Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 10 (1890)
- Issue
- Heft 1 (1.1.1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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historische?, nationales Ereignis anknüpft, poetisch auszuschminken, und gelang eine solche Arbeit, oder fand sie beim Publikum Beifall, so konnte sich der Dichter des Ruhmes und der besonder» Auszeichnung erfreuen, dass dieselbe den Gebeten einverleibt rvnrdc, und dass der Vorbetcr sie in der Synagoge öffentlich rrcitirle. Diele Dichter waren auch für ihre Unsterblichkeit besorgt, indem sie es verstanden, in den Versanfangen ihre Namen künstlich Zu verschlingen. Als aber das große Licht, Maiwovidss, dem Zudenlhnme zu leuchten begann, sank bei den Gelehrten das Bestreben, die Gebete mir ihren Geisteserzeugnißen zu bereichern, die Philosophie ward durch die Anregung dos Mai- *nonides ein Studium, das bei den Israeliten eine Heimatsstätte fand, die erleuchteten Köpfe kamen zu dem Resultate, dass es zum Verständniße der Religion nöthig sei, in die tiefen Schachte der Philosophie einzudringen, damit Glaube und Wissenschaft sich nicht feindlich gegenüber stehen, sondern miteinander Hand in Hand gehen sollen. Wie man diese vermeintlichen Feinde einander nähere, wie man die Ueberzeugung gewinne, dass die Wissenschaft nicht die entschiedene Gegnerin der Religion ist,., dazu zeigte Maimonides den Weg, der es als seine Lebensaufgabe betrachtete, die Wissenschaft mit dem Jndrnthume in Einklang zu bringen. Iudcss dauerte die Begeisterung für die Bahn, die Mai- Wonides ebnete, nicht lange, der Enthusiasmus musste der kühlen Reflexion den Plan räumen; denn die Frommen Israels wollten die religiösen Satzungen nicht mit der Messschuur der Wissenschaft gemessen wissen, wollten die heilige Dborair nicht unter das Joch der Zeitphrlosophie unterordnen, sahen cs vielmehr als Schmähung der beiligen Lehre an, wenn diese erst durch die Wissenschaft ibre Bestätigung finden musste. Daher behaupteten sie, das Hei! und die Wohlfahrt des Iudentbnms sei nicht in der Pstege der,Philosophie zu suchen, sondern in der Kabbalah, welche die dem Berstgnde nicht einleuchtenden Satzungen der Thorah; mystisch erklärt. < Diese Frommen huldigten dieser mystischen Afterweisheit und behaupteten, wer diese nicht pstege, vermöge in den wahren Geist der Iborab nicht eiuzndri.ngen, könne die Quellen jüdischer Wissenschaft, woraus die vielen Ströme und Bäche jüdischer Satzungen und Bräuche hervorströmen, nicht erschließen. Einer der eifrigsten Anhänger der Kabbalisten war Moses ben Nachman aus Geronna in Katalonien, kurzweg Nachmanidcs genannt, geboren im Jahre 1194. Bevor wir den äußeren Lebensgang dieses bedeutenden Mannes schildern, wollen wir zunächst ein kurzes Bild seiner geistigen Thätigkeit, die er auf dem Gebiete des Talmuds entwickelte, entrollen. Schon in seiner frühesten Jugend zeichnete er sich durch hervorragende Geistesanlagen ans und wählte sich zu seinem Ideale den großen Talmudheros Rabbi Jiak. Alsasi, dessen Lehrmethode und talmudilcken Styl sich anzueignen, er eifrig bestrebt war.. Seine nach Alfasischem Muster gearbeitete Erstlingsschrist war הלכות בבורות; in dessen Vorrede bemerkt er die denkwürdigen Worte:. ילית לאלה עוצרא למיתב לזעיר־א רבותא ויקרא Gon hindert es nicht, auch dem jungen Manne Würde und Ebre zu verleihen. Er.wollte damit andeuten, dass cs ein großes Wagestück sei, eine derartige talmudische Abhandlung, die, das Nesuliat scharfsinniger talmudischer Forschung ist, zu publicircu; allein durch Gottes wunderbare Allmacht ist eS möglich, da's auch der Jüngling in die riefen Schachte des Talmuds ciuzudringen vermag. ־ Diese erste Jngendschrisl nimmt unseren Geist gefangen, fesselt unsere Aufmerksamkeit und zeigt uns, wie der jugendliche Verfasser cs verstand, die tief verborgenen Schätze aus dem Borne des Talmuds hervorzuholen, und wie man nur durch die klar erfasste Theorie zur praktischem Handhabung der Gesetze gelangen kann; denn jeder Paragraph bildet den Extract talmudischer Coutroversen, die nur der gründliche Talmudgelehrte zu excerpiren im Stande ist. Seine zweite hervorragende Jugendschrifl betitelt sich ״Milchamoth.