Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1890)
- Date
- 1890-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 — Suster's Leichenlirgmignis. W i e n, am 20. Jänner. Mit allen Ehren, die einem Dabingeschiedenen erwiesen werden können, und unter überaus großer Thcilnahme aus allen Gesellschaftskreisen der Stadt Wien ist heute Nachmittags Profestor Salamon Sulz er, der unsterbliche Zionßsänger, der Nestor und Altmeister der Cantoren, zu Grabe getragen worden. Die Gantoren selbst haben, Dank dem Entgegenkommen des Vorstandes LerWienerCultusgemeinde.an den letzten Ehrenbezeugungen in einer Weise theilgenommen, wie sie der wahren Pietät für den großen Meister, sowie der großen Bedeutung des Dadingeschiedenen für den Cantorenstand würdig ist. Kaum batte sich die Nachricht von dem Ableben Snlzers verbreitet, als auch schon au die Hinterbliebenen Beileidskundgedungen ans Nah und Fern, unter Anderem aus Budapest, London, Paris, Berlin, Nom und Florenz einlanzten. und diese, sowie die zahlreichen, prachtvollen Kränze gaben Zeugnis von der großen Verehrung, deren sich Sulzer zu erfreuen hatte. Jedes , einzelne der Kinder des Verstorbenen batte Kränze gespendet, ebenso sielen die Kränze des Barons und der Baronin Königswarter, des Barons Rothschild, des Conservatoriums, des Herrenhaus- Mitgliedes Nicolaus Dumba, der Familien Goldschmidt, Fränkel, Pollak, sowie der Kranz der Gemeinde Hohenems, des Geburtsories Sulzer's, auf. Der Kranz Dun!ba's trug die Inschrift: ״In herzlichster Trauer dem dahingeschiedenen Meister und Freunde." Um 11 Uhr Vormittags wurde der Sara, in welchem die Leiche Sulzer's ruhte, aus dem Sterbezimmer im ersten Stocke dcS Tempelgebäudes in der Seitenstettengaste in den schwarz- Lrapirten Tempel getragen und daselbftanfgcbahrt. Ein einfaches, schwarzes Bahrtuch war siber Len schmucklosen Sarg gebreitet, der.׳von einer doppelten Reihe brennender Wachslichter umgeben war. An der Vorderfacade des Tempels brannten die Laternen, über dem Portale hieng eine Trauerstagge. Die Leichenfeier war für 2 Uhr Nachmittag anberaumt, jedoch schon lange vor der festgesetzten Stunde hatte sich eine ungeheure Menschenmenge in der Seitenstättengaste angesammelt, in welcher der Zutritt zum Tempel durch verstärkte Polizeiwache freigehalteu wurde. Binnen einer Viertelstunde war der Tempel in allen Räumen von Trauergästen erfüllt. Unter den Anwesenden waren zu bemerken: Der Präses der israelitischen Cultusgemeinde Arminio Cohn mit allen Vorstandsmitgliedern und den Mitgliedern des Bethausvorstandes, die Herrenhaus-Mitglieder Nicolaus Dumba und Baron Königswarter mit Gemalin, die Neichsraths-Abgeordnelen Dr. Jaqucs und Dr. Bloch, Vice- Bürgermeister Dr. Borschkc und die Gemeiuderälhe Dr. Stern, Simon, Graf, Baurath Stiaßny und Nitter von Goldschmidt, Präses M. Nusto in Vertretung der Wiener türkischen Gemeinde. Profestor Epstein in Vertretung der Gesellschaft der Musikfreunde. Notar Ritter v. Olschbaur als Vorstand des Wiener Männergesang-Vereins, der ehemalige Polizei-Präsident Baron Marx, Dr. Ludwig A. Frankl, .Baron Albert Rothschild, Baron Schey, David Ritter v. Gutmann, der General-Dircctor der böhmischen Westbahn Angelo Nitter v. Kuh, Director Jauner, Profestor HcLmesberger senior, Hof-Kapellmeister Eder, Polizeiobercommistär kaiserlicher Rath Frankl, Hofrath Nitter v. Pfeiffer, Sectionsrath Turneretscher, Dr. Moriz Singer in, Vertretung der Suppen- 4md Theeaustalt, Vorstand Engelbert Keßler für den Verein der Tiroler und Vorarlberger und die Ferien-Colonien, deren erster Präsident Sulzer war, Schriftsteller Wilhelm Frey als Ver- Ireter der Gemeinde Hohenems, des Geburtsortes S u l z e r s, sämmtliche Trmpelvorftände und Rabbiner Wiens und der Umgebung, kaiserl. Natb Dr. Wölfler als Director des Rothschild- Spitales, Director S. Heller vom Blindeninstitut auf der Hohen Warte. Director A. S. Fischer vom Kindergärtnerinnen-Bildungscurse und Kindergarten in der Leopoldftadt,. Laudesschulrath Baumgarren, Deputationen aller israelitischen HumanitätS׳ Vereine 2c. Kurz vor 2 Uhr betraten Obercantor Singer und Cantor I. Schiller, umgeben: von der Deputation des österr.