Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1890)
- Date
- 1890-01-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/1304829-3453172-3453175--2751-3457033- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eines Chorpersonales den Sulzer'scheu Trauerchor ״Sehaucbne bote chomer." Hierauf stimmte Obercantor Singer abermals das b686886r^ an, und der Sarg wurde vvn den Mitgliedern des Vorstandes der Cultnsgemeinde 'an das Grab getragen, Las sich nächst dem Hauptausgange aus der Cermonien- Halle, gegenüber der Grabstätte Kuranda's befindet. Äls die sterbliche Hülle in die Gruft gesenkt war, widmete Obercantor Singer Namens des österr.-ungar. Cantoren-Vereines dem großen Todten folgenden Nachruf: Als Präses des österr.-ungar. Cantoren-Vereines liegt mir die erhebende aber traurige Psticht ob, unserem geliebten Ehren- Präses, Herrn Prof. S a l o m o n S u l z e r, im Namen unseres Vereines, sowie im Namen sämmtlicher Cantoren Oesterreichs einige Abschiedsworte zuzurufen. Nickt die Bedeutung des lbeuren Verblicheneu, welche allerdings ibrem ganzen Umfange nach von den jüdischen Cantoren allein voll und ganz gewürdigt werden kann, soll hier geschildert; nicht die Tbaten und Erfolge, welche dem idealen Geiste S u l z e r s entstammten, sollen bier gezeichnet, sondern lediglich der Dank, den die jüdischen, Cantoren dem Meister ihrer Töne, sowie dem kübnen Vorkämpfer für eine bessere Anschauung schulden, soll jetzt in schlickten Worten zum Ausdrucke gelangen. Was bedürfte es auch der vielen wohlgcsetzten Worte? Der hellklingende Namen Sulz er lebt ja -im Herzen aller Glaubensgenossen, so weit die Erde reicht, und dieles Denkmal bleibt Dir, Salomon 'S ul!;er, unve!b׳׳ücklich zum Erbe, solange in den jüdischen Gotteshäusern Gesänge zum Lobe Gottes erklingen. Nun wi.d dieser schlichte Sara, der die sterblichen Neste Sulz er s nmtcklicßt, bald von erncm Grabekbügcl-bedeckt tein. dem nach nur kurzer Frist. Blümchen und Blumen entkeimen werden. Diele Blumen werden allerdings sedem Besucher dieser Fritdmsüäl'te werrb und theuer sein; wir aber, die jüdischen Cantoreu. werden diese bolden Gaben stets als Weckrufe betrachten, die uns zu neuem Schaffen und neuem Streben aneifern sollen. Und so wie die scheidende Sonne ibre letzten Strahlen in dies offene. Grab wirft, um dann im Meere der Unendlichkeit unterzutauchen, jedoch am nächsten Morgen neu verjüngt die Erde zu beleuchten, io wird aus diesem Grabe der Meister ewig zu seinen Jüngern sprechen die laute Sprache von echter Arbeit und künstlerischem Streben. Und nun der letzte, allerletzte Liebesdienst. Ein tiefes Weh durchzuckt die Brust, dass ick Dir, geliebter Meister, die Worte zurufen mutz, die Du ja zu tausenden Malen au der Ställe des Friedens gesprochen, die Worte: Lech lescholaura! Kehre ein zur ewigen Nuh״, tais der Staub zum Staube werde und Dein großer Geist zu Gon sich emporschwinge und in Gnaden empfangen werde. Rabbenu hagodaul maurenu raw rabbi Scbläumo ben bachpwor rabbi ־Jaussef ofor ato w’el ofor toschow!4 Rings um das offene Grab stand die große Anzahl der Trauergälle, und alle waren tief gerührt von diesen schlichten aber aus dem Innersten des Herzens kommenden Worten. Der Redner selbst war so sehr übermannt, dass er einen Moment. warten musste, bis er den Schlusschor ״Schiwisi“ auftimmen konnte, mit welchem die Trauerfeier beendigt war. Eine ausführliche Biographie Sulzer's, die uns aus dem Nachlasse des dahingeschiedeneu Meisters zur Verfügung steht, behalten wir uns für die nächsten Nummern vor. Eine Reflexion über Tempelresormen. Jnsolange die Judenheit in der ganzen Diaspora nach einem ,Siddur4 betete und überall ihr religiöses Ceremoniell nach einer übereingtkommenen Formel verrichtete, herrschte auch das Gefühl der Embeit, der Brüderlichkeit im Herzen eines jeden einzelnen Israeliten. Nachdem