Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1890)
- Date
- 1890-01-11
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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SZeihe aus dieser heiligen Stätte verschwunden sehen. Wann wird der Tag des Heils für unsere Gemeinde anbrechen? Es ist hoch LN der Zeit, wenn das mühsam erkämpfte Vermächtnis unserer Vorfahren nickt in die Brücke gehen soll. Wache auf und ermanne Dich! Mercantor Brrggrnn, Hannover. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel kommt uns die Nachricht von dem plötzlichen Tode eines der besten und wackersten unserer Standesgenossen, des Obereantor H. Berg grün in! Hannover. Wer den Dahingeschiedenen persönlich kannte, dem wird es fast unglaublich scheinen, dass dem Leben und Wirken dieses Mann ein so plötzliches Ende werden konnte. Der ,Magdeburger Wochenschrift' wird hierüber aus Hannover gemeldet: Am 25. December stand die hiesige jüdische Gemeinde in tiefer Trauer um die Bahre ihres Obercantors H. Berggrün. Ein jäher, wenn auch sanfter Tvo ereilte ihn in der Nackt vom 22. zum 23. December mitten im Kreise seiner Gemeindc'mitglieder, seiner Schüler, kurz nachdem er einen Gesang derselben geleitet hatte. Den Tactstock noch in der Hand haltend, verlor er das Bewusstsein und verschied in einem Nebengemache. So ergreifend wie sein Gesang im Gotteshause, so würdig wie sein ganzes Wesen, so poetisch verklärt wie sein Vortrag der Gebete, so schied der gefeierte Sänger aus diesem Leben, mitten in Ausübung seines Lehrberufes. Nicht nur die Gemeinde trauert um einen selten begabten Künstler, der cs meisterhaft verstand, die Herzen feiner Zuhörer zu erguicken und zu erheben, auch die Kunst hat einen ihrer edelsten Söhne verloren. Im Jahre 1838 zu Warschau geboren. Sohn eines vielbegehrten Vorbeters, mitten unter meisterhaften Sängern des Gotteshauses heranwachsend, unterstützte er als achtjähriger Knabe schon als ,Singer!' seinen Vater. Nachdem er 13 Jahre alt geworden war, betete er schon selbstständig in verschiedenen Warschauer Synagogen in Verbindung mit einem kleinen Chore vor. Täglich bildete er sich im Violinspiel aus und besuchte daS hebräische Lehrhaus. Als 15jähriger Jüngling errang er sich den Beifall des berühmten Violin-Virtuosen Vieuxtemps in solchem Matze, dass er von ihm unentgeltlich Violmftunden erhielt. Als er 18 Jahre alt war, wurde er von der Wilnaer Schulbehörde als Gesanglehrer nach der dortigen Nabbinerschnle berufen. Während seines 20monatlichen Aufenthaltes daselbst führte er geregelten Gottesdienst mit Chorgesang ein, erntete dafür die besondere Anerkennung des damaligen Ministers der Aufklärung, auf dessen Empfehlung er nachher als erster Geiger am großen Theater zu Warschau angestellt wurde. Gleichzeitig wirkte ec als Bassist in der deutschen Synagoge. Hier hörte ihn einst Quattrini, der Capellmeifter der deutschen Oper, und veranlasste seine Aufnahme in die Theater-Opernschule. So verließ er seine Stellung in der Synagoge und am Theater, um nunmehr sich ganz der Kunst zu widmen. Nach 2 Jahren setzte er seine Studien in Odessa bei dem Gesangsmeister Gervasi fort, indem er zugleich eine Stelle als Chordirigenk in der großen Synagoge bekleidete. Nach wiederum 2 Jahren war sein Studium beendet. Er gieng dann nach Wien, woselbst er von dem Meister aller Cantoren, dem berühmten Sulzer, bestimmt wurde, für alle Zukunft dem Cantorate sich zu widmen. 1864 wurde er Cantor in Posen, 1868 in Teplitz und 1870 in Hannover. 