Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1890)
- Date
- 1890-01-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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verstümmeln und damit ihren ganzen alterthnmlichen Werth zn vernichten. In der Heutzeit braucht der ,Autor' sich nicht seinen in der Herausgabe von Werken sich passiv verhaltenden Collegen als allein maßgebender Leiter und Wegweiser aufzuwersen, um ähnen zu zeigen, wie er eS macht, damit sie ihm alle dann nachmachen können. Die Cantoren der Jetztzeit brauchen keine musikalische Bevormundung mehr, sie sind, jeder in seiner Art, Hetzt soviel selbstständig, dass jeder wohl im Stande ist, die ihm nothwendige Traditionsmelodie nach dem Geschmacke seiner Gemeinde selbst zuzurichten, und er braucht somit nur die betreffenden Gesänge in ihrer Ursprünglichkeit kennen zu lernen, um sie nach seinem Bedarfe nmzusormen und ander» zu gestalten. Die Edition solcher Gesänge kann daher in der Gegenwart, selbst von diesem Standpunkte aus betrachtet, nur einen wissenschaftlichen, keinen instruktiven oder gar providentiellen Zweck verfolgen. Dahingegen sind aber Gemeinden vorhanden, und solche sind die weikmeisten, welche diese Gesänge in ihrem ganzen Umfange zu hören wünschen und nichts davon verloren gehen lassen wollen; für die Cantoren solcher Gemeindeu sind also diese .Früchte völlig ungenießbar und müssen daher auch von ihnen vollständig ignorirt werden. Wenn wir aber hier nachforschen und auf den eigentlichen .-Grund kommen wollen, woher der wortleere Gesang, der in den ,Tradilionsmelodien oft vorkommt und von welchem die jetzigen ״Herausgeber traditioneller Gesänge", wie von altem Unrath, dieselben säubern zn müssen glauben, entstanden sein konnte, so -müssen wir gestehen, — wenn auch ungern — dass derliebereifer der mittelalterlichen Nabbinen, die Alles bester wisten wollten und daher auch die Deklamationskunst bester zu verstehen glaubten, wovon sie aber nichts verstanden, diese Verunglimpfung der Gesänge sowohl wie der Gebete verschuldeten. Zuerst passte die Melodie, ganz gleich ob sie für das betreffende Gebet nrsprünglich bestimmt war oder nicht, vollkommen ans ihren Text, nur musste man dabei manche Worte oder gar Sätze, zum bessern Verständnis und zur Markirung derselben, sinn- und kunstgerecht wiederholen, und dadurch wurde die Melodie gänzlich ansgefülll. And das hätte ja auch zu allen Zeiten nichts geschadet und nichts beeinträchtigen ^können, denn auch der Prediger auf der Kanzel wiederholt unbeanstandet seinen Text sovielmal, wie es ihm passt, um sie nach allen Dimensionen oratorisch und homiletisch auszunützen; in gewissem Sinne ist der Canlor nicht minder Inter» pret seines Textes. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien. (Ludwig August Frankl's 8V. Geburtstag.) Am 3. Februar d. I. begeht Ludwig August Frankl seinen 8V. Geburtstag. Wie wir erfahren, werden von Freunden und Verehrern des greisen Dichters zahlreiche Vorbereitungen getroffen, um den Jubilar zn begrüßen. Derselbe erfreut sich geistig und körperlich einer seltenen Frische und -Gesundheit. — Auch der Buchhandel lässt den 80. GevurtStag Frankl's nicht ohne Festgruß vorübergehen. Bei Adolf Bonz & Comp, in Stuttgart erscheint in diesen Tagen ein inhaltsreiches, hübsch ausgestattetes Büchlein, welches uns ״Episches und Lytisches" vom Dichter :mittheilt; das Bändchen, welches auch des Autors Porträt und Leffen Namenszug bringt, ist eine daurchans neue Sammlung von Gedichten Frankl's in abwechslungsreichen Formen. Oroß-Kanizsa, 16. Jänner. Die Jubiläumsfeier unseres hochverehrten Obercantors Leon Kartschmaroff begann schon mit dem Freitagsabend-GotteSdienste in dem festlichbeleuchteten, schön decorirteu Tempel, der von Gemeindemitgliedern dicht gedrängt war. Obercantor Kartschmaroff überiras sich selbst. Er sang mit einem jugendlichen Schmelze und sonorer Stimme, wie nie zuvor. Er riss seine Zuhörer förmlich hin, eine feierliche, begeisterte Stimmung spiegelte sich in jedem Gesichte. Diese Stimmung erhöhte sich noch wennmöglich beim Morgendienste. Der Jubilar wurde mit vollem Namen 'מודעו רב ר יוסף יהודה als Maftir zur Thora gerufen, worauf der Psalm 134 vom gemischten Tempelchor