-ungar. Cantoren-Vereines, sowie fast sämmtlichen Cantoren Wiens im Ornate, das Gotteshaus. Im Ornate waren anwesend die Herren: I. Bauer, S. Dünmann, Th. Fleck. S. Hirsch, Pb. Kläger, M. Papo. A. Pckarnik, A. Notier, D. L. Roller, M. Scklesinger, L. Stern, I. Stransky und I. Löwit. Aus Canlorenkreisen waren ferner anwesend: Friedrich, Jourberger, Müller, Peterselka, Tauber, Wittmann (Wien); Erzberg (Göding), Grünbut (Klosterneuburg), Grünwald (Döbling), Heller (Brünn), Teltscy (Slockerau)^ Schäfer (Baden). Obercantor I. Goldstein und Cantor Blatt vom Leopoldstädter Tempel waren direkt auf den Centralfriedhof hinausgcfabren. Nachdem die Cantoren und das gestimmte Chorpersonale beider Tempel um den Katafalk Aufstellung genommen batten, entzündete Obercantor Singer das Seelenlicht und stimmte mit von Webmuth und Trauer erzitternder Stimme das herrliche Sulzerische Requiem ״Schiin’u 808 kol hoarnim“ an. Er sang dem Meister dessen eigenes Trauerlied in ergreifender und schaurig andächtiger Interpretation, die auf die Trauergäste eine mächtige Wirkung ausübte. Hierin wurde er von dem Chorpersonal, das, selbst tief ergriffen von der Weihe des Augenblicks, sein Bestes gab, trefflich unterstützt: Als die letzten Töne des Requiems im leisesten Pianissimo verklungen waren, trat Prediger Dr. Jelliuek an die Bahre und; hielt die Trauerrede; eine Trauerrede in ihrer Anlage so großartig, in ihrer Wirkung so mächtig, wie sie eine Trauerversammlung selbst aus dem Munde dieses meisterhaften Kanzelredners wol selten gehört hat. Wir sind in der angenehmen Lage, dieselbe im Nachfolgenden wortgetreu wiedergeben zu können: »Die Stimmen verstummen!* (2. B. M. C- 9. V.29.) Diese Worte haben wir vorgestern hier vernommen, am letzten ' Sabbat, an welchem Herr Obercantor Salomo n Sulzer seine Seele aushauchte. Der liederreiche Mund, ack, er ist geschloffen, die Stimme, welche mehr denn ein halbes Jahrhundert zum Lobe Gottes hier ertönte, ist verstummt, verstummt für immer! Diese Stimme, wer vermag sie zu schildern? Ihre Stärke und ihre Zartbeit, ibre Höbe und ihre Tiefe, ihre Fülle und ibre Feinheit, ibre Weiche und ibre Wirkung, ihren Wohlklang und ihren erschütternden Gesang? Diese Stimme,entzückte, überwältigte, begeisterte, öffnete die Pforten des Himmels, drang ein in die Tiefen der «Seele, entlockte dem Auge Tbränen der Freude, der Trauer und der Reue. Jbr lauschten zwei Generationen, ergriffen und bingeristen, der Jüngling und der Greis, der Mann und das Weib, der Laie und der Künstler, der Fürst und der Unterthau, der Jude wie der Nichtjudc. Diese wunderbare Stimme wirkte Wunder! Sie ,verwandelte den Kiesel in einen Wasterquell*, rührte und erweichte. das verstockleste Herz. Vor ihrem Posaunenschall erbebte der Sünder, wenn sie das Gottesgericht schilderte, aus ihren süßen und sanften Klängen quollen Erbarmen und himmlische Gnade. Am Pastahfeste sang sie ein wogendes und wallendes Freiheitslied dem Gotte der Freiheit und der Erlösung. Am Wochenfeste verkündete sie mit den Schauern der Ehrfurcht die zehn Gebote: ״I ch bin der Ewige, Dein Gott, keine fremde Götter neben mir!" Am Neujahrsfeste betete sie mit aller Glut der Andacht: ״Unser Vater, unser König, schreibe uns alle ein zu einem glücklichen Leben!" Am Versöhnungstage