1873 wurde er hier definitiv angestellt. Seit dieser Zeit hat er nicht nur in der Synagoge zu Hannover, sondern auch bei seinem Auftreten in Leipzig vor den größten Kunstkennern dieser Stadt, wie bei seinen Vorträgen Hierselbst in Wobllhätigkeitscoucerten und im Tonkünstlerverein durch seinen herrlichen Gesang seine Zuhörer entzückt und als tresflicker Künstler sich bewährt. Er hat aber auch viele junge Cantoren herangebildet und in den letzten Jahren an der ,Bildungsanstalt für jüdische Lehrer' den gesammten Gesang- und Musikunterricht ertheilt, für den er einen besonderen Lehrgang ausgestellt hat. Sein Gesang hat den Gottesdienst der Gemeinde Hannover, dessen Regelung und würdige Gestaltung er mit ganzer Hingebung förderte, zu einem weithin berühmten Mustsrgottesdienste gemacht. Der Verstorbene war ein Mann der Wahrheit, .Nun holdes Weib, bin ich nicht in der That Dein Sclave?" fragte er, noch immer vor ihr auf denKnieen, mit einem glücklichen Lächeln. ״Ja", erwiderte sie, während ihre schönen Arme aus dem weichen Duft des Hermelins bervorkamen, in den sie der König eingehüllt hatte, ״Du bist cs und sollst es bleiben. Mit unsichtbaren Kelten will ich dich fesseln und mit einem süßen Joch beladen, aber ich werde Dir eine milde Herrin sein/' Und sie hielt Wort. Sie verstand es so sehr, Kasimir, den flatterhaften, den das Volk, weil er eben so weise als verliebt war, den Salomo Polens nannte, zu erobern und zu binden, ihn so vollständig glücklich zu machen, dass sie trotz ihres eingezogenen Lebens nur zu bald die Eifersucht der polnischen Damen von Adel erregte. Sir ließen ihr täglich neue Beschimpfungen an die Mauern von Lobzow schreiben wie: SchueiderStochter! — Hof einer Jüdin! — Königin von Jerusalem! König Kasimir geriet in Zorn darüber und wollte die Schuldigen bestrafen, doch Esterka begütigte ihn. . ,,Was beweisen diese Aufschriften andres^', rief sie lachend, ״als dass wir glücklich sind, dass wir uns lieben, mitten in einer Welt voll Missgunst und Hass. Besser beneidet, als bedauert zu werden." Am folgenden Morgen ließ sie aber selbst so groß, dass man es weithin lesen konnte, und so hoch dass es Niemand auslöschen konnte, über das Thor ihres Palastes schreiben: Hier wohnt die glückliche Esterka. Schneiderstochter aus Opocznow, Königin in ihrem Hause!" Esterka schenkte dem König drei Kinder, zwei Söhne, Palka .und Niemira, welche er christlich, und eine Tochter Rebekka, welche er im mosaischen Glauben erziehen ließ. Sie selbst lebte fromm, gottessürchtig und in jeder Beziehung tadellos, ein Muster när die vornehmen Frauen Polens, deren Sitten leicht und roh waren. Sie beobachtete streng die Gesetze ihres Glaubens und elffüllte alle Pflichten einer jüdischen Frau mit Eifer und Lust. Niemals forderte sie die Welt heraus, sie zeigte sich weder öffentlich, noch ließ sie fremde Augen die königliche Pracht sehen, welche sie in Lobzow umgab. Doch gerade in ihrer Bescheidenheit, in ihren bänslichen Tugenden lag ein großer Theil ihres Reizes und ihrer Macht über den König. Bei ihr suchte er jeden Abend Erholung von den Staatsgeschästen. Kasimir der Große war den Inden stets geneigt gewesen und hatte sie durch seine Humanität und Toleranz mehr und mehr nach Polen gezogen. Durch den Einfluß EsterkaS wurde jedoch die Lage ihrer Glaubensgenossen noch um Viele? günstiger. Der König verlieh den Juden zahlreiche, verbriefte Rechte und Vortheile und begünstigte ihre Ansiedlung in den Städten. Sogar iu der Königsstadt Krakau räumte er ihnen ein Viertel ein, da» zu Ehren ihres gütigen Beschützers von den dankbaren Israeliten Kasimierz genannt wurde und heute noch so heißt. Da die Juden gerade damals in Deutschland, Spanien und Portugal verfolgt wurden, zogen sie zu Tausenden nach Polen und brachten nicht nur ihre Reichthümer au Geld und Gur in ihr neues Vaterland mit, sondern auch einen noch größeren Schatz, ihre Wiffenschaft und ihre talmudische Gelehrsamkeit. So wurde Polen der Hauptsitz jüdischer Cnltur. Aller Orten entstanden Schulen für