Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453176--2759-3457042- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
3 er dem Adlerfluge des Dichters auch nur annähernd folgen will! Ja wahrlich, zu solchen wechselvollen, veränderlichen Bildern und Szenerien gehört viel und verschiedene Farbe, um sie naturgetreu zur Darstellung bringen zu können. Wir verzichten daraus, hierfür besondere Beispiele anzugeben. Jeder Psalm hat solche sah wechselnde Asfecte in Fülle anfznmeisen, und wir erinnern nur an den kleinen Psalm 137, der in jedem Verse ein anderes Bild hoher Poesie annimmt und vom stillen, kiagelosen Weinen, wo die Tbräncn wie die Gewässer in den Strömen, an welchen sie saßen, reichlich flössen, bis zum schauerlichsten Vandalismus, wo unschuldige Kinder an Felsen zerschellt wurden, gesteigert wird. Das ist eine wahre Symphonie in Worten, und wollte man sie treulich in Musik übersetzen, so müsste der Componist ein eben solcher erhabener Dichter sein, wie ihr Dichter ein erhabener Musiker war. Nichten wir den Blick auf unsere Gebete, so werden wir gewahr, dass sie sowohl auf der Höhe der Sprachreinheit und Gediegenheit stehen, als auch von erhabener Diction und Form und von edler Anschauung über Gott und die Welt sind, so dass manche derselben wirklich ,philosophischeGebete* genannt zu werden verdienen. In zweiter Neihe zeigen sie eine so mannigfaltige Verschiedenheit des Inhalts und der Bedeutung, dass man wohl behaupten kann, die große Zahl und der Umfang derselben deuten auf den Neichthum des Gesanges, und sie wären gewiss nicht in dieser großen Menge und von solcher Ausdehnung, stände uns nicht -im Voraus eine ihnen ebenbürtige Musik zu Gebote, die sie in feierlichen Momenten zum rechten Ausdruck und zur Offenbarung der in ihnen verborgenen Gemüthsbewegungen und Empsindungen zu bringen vermöchte. Denn Gebete ohne Ausdrucksmittel bleiben wcrth- und wirkungslos, und vielleicht auch deshalb haben unsere Alten darauf gedrungen, n u r in der Gesammtheit (Minjan) und gar nicht allein zu beten, weil je größer die Beterzahl, desto wahrscheinlicher die Voraussetzung, dass da Einer sein wird, der die Gebete in ihrem sprachlichen Verständnis und in ihrer Gefühlsäußerung vollkommen zu erfassen und sie so lebendig und wahr wiederzugeben im Stande ist. Mit Rücksicht auf die verschiedene Bedeutung gib! es, abgesehen von den Sühn- und Bußgebeten und Sündenbekenntuißeu, solche Gebete, die um V e r h ü t u n g eines im Anzüge stehenden oder um A b w e n d u n g eines bereits eiugetrosfcnen Unglücks flehen. Manche sind ein schmerzvoller Nothrui und ein Aufschrei zu Gott, ohne Aussicht auf Erlösung und Hilfe, und andere enthalten dabei gleichzeitig eine heiße B i r t e um baldige Errettung und gleichsam den V o r! ch! a g, ans welche günstige Weise der Unglückßfall zum Guten abgeändert werden könnte. Die einen sind Dankgebete für die immerwährend waltende Güte und Gnade Gottes, andere Preis gebete für erwiesene Befreiung ans Knechtschaft und Verfolgung. Dann kommen die Lobgefän ge über die Größe. Allmacht und Allgegenwart und so viele andere erhabene Eigenschaften Gottes, die seinen Nuhm verkünden; B c t r a ch t u n g e n über seine Herrlichkeit und seine Schöpferkraft, über sein unzweifelhaftes Dasein und seine absolute Einheit; auch Erzählungen von der Macht und dem unerforschlicheu, geheimen Wirken der Natur. Ferner sind Gebete vorhanden, die sich auf die ganze M e n s ch h e i t und solche, die sich nur aus das israelitische Volk allein beziehen, und noch dazu die vielen c e r e m v n i e l l e u Gebete, die wir hier nicht zu spccialisiren brauchen, wie wir überhaupt glauben, dass wir mit dieser Auszählung das vorhandene Material noch