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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1890-01-21 · Heft 3 (21.1.1890) · p. Seite 3

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
10 (1890)
Issue
Heft 3 (21.1.1890)
Date
1890-01-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ermahnte sie mit väterlichem Tone zur Reue und Rückkehr zu Golt durch Buße, Beten und Bethäligung der Menschenliebe. Am Hüttenfeste rief sie laut gen Himmel: ״Hosianna! O' bilf doch, o Gott!" Am Trauertage des Monates Ab klagte sie bitterlich über das verwitwete und verödete Zion. Das war nicht eine Stimme, das waren mannigfache Stimmen des hellsten Jubels und des tiefsten Kummers, der lauten Freude und der wehklagenden Trauer, der trüben Vergangenheit, der freiern Gegenwart und der hoffnungsvollen Zukunft. Und woher kam die nbeimäcbtige Wirkung dreier Stimme? - Waren cs der Klang und die Kunst allein, die ihr einen unwiderstehlichen Zauber verlieben? O nein! Sie war das Echo einer inneren Stimme, eines Seelengesanges, einer Her;ensmelodie, seiner eigenartigen Persönlichkeit. Denn Salo.l.on Sulzer Halle eine lebhafte, dichterrsche Phanlasic, erfüllt und genäbrt mit den prachtvollen Bildern der Propheten, den farbenreichen Gemälden des biblischen AllerihumS, den Sagen und Legenden des Mittel» alters, den Hoffnungen des iiraelitiscken Volkes. Was er s a n g, das sab er vor sich in lebendigen Gestalten, das umschwebte seinen Geist. Er vergaß seine Umgebung. Z.il und Raum, und seine dichterische Phantasie verletzte ihn in eine andere, alle Welt. Wenn er am Eingänge des Sabbat der Braut ein Lied anstimmte, so sab er sie vor sich, geschmückt mit dem güldenen Geschmeide des himmlischen Segens, begleitet von Engelschaaren, Boten des Friedens, und begrüßte sie mit sanften Klängen: ,Komme herbei, o liebliche Braut, komme herbei!' Wenn er am Veriöhnungstage den heiligen Dienst des Hohenpriesters recitirte, so trug ihn seine Phantasie aus die Höhen Zions. Er verwandelte sich in den Hohenpriester, voll Weihe und Erhabenheit, trat ein in das Atlerheiligfte, opferte, räucherte, sprach den vierbuchstabigen Namen Gottes aus, und seine Stimme klang wie die Glöcklein am Mantel des Hohenpriesters. Wenn er am Trauertaze deS Monates Ab hier auf diesen Stufen saß und mit den Klageliedern Jeremias' jammerte und wehklagte, blickte er hin auf die Ruinen Zions, auf die Trümmer des Hciligthums, auf die zarten, schmachtenden Kindlein, die ihre Händchen ausstreckten, um Brot von ihren Müttern zu verlangen. Er dichtete in Klängen, und Gesängen, und wovon seine Seele voll war, das drückte er durch die Macht und die Mannigfalligkeir des Gesanges aus. Wenn der Himmel Oesterreichs umwölkr war und Israel kummervoll einhergieng, rief er seiner Gemeinde wie ein Führer und Feldherr zu: ,Höre Israel, der Ewige, unser Gort, ist ein einziger Gott; fürchte nicht, verzage nicht, verzweiste nicht!' DaS klang rvie ein Zuspruch, wie eine Ermmbignng, wie ein Ausruf: .Hoffe und harre und bleibe stark!' Wenn die Sonne der Freiheit in Oesterreich anfgieug und auch die Bekenner des JudentdumS umstrahlte, sang er in einer ganz anderen Tonart: ״Höre Jirael, der Ewige, unser Gott, ist ein einziger Gort.! Du hast nicht vergebens gehofft und ausgeharrt; die Gerechtigkeit har gesiegt, die Freiheit trurmphin! Aus seiner Stimme klang ein treues, theilnahmsvolles Herz, denn er war ein ״Bote und Vertreter der Gemeinde" im vollen Sinne des Wortes. Er lebte in der Gemeinde, fühlte mit der Gemeinde, jubelte und jammerte mit den Familien, nahm den wärmsten Antheil an ihrem Wohl und Wehe. Wenn ein wichtiges Ereignis, ein heiteres oder ein trübes, die Gemüther bewegte, so fand er im Gebete einen Satz, den er festhielt, durch Modulation erweiterte und dem er eine neue Seele einhauchte, die auf den Fittigen des Gesanges zum Himmel empoidraug. ״Die Stimmen verstummen", der liederreiche Mund ist geschlossen. Was aber Salomon Sulzer im Reiche der Töne geformt, gedichtet und umgestaltet hat, das bleibt fort und fort, daS klingt und singt und dringt durch daS Abend» und Morgenland, durch die alte und die neue Welt zu seinem ewigen Nachrühme und zur" Ehre unserer Cultusgemeinde. ״Die Stimmen verstummen auf