man aber, dem Mahnrufe der Zeit folgend, in den jüdischen Tempeln den Reformen Thür und Tbor geöffnet batte und in dieser Richtung nach Willkür schaltete urd waltete, zog mitunter viel. Hader und Streit in'S Haus Israels. Es traten in Folge dessen im Schoße der. Gemeinden iinnier weiter gebende Divergenzen hervor; es schwand allmählich die Pietät für religiöse Formen und religiöse Satzungen; es lockerte sich nach und nach das vereinigende Band der solidarischen Zusammengebörigkeit; man theilte sich endlich in zwei Lager. Ja! man entblödete sich nickt, wie dies letzthin im ungarischen Israel erst gesckab, ben Glaubensbruder ganz zu verleugnen und ibn vor dem Forum der böchsten Behörde als Anhänger einer ganz anderen Sccte binzuüellen. Jede Religion hat doch bekanntlich nebst den usuellen und unerlässlich nörhigen Gebetssormeln auch gewisse ceremonielle Gepflogenheiten, welche von den Epigonen zu dem Zwecke codistcatorisch festgestellt wurden, um durch dieselben ein Band der Vereinigung um die ganze GlaubenSgenossenschast zu schlingen und die Zusammengehörigkeit sämmtlicher Mitglieder derselben zu manifestiren. Es liegt demnach, speciell von diesem Gesichtspunkte ans betrachtet, viel Wesen in der ceremoniellen Form, Drr Scheinheilige. Eine Erzählung. Aon M. Tintner, Cantor und Lehrer in Bunzlau, Preußisch-Schlesien. (Nachdruck verboten.) Wer da wandelt in seiner Gradheit, der ist Verehrer des Ewigen, doch der auf krummen Wegen geht, ist sein Verächter? Spr. Sal. 14, 2. David Joclsohn war soeben von einer Morgenpromenade heimgekommen und begab sich, ohne das bcreilstehende Frühstück einzunehmen,- in sein Comptoir, um die angelaugte Correspondeuz zu erledigen. Nur flüchtig übersah er die Briese, worauf er ernst das Zimmer durch'chritt. Die edlen Züge des in dem besten Alter stehenden Mannes waren von dem düsteren Flore des Nachsinnens beschattet. Ein Seufzer entrang sich der gepressten Brust. Da wurde ein deiseS Pochen an der Thür vernehmbar. Nach dem üblichen ,Herein4 trippelte der Agent Heimau Labes in das Geschäftszimmer. Trotz der himmelnden Augen, des nach Cbasidim-Art zugestutzten Bartes und der devoten Kriecherei musste der Ei »getretene den Eindruck der Schlauheit und Verschmitztheit Hervorrufen. Eine Pause trat ein —- endlich sammelte sich Joelsohn und fein scharfer Blick blieb auf LabeS haften, indem er würdevoll sprach: .Haben Sie Dank für Ihre Bemühung und nehmen Sie als Zeichen meiner Anerkennung diesen. Hundertmarkschein in Empfang.4 ,Bitte, bitte, Herr Banquier Joelsohn, behüte mich Gott, etwas von Ihnen anzunehmen, ich bin nur Ihrem Wunsche aus Freundschaft nachgekommen!4 .Ich liebe es nicht, für empfangene Dienstleistungen Schuldner zu bleiben.4 ״Hastig steckte Labes den Schein in seine Brusttasche, während der Buchhalter eintrat. ״Erlauben Sie noch, ein Wort, Herr Joelsohn, ehe ich mich entferne4, lispelte Labes. ״Darf ich um das Briefchen ersuchen, das ich Ihnen zu geben mich verleiten ließ?4 ״Behelligen Sie mich nicht weiter!4 erwiderte barsch der Augeredete, indem er aus die Thür deutete. Labes verstand diese Andeutung und mit einer tiefen Verbeugung entfernte er sich. ״Abscheuliche Creatur! Wehe dem, der in deine Klauen fällt!4 brummte der Buchhalter Fries vor sich hin. Nachdem Joelsohn einige Anordnungen getroffen hatte, begab er sich in sein Frühstückzimmer, wo ihn sein Sohn Carl bereits erwartete. ,.Guten Morgen, lieber Vater, Du siehst ja heute so angegriffen ans! Du befindest Dich doch hoffentlich wohl?״ ״Ich danke Dir, mein Sohn, mein Befinden ist befriedigend, aber gestatte mir , einige Worte und überlege Dir deren Inhalt. Ich war Dir stets ein guter Vater und ließ Dir in Allem freies Walten. Du bist der Einzige meines Stammes, den mir meine so früh heim« gegangene, theure Clara, deine Mutter, zurückgelassen, der Erbe meines