unter Leitung des Chordirigenten, Herrn Mori; Eckstein, trefflich exeeutirt wurde. Nach dem;weiten Segensspruche brachte der Chor den Psalm 118 prächtig zur Geltung. Herr Oberrabbiner Dr. Ed. Neumann flehete in sehr wirkungsvoller Weise, bei offener Bnndeslade, den Segen Gottes ans den Jubilar herab. Der Nu88ak-Gottesdienst, der hierauf folgte, wird jedem Zuhörer unvergesslich bleiben. Nach Beendigung des Gottesdienstes wurde der Jubilar in seine Wohnung geleitet, woselbst ihm eine Deputation des Vorstandes nach einer sehr schmeichelhaften Ansvrache eine Prachtvoll ausgestattete Adresse nebst zwei sehr wertvollen Girandols überreichte. Obercantor Kartschmaroff erwiderte ungefähr Folgende»: ,Diese Auszeichnung, sowie die Beweise der Liebe und Anerkennung ehrten mich hoch und erfüllen mein Her; mit Stolz und Freude. Ich Habs mein ganzes Leben und Streben, mein Schaffen und Wirken dem Dienste Gottes geweiht und genois die Ebre und das Glück, ein Vierteljahrhundert in einer der hervorragendsten Gemeinden, wie Groß-Kanizsa, auf die ick ft-t» stolz war und stolz sein werde, dem Gottesdienste vorzustehen. Empfangen üe meinen tiefgefühltesten Dank für die mir bereiteten Freuden und den Ebrentag, der der schönste meines Lebens sein und in mir die süßeste Erinnerung immer wachrufen! wird. — Nachdem das Chorperionale 2 Jnbellieder.;um Vortrage ' gebracht batte, trat der Chordirigent Eckstein vor, hielt an seinen Meister eine sehr schwungvoll gebalrene Anwrache und ließ durch eine Chordame dem Jubilar einen vom Temvslchor gewidmeten Pocal überreichen. — Obercantor Kartschmaroff war über diese Herzlichkeit seines Personales tief ergriffen, belobte dasselbe und richtete an den Chordirigentsn eine sehr schmeichelhafte Ansprache. — Hierauf erschien der Ausschuss des Franenveereins unter Führung der hochgeachteten Präsidentin Frau Henriette Widor, geborene Gutmann de Gelse, und der Vorsteherinnen Frau Henriette Soinmer und Frau Paul Blau. Die Präsidentin richtete einige herzliche Worte au den gefeierten Jubilar, worauf Frau Hermiue Lessner demselben einen wunderbar schön ansgeführten silbernen Lorbeerkranz überreichte. — Dann traten die Vorsteher der Chewra Kadischa unter Leitung ihres verdienstvollen Präsidenten Herrn Alex. Sommer an den Jubilar mit einer passenden Ansprache heran, worauf der Lehrkörper unter Führung des Herrn Directors Bun seine Glückwünsche übermittelte. Mit dem Lehrkörper erschienen einige Mädchen, als Abgesandte ihrer Klasse», richteten an den Jubilar eine sehr hübsche Ansprache und überreichten demselben ein Ehrengeschenk. — Die Sympathiekundgebungen seiten» der Gemeindemitglieder, die den Jubilar in der gesuchtesten Art mit Ehrengeschenkeu überhäuften und während der 2 Tage, Samstag und Sonntag, bis 12 Nhr Nachts besuchsweise vorsprachen, ist eine rührende, wunderbare zu nennen. — Am merkwürdigsten aber ist die Antheilnahme der Collegen und Freunde von Nah und Fern. Die Anzahl der Telegramme. Briefe und Widmungen ist geradezu überraschend. Besonders erwähnt s׳i hier die vom Ungar.»israet. Beamten-Vereine. resp. dessen Präsidenten Professor Friedmann. dem Jubilar gewidmete, 1m7 40 Unterschriften versehene Adresse, das Glückwunsch-Telegramm des Vorstandes des österr.-ungar. Cantoren-Vereines und das von der Redacliou der ,,Oesterr.-uugar. Canroren-Zeitung" dem Jubilar übersandte Pracktexemviar der ״Oesterr.-nngar. Cantoren- Zeitung" in einer überaus reichen Enveloppe. — Uns bleibt demnach der Wunsch noch übrig : Bio ge der Jubilar uns in solch verdientem Ansehen nnd Aussehen noch recht ׳.ange erhalten bleiben. A. Z. An unsere geschätzten Leser. Da wir die Berichterstattung über bas Leichenbegängnis unseres unvergesslichen Altmeisters Professor Sulzer noch in dieser Nummer aufnehmen wollten, hat sich das Erscheinen derselben etwas verspätet. Gleichzeitig erlauben wir uns darauf aufmerksam zu machen, dass von der heutigen Nummer eine größere Auflage hergestellt wurde, und einzelne Exemplare zu dem Preise von (5 kr. bei der Redaction zu beziehen sind. Wir bitten jedoch, die Bestellung rechtzeitig ergehen zu lassen, da bereits eine große Nachfrage nach dem Bildnis des verewigten Professor Sulz er herrscht. Die Redaction.