Erden." Doch siehe, die Himmel öffnen sich, Engelchöre sammeln -sich am Throne Gottes, um den Sangmeifter Zions zu begrüßen mit seinen eigenen Melodien, mit dem Chore: ,,Heilig, heilig, heilig ist der Gott Zebaot, voll ist die ganze Erde seiner Herrlichkeit! Salomon S ul z e r, Sangmeister Zions, liederreicher Levite, Du hast Gott verherrlicht auf Erden durch deine Stimme, durch deine Lieder, durch ״Sehir.Zion lu Als Dr. Jellinek seine Rede beendet hatte, gieng ein lautes Schluchzen durch die ganze Trauerversammlung. Jetzt erst, nach der großartigen Schilderung der Wirksamkeit des Dahingeschiedenen und in dem Momente, als er von der Statte seiner vieljährigen Thätigkcit hinweggetragen werden sollte, fühlte die Gemeinde dis ganze Größe des Verlustes. Unter solcher Bewegung stimmte Obercavtor Singer mit Begleitung des Chorpersonaies das ״Joschew besesser“ an, der Sarg wurde von Gemeindedienern gehoben und in die Vorhalle des Gotteshauses getragen, wo die Cantoren im Ornate die sterblichen Ueberreste deS tbeuren, un» vergesslichen Meisters ans dis Schultern nahmen und bis zum Leichenwagen trugen. Unter feierlich ernsten Klängen, die von sämmtlichen Cantoren und beiden Chorpersonalen ausgeführt, eine bisher noch nie gehörte Wiikung Hervorriesen, bewegte sich der Zug durch die Seilenstänengasse und Kohlmessergasse zum Morzinplatz.. wo die Leiche in den vierspännigen Gala-Leichenwagen gehoben wurde. Der Vorstand sowie die anderen Persön» lichkeitcn und Deputationen gierigen zu Fuß hinter dem Sarge» dem Diener aus rolhen Sammtpolstern die Orden des Verblichenen und den ,Schir-Zion' nacktruzcn, bis zur Ferdinandsbrücke. Hier wurden die Equipagen bestiegen und eine schier unabsehbare Wagenreibe folgte dem Leichenwagen nach dem Centralfriedhose. Sowohl in der Seitenstettengasse als auch in der Kohlmesser- und Adlergasse, Nothenthurmstraße und auf dem Franz Joseph- Quai halte sich eine zahlreiche Menschenmenge angesammelt. Auf dem Centralfriedhofe. wo der Trauerzug nach einviertel 4 Uhr anlangte, wurde der Sarg in die Ceremonien-Halle getragen und auf einer Estrade nieder-gestellt. Nachdem sämmtliche Kinder des Verblichenen, sowie die anderen nahen Verwandten, unter denen sich College Frankel aus Strakonitz befand, sich auf derselben versammelt hatten, begann Obercantor Goldstein die Recilation des ״Ha«:ur tomim“. Es gibt Wenige Necitative, welche schon durch ihren Inhalt in solchem Maße zu Ergriffenheit und tiefer Wshmuth stimmen wie dieser Trauerpsalm. wenn aber der Text eine gesangliche Wiedergabe findet, wie sie Goldstein am Sarge Sulz crs gegeben, wenn die colosjaten Stimmmittel des Sängers mit solch.ewpstndnngsvollem Vortrage sich verbinden, dann befindet sich derZuhörer wie unter demEindrucke einer elementaren Gewalt, die sein ganzes Lein mit Ehrfurcht vor dem unergründlichen Walten des Schicksals erfüllt. Nachdem Goldstein seinen großartigen Vortrag beendet, sprach Rabbiner Dr. Güdemann den Nachruf, auknüpfend an Las Bibelwort deS letzten Wochenabschnittes: »Auf dass Du davon erzählest vor den Obren Deines Sohnes und Deiner Enkel.' ,Darin' sagte der Redner, ,liegt die Bedeutung großer Ereigniße und großer Männer; so wird man von Salomon Sulzer erzählen und wieder erzählen bis in die spätesten Zeiten. Sulzer hatte den Titel eines Obercantors und Professors, aber all feine Titel erreichten nicht seine Bedeutung. Ep war nicht nur Obercantor, nicht nur ein erster Cantor, sondern ein einziger. Er gehörte auch nicht einer einzelnen Gemeinde sondern dem gesummten Judenthume an.' Nach Charakterisiruuz der Zeiten und Verhältnißs, unter welchen Sulzer feine reformatorifche Wirksamkeit vollzog, schloß der Redner mit folgenden warmempsnndenen Worten: ,Nun ruht Deine Hand, aber Deine Harfe klingt fort. Wie Du in begeiftertem und begeisterndem Gesänge die Wunderthaten GotteS vor den entzückter». Ohren zweier Generationen erzählt und verherr» licht hast, so wird man von Dir erzählen bis in die fernsten Zeiten, als von dem gottbegnadeten, einzigen Zionssänger. Ziehe hin in Frieden! Amen.' Nach Dr» Güdemann's Rede wurde der Sarg von der Estrade gehoben, und Obercantor Goldstein executirte unter Assistenz

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