lange nicht erschöpft haben. Ist cs nun da zu verwundern, fragen wir, dass wir zu unserem Gottesdienste, wenn er nach feiner ganzen Anlage, feiner ganzen Tiefe, feiner ganzen Natürlichkeit und Ursprünglichkeit ansgeführt werden soll, einen so großen Apparat von Tonarten, einen so reichen Musikfond für die verschiedenen Vortrags» bedürfniße brauchen? Bald muß Einer allein ein Gebet celebriren, und wenn er nicht mit allen seinen Fähigkeiten, die bedeutend und groß zu neunen sind, dasteht und es nicht mit Genialität und momentaner Eingebung bearbeitend vorführt, als ob er cs jetzt erst nengefchaffeu, als ob es seiner eigenen Brust entquillte, dann erscheint cs denjenigen, die begeisterte und alle nur erreichbaren Anforderungen au den Gottesdienst stellen — von diesen kann ja hier nur die Rede sein — schläfrig und geistlos und verliert somit vollständig die beabsichtigte Wirkung. Bald aber liegt bei einem anderen Gebete gerade darin das Schöne und Erhebende, wenn es mit einer b e st im m ten Melodie würdig und gelasien zum Vortrage kommt und einwie das anderemal exekutirt wird. Dies Gebet erfordert oen Vortrag eines Einzelnen, das andere will aus den Kehlen einer Menge, wie das Gebraus des Sturmes Hervorbrechen, als ob eS den Himmel stürmen wollte. Da soll es in oolksthümlichem Tone gehalten werden, so dass Jeder, auch der Ungeübteste, daran theiluehmen und seinem Gotte mit eigener Stimme tobsingen kann. Dort wieder sollen nur wirkliche Sänger wirken und die Menge mit ihrem Kunftgesange und der kunstgerechten Ausführung zur Bewunderung binreißen, damit sie die Allmacht Gottes demuthsvoll anerkenne, der in seiner Gnade dem Menschen eine solch erhabene Kunst verliehen, welche am geeignetsten ist, ihn geistig zu erheben und ihn fühlen zu lassen, dass er ein Mensch, dass er ein höheres, durch die Musik überirdisch beaulagtes Wesen ist. Jetzt stelle man sich erst vor die hebre Musik des Tempelgottesdienstes, wo noch das Jnstrumenrationswesen hinzukam und in Art und Zahl der Instrumente die größtmöglichste Ver- Wendung und Entwicklung fand, da könnte man wahrlich noch annehmen, da>s es damals viel mehr Tonarten und Musikgattunzeu gab, wenn überhaupt in der Musik ein Vergessen oder gänzliches Abhandenkommen recht möglich wäre. Tausende und Abertausende stehen der Musik fremd gegenüber, und wenn sie sie selbst zu pflegen glauben und ihr freundlich gesinnt zu sein vorgebeu, ist's alles Andere, nur nicht eigentliche Musikpflege und wirkliches Musikverständuis, und unter alle׳.! diesen Schaaren steht ein Auegewählter aus, dem die Engel Gottes,, die Boten der Natur, als Kind schon eie wahre, reine Mnfik zuzuflüstern scheinen. Alles, was bisher vergessen und vernachlässigt wurde, lebt in seinem Herzen wieder a!si und bekommt Gestalt und Seele. Bei diesem Neichthume unteres Synagogengesanges sollten die Cantoren, und besonders an den Festen, ganz durchdrungen von der Bedeutung und der Weibe des Tages und ihrer Stellung im Gottesdienste, der hervorragendsten Lebensader des jüdischen Volkes in der Jetztzeit, lieber mit dem Kopse voll eigener Gesangskenntnis und mit dem Herzen tiefsten Empflndens, als mit dem Kopse voller?toten und mit dem Gesangsbuch nnt.r'm Arm. um für jedes Gebetstück im Voraus -.׳in Notenstlrck in Bereitschaft zu haben, den Stand ihrer Wirksamkeit betreten. (Fortsetzung rvlgt.) Nachmanides als FymMgenpvkt. Von Dr. A b r a h a nr 8 0 e 1ט y, Rabbiner in Neubidschow (Böhmen). Fortsetzung und Schluss- Mit scharfer Kritik und unbefangenem Freimuthe trat er in die Schranken für Simon Kahira, den Verfasser der ״Hilehoth Grdoloth“, im ״Sefer Hammizwoth“ gegen Maimonides. Bezüglich der Behandlung talmudischer Themata war Nachmani der Antipode