Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 4 (1.2.1890)
- Date
- 1890-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sein Nus als Cantor gieng bald über die Grenzen seines Geburtsortes hinaus, und schon 1825 erhielt Salomon eine Einladung nach Wien, wo ibn auch sofort die israelitische Cultusgemeinde als Cantor austellte. Diese Gemeinde war eben im Begriffe, sich recht zu entfalten, sie hatte einen stattlichen Tempel erbaut, in Mannheimer einen geistvollen und trefflichen Redner gewonnen und nun zu diesem den unvKgleichlichen Sänger gestellt, der dem Gottesdienste eine neue Weihe verleihen sollte. Die Aufgabe aber, welche Salomon übernommen hatte, war keine geringe. ES musste mit dem fest eingerosteten Schlendrian gebrochen werden. ES galt an die Stelle deS seelenlosen Singsanges einen ästhetischen, erhebenden Gesang zu setzen. ES fehlte aber an allen Elementen dazu. Während er nun mit seiner eigenen Fortbildung sich emsig befasste und bei Ritter von Seyfried Unterricht in der Composition nahm, componirte er vorläufig selbst die nothwendigsten Choräle für den Tempel. Aber wollte er nicht immer dasselbe bringen, so musste er die Zahl der Choräle vermehren, und diese alle selbst in Musik setzen, dazu hatte er nicht die nöthige Zeit. Er sah sich also nach entsprechenden Kräften um. Und waren auch diese gefunden, so galt es wieder einen anderen Kampf zu bestehen. Es gab eine mächtige Partei, welche starr am Alten hieng und allen Neuerungen theils aus Orthodoxie, theilS aus Vorliebe für den altgewohnten Schlendrian principicll entgegenstand. Diese nach und nach für seine rcformatorischen Tendenzen zu gewinnen, war feine nächste Aufgabe. Gieng er auch in den Reformen nicht so weit, wie mehrere jüdische Gemeinden in Deutschland, welche die hebräische Sprache in den Gesängen durch die deutsche ersetzten, so stellte sich ihm durch Beibehalt des Hebräischen doch ein nicht geringes Hindernis in der durch die Musik erforderlich gewordenen veränderten Betonung der hebräischen Wörter entgegen. ES ist nicht unsere Aufgabe, in diesen rein theorethischen Vorgang, wobei Sulzer zunächst darauf Bedacht nehmen musste, dem Wohllaute Rechnung zu tragen, des Näheren einzugeheu. Wir müssen uns m׳'t der Andeutung der Thatsache begnügen. Eine nicht minder wichtige Aufgabe war es ferner für ihn, feine neuen Choräle den vorhandenen alten Synagogenmelodien anzupassen, da er sonst überhaupt nicht daran denken durfte, zu reformiren. Er musste daher diese alten, mit den Gebeten sozusagen verwachsenen Melodien künstlerisch behandeln, d. h. rhythmisiren und endlich noch harmonisiren. Nur der deS jüdischen CultuS und der Musik Kundige kann sich eine Vorstellung von der Aufgabe wachen, welche zu bewältigen, Sulzer auf sich genommen. Erft nach lojähriger angestrengter Thätigkeit gelang es ihm, aus seinen Chorälen ein Ganzes zusammenzustellen, welches die Grundlage zunächst deS jüdischen Gottesdienstes in Wien bildete, bald aber so practisch sich erwies, dass eS in allen Synagogen Eingang fand. (Fortsetzung folgt.) Ein Beitrag jur Klärung der Mage der traditionellen Tonarten. XVI. Dass es auch nicht unerlaubt ist, Gebelworte mehrmals zu wiederholen, selbst wenn st׳? den Namen Gottes prädiziren, sehen wir schon daraus, dass hervorzuhebende Stellen, wie der letzte Vers des SchlusSpsalmes und der letzte Vers derשילה im Gebetbuche selbst doppelt stehen. Ebenso wird ד"■ הוא האלהים zu jeder Zeit siebenmal und bei Stcrbesällen das שמע ישראל unzähligemale in einem Athen! gesprochen. Nachdem aber der talmudische Ausspruch: ״Werzweimal ״Modim“ sagt, dem wird Schweigen geboten^, missverstanden und daher jedes Wiederholen der Worte untersagt wurde, da waren die armen Can.toren gezwungen, sich in der Ausdehnung der Worte, soweit die Melodie reicht, Rath zu schaffen, um wenigstens annähernd die Melodie mit dem Texte zu verbinden und sie in Ausgleich zu bringen. Als aber späterhin erkannt wurde, dass durch diese Nezitationsweise die Worte fürchterlich in die Länge gezogen und verunstaltet werden, ordnete man dann au, dass.die übrigbleibende Melodie lieber leer zwischen den Worten und ohne dieselben gesungen werden soll (siehe קיצור ש״ל״ה עניני תפלה); und so kam es denn auch, dass der Zusammenhang zwischen Melodie und Text ein loser und die Deklamation der Gebete eine erbärmliche wurde. Das aber ist jenem Zeitalter nicht genug zu verdanken und anzuerkennen, dass trotz aller Schwankungen und Nathlosigkeit in gottesdienstlicher Beziehung die Melodie selbst den damaligen Machthabern ein Heiligthum war und nie in ihrer Existenz bedroht, verkürzt oder verstümmelt wurde. Nun erübrigt noch die Erörterung folgender Frage: Wenn wirklich die allgemeinen Tonarten, Dur und Moll, in der althebräischen Musik bekannt gewesen sein sollten, wozu waren dann noch andere, eigene nöthig? Sind denn die erster» nicht reichhaltig und ergiebig genug, um allen musikalischen Bedürfnißen eines Volkes, es möge noch so hoch begabt sein, zu genügen und seine Musik in jeder Weise allein auszufüllen und zu beherrschen? Bei dieser wohl berechtigten Frage, könnten wir es uns sehr bequem machen, indem wir sie in aller Kürze und auch auf begreifliche Weise dahin beantworten würden: Erstens, wenn es auch mit aller Wahrscheinlichkeit aiizunehmen ist, dass diese Tonarten bei den Hebräern in der Praxis nicht fehlten, so hat daS heutige theoretische Tlanspositionssystem, wodurch sie erst zu einem mächtigen Tonreiche von 24 Tonarten anwuchsen, damals noch nicht bestanden, wenigstens nicht in dieser Weise der Verzweigung und Verkettung in und miteinander; sie stellten vielmehr thatsächlich nichts weiter als nur zwei isolirte und für sich allein wirkende Tonarten dar, und eine Vermehrung derselben durch noch andere, von diesen verschiedene erschien nicht nur nicht nberflüsig, sondern sogar höchst erforderlich und nothwendig, um der derzeitigen Musik eine Abwechssuug und' eine lebenbedeutende Beweglichkeit zu verleihen. Ferner könnten wir noch einen kürzeren und einfacheren Grund dafür angeben und sagen: Die Eigenthümlichkeit dieses Volkes hat eben auch die Eigenthümlichkeit dieser Tonarten erheischt. Allein'wir sind eS nicht gewöhnt, uns einer Sache, besonders wenn sie das Thema der traditionellen Tonarten berührt, leichten Kaufes zu entledigen und sie mit einem Strohhalm von uns zu zu stoßen. Wir wollen vielmehr auf diese nicht unwichtige Frage näher eingehen und sie auch, wie eS ihr zukommt, vom Gesichts-! punkte der hebräisch-lyrischen Poesie und der sie zum Ansdruck bringenden Tonmalerei betrachten und erörtern. Eine jo hocherhabene, unvergleichliche Poesie, wie die hebräische und wie sie unS besonders in den heiligen Psalmen in ihrer ganzen Größe und Hoheit aufbewahrt ist, welche — wie der unsterbliche Herder sagt — ,so hoch ist wie der Himmel und so weit wie das Meer' mit ihrem raschen Wechsel der Gefühle und Empfindungen, mit ihren raschen Uebergäugeu von feuriger Liebe zu glühendem Hasse, von stiller, selbstzufriedener Sanstmuth zu wilder Wuth, von hoffnungsloser Verzweiflung zu zuversichtlichem Gottvertrauen, welch' reiches 'Tonmaterial gehört wohl dazu, um einen solchen, von den schroffsten Gegensätzen überfüllten Stoff musikalisch zu beherrschen! Welch' bedeutende musikalische Kraft muß da dem Componisten innewohnen, wenn