen enthalten sind, welche die unumstößliche Wahrheit des Christenthums bekräftigen. Auch für Nachmani selbst war diese Disputation Verhängnisvoll. In seinem siebzigsten Lebensjahre anno 1267 mußte er den heimatlichen Boden verlassen und wanderte, wie dereinst Jehudah Halewi, nach Palästina aus. Am Schlüsse seines Pentateuchcommentars schildert er ergreifend die Verödung der Goltesstadt. Auch seinem Sohne Nachman theilte er in einem Briefe die unerquicklichen Zustände Jerusalems in herzerschütternder Weise Der SchtinheUigk. Eine Erzählung. Von M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch-Schlesien. (Nachdruck verboten.) (1. F o r t s e tz u II g.) ,Meinungen lassen sich nicht aufzwingen, und was Gott bestimmt, das muß geschehen, doch was wollten Sie damit sagen, dass meine Tochter ihr Herz —* ,Jawohl, ich habe Beweise, schriftliche Beweise in Händen!' .Halten Sie ein mit Ihren Behauptungen, die nachzuweisen, Ihnen schwer fallen könnte!' .Trete ein, mein Kind, ich will Dir den Sabbathfegen geben!' sprach hierauf der Cantor zu der im Thürrahmeu sich zeigenden Tochter. Ruth hatte alles gehört und mit Verachtung gieng sie an Labes vorüber zu ihrem Vater und beugte, ,guten Schabbos' wünschend, ihr Haupt. Der Cantor legte die Hände auf den Lockenkopf der Tochter und sprach: .Gott lasse Dich werden wie Sarah, 'Rebekka, Rachel und Lea! Der Ewige segne und behüte Dich Amen!' .Was meinst Du dazu, mein Kind", Hub er nach einer Weile wieder an, ״wenn Du diesem Manne deine Hand zum Ehebunde reichtest? Siehe, ich werde älter und möchte Dich doch versorgt wissen. ' ,Nie, mein Vater, niemals!* fuhr die Tochter heftig auf, ,nie wird dies geschehen. Stets war und will ich Dir eine gehorsame gute Tochter sein, die Dich zu erfreuen suchen wird. Diesen Heiman Labes! Nein, ihm am wenigsten könnte ich meine Hand reichen. Dieser Mann kann mir nur Abscheu, nie Achtung oder gar Liebe einflößen. Das ist das letzte Wort, das ich auch Ihnen, Herr Labes, zu sagen habe.' ,Danke bestens für das schöne Compliment! Das gnädige Fräulein mag mich nicht leiden, gut, thut nichts, fühl' mich gar nicht beleidigt, ich bin doch nur ein schlichter Mann und kein Banquier, aber Segen soll Ihnen diese Stunde nicht bringen!' Länger vermochte sich der beleidigte Vater nicht zu halten und mit voller Entrüstung zeigte er dem zähneknirschenden Labes die Thnre. * * * Während dieses Vorganges wartete Herr Fries an einer Promenadenecke auf seinen jungen Chef Carl. Endlich kam er. — ,Erwarten Sie mich?' rief dieser dem Buchhalter entgegen. .Jawohl, ich habe Ihnen wichtige Mittheilnngen zu machen!' .Reden Sie, lieber Freund!" ,Heute Morgen war der uns stets unwillkommene Labes bei Ihrem Vater und verleumdete Sie in einer abscheulichen Weise, schilderte in der unpassendsten Art die Besuche bei Herrn Engelmann und Ihre Freundlichkeit zu dessen Tochter. Doch mehr als dies Alles ist die Unterschlagung eines für Sie bestimmten Briefes, von dem ich schnell eine Copie anfertigte. Hier ist dieselbe, lesen Sie! -— Der Chef ist in furchtbarer Aufregung, und wird alles Mögliche aufbieten, Sie von diesen Besuchen und Neigungen abzuhalten.' ,Besten Dank, edler Freund!' Eine hohe Röthe übergoß die Wangen des jungen Mannes, seine Augen blitzten, die Brust hob sich, als er das Schreiben las, welches folgenden Wortlaut hatte: