Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1890)
- Date
- 1890-01-21
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453175--2753-3457035- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rashi 1× ep/1002670
OCR text
Ein Beitrag zur Klärung der Frage der traditionellen Tonarten. XV. Nach den bisherigen Ausführungen glauben wir das eine Verdienst uns zuschreibcn zu dürfen, die Kirärentonarteu auf ihren wahren Werth zurückzeführl zu haben, wodurch denn auch der Glorienschein um das Haupt derer in Dunst und Nebel zerfließt, . Die, so oft vom Synagozengesange die Sprache ist, immer auf dieselben verweisen und dadurch die Welt mit ibrem tiefen, andern .Menschenkindern unerreichbaren musikalischen Wissen in Erstaunen und Bewunderung zu versetzen meinen. Gehen wir nun in unsern Folgerungen weiter und sagen: Wenn wir sehen, wie diese beiden Tonarten von Dur und Moll so reich an Mannigfaltigkeit und Abwechslung der Ausdrucksweisen in Melodie und Rbyrhmus lind, dass, abgesehen von dem verschiedenen Charakter der einzelnen Musikgattungen, wie z. B. die Enrheiiung in kirchliche, weltliche, Instrumental- und Vokal- Musik, außerdem noch fedes Volk in ibnen eine andere,;ibm allein eigene AuSdrucksweise findet, und man demzufolge auch von deutscher, franzöfichcr, italienischer, ungarischer etc. Musikarl spricht; dann versieben wir wahrlich nicht,, wieso die Synagoge von ibnen ausgeschloffen bleiben müsste und nicht innerhalb derselben ein eigenes Musikgepräge besitzen könnte oder dürfte? Besonders bezüglich der in neuerer Zeit so oft und eindringlich von uns geforderten ,Stylreinheü^ und ,Formvollendung' hegrcifen wir. durchaus nicht, warum die Synagoge gerade gebunden sein soll an Tonarten, die spezifisch einen rezitativischen Charakter baden und auch nur Gesänge solcher Art, wenn auch in vorzüglichster, durch andere Tonarten nicht nachzuahmcnder Weise Hervorbringen können*), und warum sie nicht auch die Aller weltStou^art e n anwenden dürfen sollte, um ihren *) Darum auch find die jüdischen Cantoren, nach dem trefflichen Ansspruche eines unserer größten Musiker, die besten Rezitatoren, und daher kommt es auch, dass in fangeokundizen Gemeinden die Chasanim oft daran erinnert werden, dass ,דבר אל בני ישראל* die Hauptsache im Gottesdienst ist; das will soviel heißen, wie: Bleibet doch auf Eurem eigenen Gebiete, wo Ihr wirklich Großartiges zu leisten vermöget und man Euch gern hört, und deshalb —mehr Rcdcgcsang und weniger singen! ihm bald, dass seine Zärtftchkeir am Unrechten Orte sei. Verblüfft ließ sie ihn stehen und eilte in daS Nebenzimmer. Der Gottesdienst war beendet Alt und Jung strömte erbaut aus dem Tempel, voll des Lobes über die herrliche Vortragsweise des Cantors, der bereits 27 Jahre in der Gemeinde wirkte und das 50. Lebensjahr überschritten halte. Durch feinen biederen Charakter und seine vorzüglichen Leistungen harre er sich nur Freunds erworben, die ihm treu zur Seile standen. Selbstzufrieden rrar er in sein Zimmer und bemerkte hier zu seinem Erstaunen Labes. ,Schon hier, lieber Freund, gewiss aus Neugierde, welches Thema ich heute für die ״Raschi Chewra“ gewählt habe?״ .Getroffen Herr Cantor, denn Sie wissen, ich bin Ihr treuer Anhänger — und als noch Ihre Frau Betty f. U. lebte, da war ich doch wie ein Sohn im Hause. Erinnern Sie sich noch, es war auch an einem Schabbesvormitlag, wie die gute Frau meinte: ״LabeS und Rurh können noch ein glückliches Pärchen werden!" Aber leider scheint Ihre Tochter schon ihr Herz einem vornehmen Herrn geschenkt zu haben, einem Appikores, der Gott und fein Gesetz verachtet. Daß ist aber der Zeitgeist — ich bin ihr zu fromm, zu ehrlich und jüdisch gesinnt. Sie haben zu bestimmen über das Schicksal Ihres Kindes, geben Sie mir Ihre Tochter zur Frau!^ Cantor Enge mann hatte den Parvenü gelaffen angehört und sich ihm nähernd,!antwortete er kurz und entschieden: (Fortsetzung folgt.) Goitesdienst in jeder Beziehung wahrhaft künstlerisch undmannigfaltig zu gestalten? Das braucht nicht erst hier nachgewiesen zu werden, dass, Tau; und Musik bei unserm Volke, von seinem Urbezinne an, zwei Heimische, gleichmäßig geübte Künste waren, die bei ausgedehn« tsster Pflege zur größtmöglichsten Vollkommenheit gelangten y daraufhin deuten die zahlreichen Bibelstellen, wo erzählt wird, wie jüdische Frauen und Jungfrauen zum Tanze und Neigen hinauszozen. Nun glaubt man wirklich, dass, wenn der Prophet verheißt: ,Du ziehst noch einst hinaus in den Tanz der Lustigen!* zu solckem Tanzfeste etwa in der Tonart des ״Jischtabach- oder Ahawo rabo- Steiger" aufgespielt wurde? —- Wie jener Chassid, der in den ,3 Wochen' das Theater besuchte und, als ihm darüber von frommer Seite Vorwürfe gemacht wurden, wie er in dieser,.iraurizen Zeil' das thun konnte, sich mit der Versicherung zu entschuldigen glaubte, er habe das übliche ״Bravo" mir dem ״Tischo beow- Niggun" gerufen. — Allein das geht noch an, aber zum fröhlichen Tanze in den genannten Tonarten anfzulpieler׳, das geht absolut nicht! Da .sind wir gezwungen, anzunehmen, dass die biblische Tanzmusik nicht minder aus einem feurigen, zum Tanze auf fordernden Dur, oder aus einem von Verlangen und Sehnsucht schmachtenden Moll — und ebenso in wohlthnender Abwechslung — bestanden haben musste. Wo wir also Hinblicken, da lehrt uns der gerade Menschen«, verstand und zwingt uns die Logik der Thatsachen, anznerkennen, dass die Tonarten von Dur und Moll in der althebräischen Musik nicht gefehlt haben konnten. Warum sollen wir jetzt bei dieser Sachlage in unserem Gottesdienste aus dieselben verzichten müssen? Ueberhaupt ist's uns völlig unverständlich, warum eine Tonart, sie sei welche immer, immerwährend bei ihren eigenen Tönen verbleiben und nicht nach Gutdünken des Componisten »!׳geändert werden soll? Wie monoton und dürftig würde es mit der ganzen Compositionskunst bestellt sein, wenn sie nur an den leitereigenen Tönen einer Tonart gebunden wäre und nicht dabei einen absichtlich oder zufällig erhöhten oder erniedrigten Ton gebrauchen könnte. Wie würde dann nur die geringste Modulation zuwege gebracht werden, oder, um nur ein einziges Beispiel ayznführen, wie würde nur der übermäßige Sextaccord,-der bekanntermaßen ein Grundpfeiler in der Tonsetzkunst ist. zu Stande kommen können, wenn nicht der hart- oder der weichverminderte Dreiklanz einer jeden Tonart 'angewendet werden dürfte? Warum soll man also dem Componisten nnnöthig die Hände binden und ibn der Freiheit berauben, seinem eigenen Gedaukenstuge zu folgen und dasjenige zu Tage zu fördern, was ihm sein Können und Fühlen eingibt?- Anders verhält sich's allerdings bei der Wiedergabe einer feststehenden, stabilen Melodie; da muß in der That das Original strengstens gewahrt, und es darf weder etwas hinzugefetzt noch davon hinweggenommen werden. Wir haben bereits oft Ge-, legenbeit genommen» den Missftand zu rügen, dass manche Herausgeber der traditionellen Gesänge sich die Freiheit herausnehmen, die Melodien nach Willkür zu kürzen, und dadurch unkennbare Karrikaturen derselben herzustellen, und hintendrein rühmen sie sich noch, dass ihnen der große Wurf gelungen, die alten Melodien zu ״modernisiren" und in ein neues Gewand zu bringen. Wer gibt ihnen das Recht, mit fremdem, der ganzen Nation angehörendem Güte nach Gutdünken zu verfahren? Es ist wahr, es gibt viele Melodien darunter, die über« flüssigen, nicht auf den Text sich beziehenden Gesang enthalten, und in vielen, besonders deutschen Gemeinden will man diesen leeren Gesang nicht. Allein, dieser Umstand berechtigt den sögenannten Herausgeber noch nicht, die Melodie deshalb zu