Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1890)
- Date
- 1890-01-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Staates. Und wenn nun der Staat, um sicher zu sein, dass sie sein Interesse und sein Wohl rückhaltslos fördern werden, fordert, dass sie Fleisch von seinem Fleische, Blut von seinem Blute seien, verlangt er nichts anderes, als dass sie eben aus diesem Grunde ihm voll und ganz angeboren müssen. Dann wird aber auch der Staat seinerseits dafür Sorge tragen, dass nicht in muthwilliger und frivoler Weise mit ihnen umgesprungen werde. Würde also der Staat die Forderung des Jndigenats für die Erlangung der cantoralen Wind.׳ erheben, so würde er dadurch nicht nur bekunden, dass er von dem Dasein und der Bedeutung des Cantors Kenntnis habe, sondern auch unzweideutig erklären, dass der Cantor für ihn, wenn auch nur unmittelbar, von großer Wichtigkeit sei. Als nächstes, durch das Beispiel der Collegcn in Deutschland gegebene Ziel ihrer Wünsche könnten die Cantoren -as gewiss billige und bescheidene Verlangen hinstellen, der Staat möge den jeweiligen Abschluss der Contracte zu seiner ge-- nehmigenden Kenntnis nehmen und so allen Gemeindepaschas und solchen, die es werden wollen, ein kräftiges: Quos eg0 §1״-- gegen rufen, wenn sie es versuchen wollten, einen Functionär zum Gegenstand von Launen zu machen, die sie von Zeit zu Zeit zu haben beliebten. Die Cantoren müssen also weit davon entfernt sein, aus völlig unzeitgemäßer Furcht, unliebsames Aufsehen erregen zu können, sich in dieser Angelegenheit passiv oder gar ablehnend verhalten zu wollen, vielmehr entschieden und nachdrücklich das Verlangen stellen, dass auch sie in den Kreis derjenigen miteinbezogen werden, welchen die Wohlthat einer staatlichen Fürsorge zukommt. Naturgemäß wenden sich da die Augen der zerstreut in den einzelnen Gemeinden lebenden Amtsbrüder erwartungsvoll auf die Collegen im Herzen des Reiches, in der Metropole Oesterreichs. Man erwartet eine That, ein Einschreiten, welches in der genannten Weise aufklärend wirken soll. Statt dessen allent-- halben räthselhaftes Stillschweigen! Und doch wäre es ein vielleicht uneinbringlicher Schade, den Augenblick, wo die erste bedeutende Codification der Nech'.sverhältniße des Judenthnmö der gesetzlichen Sauction entgegengeht, etwa in fatalistischen Anwandlungen zu versäumen und demuthsvoll abwarten zu wollen, was der dunkle Schoß der Zukunft in sich birgt. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! E. Nicsenseld. Streiflichter ans das Gebiet des Cnltus. Gelegentlich der Neuwahl des Tempelvorstandes in Lemberg, bei welcher eine überaus lebhafte Agitation stattfand, ist unter obigem Titel eine Flugschrift erschienen, in welcher die Verhältniße in der genannten Gemeinde einer grellen Beleuchtung unterzogen werden. Von dieser interessanten Enunciation, für deren Autheuticität wir wohl keine Garantie übernehmen können, einen Auszug in unserem Blatte wiederzugeben, sehen wir uns aber umsomehr veranlasst, als daselbst auch die Cantorfrage in Lemberg eingehende Erörterung findet und einen neuerlichen Beweis für - die trostlosen Zustände in den jüdischen Provinzgemeinden liefert. Nach einem geschichtlichen Ueberblicke über die Entstehung und Entwickelung der Gemeinde Lemberg fährt der Autor, der eine große Versirtheit auf diesem Gebiete bekundet, in folgender Weise fort: ,Wenn wir dieser glänzenden Vergangenheit das Bild der Gegenwart entgegenhalteu, so müssen wir in den Nus des Propheten ausbrechen: ״Eclrn joschwu budot huir!K Unberufene Elemente, bildungslose und zweifelhafte Patrioten sind in das Heiligtbum, in unseren Tempel eingedrungen, auf Intelligenz und Wissen, auf Wohlanständigkeit in Rede und Sitte H wird nicht mehr gesehen. Der Maulheld, der Flachkopf, der bildungslofe Ehrsüchtige macht sich breit in den Kreisen der Verwaltung unserer -Cultusinstitutionen. ,Wo Laster gelten, sind Ehrenämter ein gemeines Amt.