Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1890)
- Date
- 1890-01-11
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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- — dieser siel der Zntrigue zum Opfer. Er musste das ihm lieb gewordene Lemberg verlassen, da alle seine Beschwerden bei der Tempelverwaltung keine Berücksichtigung fanden. Es ist charakteristisch für unsere Zustande, dass eine unliebsame Figur aus dem Lebrcrstande, die stets dabei ist, wo es gilt, Zemandem einen Strick zu drehen, und als ein Krebsschaden unserer Gemeinde bekannt ist, bei dieser Affaire ihre hilfreiche Hand im Spiele hatte. So blieben wir zwei Monate vor den heiligen Feiertagen im Tempel auf den מstroz“ und ״schames“ angewiesen. Wenn man bedenkt, dass der Vorbetcr in einer großen Gemeinde neben Stimmmitteln, noch den Gebettext lesen (iwre) und verstehen muß, um die Betgemeinde würdig zu vertreten, so muß es uns befremden, dass die Tempelverwaltung sich nicht zu der Rücksichtnahme gegenüber den Sitzinhabern hinausschwang, einen Concurs für die Zeit der Feiertage auf den Cantorposten auszuschreiben, wie andere Tempelverwaltungen vorgegangen sind, um einen erkrankten Functionär zu vertreten. — Dann wäre es Len Sitzinhabern erspart geblieben, sich auf den .heiligen Ort' versetzt zu glauben und die Grimassen und Verzuckungen zu schauen und die Gurgcltöne zu vernehmen, die ein mit geringen Stimmmitteln begabter Quasisänger bei der Nöthigung seiner Kehle zur Erzeugung höherer Töne produzirt. ,So ein Gesang, der Stein erweichen, Menschen rasend machen kann.׳' — Es fiel uns dabei die Gurgelszene am Brunnen beim Luisenhof zu Salzbrunn ein, wie solche die Badegäste an jedem Morgen aufführen. Einen besonders peinlichen Eindruck brachte das Nachäffen der herrlichen Gesänge des abgegangenen und so sckmerzlich vermissten Cautors Halpern auf die Zuhörer hervor, besonders da dessen Textkenntnis bei seinen herrlichen Vorträgen uns in die Erinnerung zurückgerufen wurde. — Den Chordirigenteu, der den ,Balschachris" machte, treffen solche Vorwürfe nicht. Gelegentlich der offen gebliebenen Cantorfrage tauschten wir mit einem Sitzinhaber über die Berufung eines Cantors, der schon früher bier fungirt hatte, unsere Meinungen aus. Da hieß es. dass N. N. bier als Cantor unmöglich sei, weil er der Sitte in den kleinen Städten, wie z. B. Pecechwost, am Sabbath und an Feiertagen beim Gabbe zu singen, sich nicht fügen wollte und deshalb in Ungnade gefallen sei. Auf weiteres Befragen Esterka von Leopold von Sacher Masoch.*) (Schluss.) Esterka faß eines Abends am Fenster und blickte träumend hinaus in den Sturm der wirbelnden Schneeflocken. Die Ampel, die au eiserner Kette von dcr Decke herabfiel, hüllte sie geheimnisvoll mit ihrem rothen Lichte ein und warf spielende Funken auf ihren mit goldigem Zobel besetzten und gefütterten Kaftan, der sie bis zu den Sohlen hinab einhüllre. Da sang die Thüre in den Angeln, und König Kasimir stand ans der Schwelle. Esterka erhob sich rasch und breitete tie Arme nach ihm aus, er aber warf den weiten Reitermantel und die Mardermütze mit dem odelsteinbesetzten Reiher ab und warf sich zu ihren Füßen nieder. ,Mein König!' ries sie, ihn zärtlich umschlingend. ״Dein Sklave''erwiderte er, ״mit dem Du machen kannst, was Du nur willst.' ,,Dann mache ich meinen Gatten aus Dir.' ״Wie Du willst," erwiderte Kasimir, ״ich ergebe mich Dir auf Gnade und Ungnade." Schon am folgenden Tage fand die Vermählung des Königs mit der schönen Jüdin im Hause MeilechS statt. Der Kanzler Mnischek setzte die Heiratsurkunde aus, stellte die nöthigeu Fragen und sprach *) Populär-wiffenschaftl. »Monatsbl." Frankfurt a. M. erfuhren