* Leute, die besser thäteu, ihr Fach zu pffegen, drängen sich als Stellenjäger auf, in der Ausübung der öffentlichen Ehrenämter wird heute der einfachste Anstand erniedrigt und zur Erde gezerrt. Wen aber trifft die Schuld daran? Wir müssen es gestehen, uns allein! Warum haben wir die Warnung des sel. Zipper vor den unberufenen .Fremden", die zu Tempel- Verwaltern gewählt sind, kn den Wind geschlagen? Warum besuchen wir den Tempel nur zur Seelenandacht? Schon aus Pietät zu unseren Vorfahren sind wir verpstichtet, uns für dieses Gotteshaus, das bleibende erste Wahrzeichen des Fortschrittes, zu interessiren und es in Ehren zu halten. Wären alle Gutdenkenden stets am Platze, hätten Eindringlinge, Männer ohne Namen, es nie gewagt, uns Abkömmlinge der Tempelgrüuder beherrschen zu wollen und sich als unsere geistige Repräsentanz hinzustellen, deren wir uns im Interesse unserer sittlichen Würde schämen müssen. Von Zeit zu Zeit taucht die Cantorfrage aus. Dadurch gewinnt das Proletariat an Bedeutung. Der Cantorfrage hat ein bekannter Bäcker seine Verwalterstelle zu verdanken, da er zur Entfernung des Cantors D. seine starke Faust angeboten hatte. Die Nothlage unseres Tempels zog noch größeres Uebel nach sich. Eingewanderte ״Russen" bemächtigten sich der Ver- Wallung des Tempels; Lenre, denen unsere heutige Generation die ״Wucherschuld" ihrer Ahnen und Schwiegerahnen erst zu verzeihen hat . . . Oder dürfen wohl die Abkömmlinge jener Ahnen deshalb am Ruder des Tempels stehen, weil Leute mit gleicher Vergangenheit am Steuer unserer Gemeinde sitzen? . . . Doch kehren wir zu unserem Tempelthema zurück! Wenn wir die Ursache des beständigen Cantorwechsels aufsuchen, so wird sich an der Hand der Thatsachen ergeben, dass ein ehemaliger Sanggchilfe des sel. Chasen Aron Schulem durch Neid und Missgunst geleitet, den Cantoren ihre Stellung hier verleidet und zum Äusgeben ihres Postens treibt. Wir befaßen einen geachteten Cantor in der Person deS Herrn Menkes. Doch dieser sollte bald vertrieben werden; denn er war ein . . . Einheimischer. Menkes hatte seine Ausbildung in Wien auf Kosten seiner Gönner und Freunde erlangt, die sein dramatischer Tenor von feinstem Timbre ihm verschaffte. Als würdiger Schüler des Hofopernsängers Hanns Rokitanski fand er überall bei seinem Auftreten in Concerten Anerkennung und sogar begeisterte Anhänger. Aber fein frommes Gemüth zog den Beruf des Cantors allen Triumphen und glänzenden Aussichten vor. Er fand in unserem Tempel Anstellung als 2. Cantor, seine Leistungen fanden allgemeinen Beifall und er hätte da sein anständiges Fortkommen erlangt, wenn Herr ״Tambor'* nicht dazwischen getreten wäre und durch seine Jntriguen den Herrn Menkes zum Aufgeben des Postens und zur Auswanderung veranlasst hätte, wo derselbe zu Bialoftok in Rußland noch bis heute den Posten des Obercautors innehat. Der Einheimische musste seine Heimat verlassen, um dem Fremden Platz zu machen. Vor einiger Zeit erhielt er den Ruf nach Odessa, wo er an zwei Sabbathtagen zur Probe sang, großen Erfolg fand, und der erste Cantorposten ihm zugesichert wurde. Das gelungene Jntriguenwerk bei Menkes ermuthigte unseren Helden, auf dieser Bahn fortzuschreiten. Ju letzter Zeit fungirte Herr Halpern als erster Cantor in unserem Tempel, ein frommer, moralischer, im Hebräischer: gebildeter Manu, von mildem Gemüthe, ein geschulter Säuger mit schönem Material. Auch