wir, dass die übrigen vier Verwalter wenig gelten und dass blos der Weißbäcker unter ihnen über den ״Schlüssel" des Tempels verfüge. Fühlt sich da der Leser nicht auf ein Gebiet versetzt, wo uns Plötzlich die komische Figur eines ״Gefängniswärters" in der lieblichen Gestalt des Herrn ״Frosch" aus der Operette ״Fledermaus" von Strauß entgegentritt? Der ,Frosch' mit dem feuerrolhen Gesichte von der Färbung des heißgesottenen Krebses, das bei Beleuchtung seinen Esiect nicht verfehlt, mit dcr voluminösen, stets dampfenden Nase unter der Einwirkung des ״vcrfleksten Slivovitz' stehend, brummt, schimpft, kreischt, lärmt und treibt Scandale. Auf der Bühne mag eine solche Figur erheiternd wirken, aber im Tempel wäre ein solcher Bühnenschatz eine traurige Acquisitiou, wenn wir uns die angesehenen und feingebildeteu Vorgänger vor Augen halten. Eine solche Figur aus Nowybrzeg war aber bei unseren Vorgängern nicht das Material, woraus Verwalter für den Tempel geschnitzt wurden. Und da bei uns das Cliquenwesen grvßgezogen wurde und Streber echten Calibers notwendig sind, so wird immer mehr eine Schlammsiuth aus den Vorstädten in den Tempel geschwemmt, so dass wir noch den 13löthigen Neb Jone als den ,Schlüstel-Meister' unseres Temepls begrüßen werden. ,Ehrlich währt am längsten' — und,Kork schwimmt'. Bedauernswerthe Gemeinde! Wohin bist Du durch den Jildlffereutlsmus Deiner Mitglieder gcratben und wobin wirst Du zugesteuert! Wie ein Wrack auf den vom Sturm gepeitschten Wogen der See treibst Du einber, ohne Steuerrad und Segel, ohne den Piloten, der Dich in den sichern Hafen führt! Die Dich führen sollten, führen Dich an. Die Sünden Deiüer Führer und Versübrer werden Dir zur Last gelegt, waffnen den Hass Deiner Gegner wider Dich und Dn musst für fremde Sünden büßen. Wann wirst Du aus Deinem Schlummer Dich aufrütteln und dieses Alpdrücken verscheuchen, daS an Deinem Marke zehrt? Wenn wir Deinen Tempel betreten, klingt uns der Klageruf des gottbegeisterten Säugers in den Ohren: .Die Heiden sind in Dein Erbtheil eingedrungen und haben Deinen heiligen Tempel entweiht!' Wie beschleicht Wehmuth unser Gemüt, wie drängt sich die Tbräne in unser Auge, wenn wir die Ordnung und die Eheschließung feierlich aus. Der König selbst steckte den Ring an Esterkas Finger, und sie folgte seinem Beispiel. Als Zeugen fungierten Wenglinski und der Starost von Sandomir. Es war die erste bürgerliche Ehe, die indem christlichen Europa geschlossen wurde, und zugleich die erste Ehe eines Christen mit einer Jüdin. Nach dem Hochzeitsmahl, an dem nur die wenigen Vertrauten tleilnahmen, zog der König selbst Esterka den rotsammtnen, goldgestickten Hermelinpelz an, den er für sie mitgebracht hatte, und nachdem sie sich ganz in weiße, undurchdringliche Schleier eingehüllt hatte, trug Kasimir die süße Beute aus seinen Armen hinaus und in den bereitstehenden Prachtschlitten. Beim silbernen Klang der Schellen und dem Schmettern, der Trompeten, bei Fackelglanz und Peitschenknall, zog Esterka als Herrin in dem Schlofie zu Lobzow ein, daS Kasimir der Große, der reichste Herrscher Europas, mit königlicher Pracht ausgestattet hatte. Sie fühlte sich im Anfang betroffen und eingeschüchtert durch den Luxus, der sie umgab, aber ihr Herr und Gemahl, der König, wollte es so, und da sie nur von einem Gedanken erfüllt war, dem, ihn glücklich zu machen, so, fand sie sich auch in Liese ihr erst fremde und unheimliche Umgebung. Am Hochzeitsabend hatte ihr der König selbst, nach polnischer Sitte vor ihr knieend, die rothen Safianstifel, die sie trug, ausgezogen und ihr die kleinen, tückischen mit Gold gestickten und mit Hermelin 1 gefütterten Pantoffel angezogen.