“ Hier schlendert er die Pfeile seines Scharfsinnes und seines kaustischen Humors gegen den - bewunderungswürdigen Geistesheros Serachja Halewi, weil letzterer es vermöge seiner hervorragenden Geistesanlagen wagte, den großen Lehrer Alsasi, welchen Nachmattn so hoch verehrte, dass er ihm stets als Vorbild vorschwebte und demnachzuahmen,. Esterka von Leopold von Sacher Masoch*) Unfern der uralten Königsstadt Krakau an der Weichsel liegen die Trümmer des Schlosses Lobzow. Ephen und Immergrün umranken diegebrochenen Mauern, die eingestürzten Säulen deS einst so prachtvollen Palastes, Himbeerbnsche wachsen auf dem GeröÜe und. erfüllen die Luft mir dem süßen schweren Duft ihrer Früchte. Uuweir riefelt eine Quelle, und aus der Ferne tönt Las schwermülhige Lied eineS Hirten herüber, der feine Schafe auf der grünen endlosen Weide grafe» lässt.; Das abergläubische Volk erzählt, dass hier bei Tage giftige Schlangen und Nachts böse Geister ihr Unwesen treiben. Sobald die Sonne untergegaugen ist, geht niemand gern an dem einsamen,- traurigen Ort vorüber, und muß ja ein Landmann mit seinem Pflug vder^sciuem Vieh vorbei, so versäumt er es gewiss nicht/ sich zu bekreuzen. Keiner würde es wagen, zur Geisterstunde der unheimlichen Stätte zu nahen, denn um Mitternacht wird der Bann, der über diesen von der Zeit geschwärzten Trümmern ruht, gehoben/und durch Zaubermacht erstehen dann die Mauern des Palastes von Neuem. Wachen stehen auf dem Wall mit blinkenden Krummsäbelu, die Zugbrücke ist aufgezogen, die Fenster des Schlosses glänzen im vollen Kerzenscheiu und aus dem Garten tönt wundersames Lautenspiel und melodischer Gesang herauf. ' Zm. goldstrotzenden .Prachtgemach ruht auf weichen, seidenen Kisten eines orientalischen Diwans ein schönes Weib, die schwarzen Haare mit Perlen durchfiochten, den üppigen.Leib in schwellendes *) Populär-wiffenschaftl. »Monatsbl. *Frankfurt a. M. Pelzwerk'geschmückt, und aus dem Bärenfell zu ihren Füßen ein hoher, vornehmer Mann mit stolzen Adleraugen.. Es ist Kasimir der Große, der König Polens, und das schöne Weib, das ihn gefangen hält mit unzerreißbaren Banden, ist Esterka, die Jüdin von Opoczno. * * H - An einem kalten' sonnigen Wintertag jagte König Kasimir in der Nähe von Opoczno. Ein Bär kam aus ihn zu. Der König ries ihn . an, und als sich das Unthier aus die Hinterbeine anfrichtete, gieng er mit dem Jagdspeer ans dasselbe los. Der Bär siel aus den . ersten Stoß, aber im Fallen versuchte er den König zu umarmen, blieb mit der Kralle an dem Aerinel seines pelzbesetzten Leibrocks hängen und zerriss denselben von oben bis unten. Als die Jagd zu Ende war, ritt der König mit seinem Gefolge beim fröhlichen Klang der Hörner und dem Gebell der Meute in : Opoczno ein und fragte nach einem Schneider, der ihm rasch den Schaden ausbessern könnte. Die Umstehenden wiesen auf das Haus des Meilech Gidoni, das Eckhaus in der Judengaste, und Kasimir schritt an dasselbe heran, stieg vom Pferd und trat in die Werkstatt des Meisters, der ihn ehrerbietig und verlegen begrüßte. ,Nun, mein Freund*, begann der König lächelnd, »heute soll Dir dein Herzenswunsch׳ erfüllt werden. Da jeder von Euch gern dem ,. König am Zeuge flicken möchte, da ist er, ihn Dir keinen Zwang an und' flicke mir den Äermel, den mir der Bär zerrissen-hat.* Damit zog Kasimir mit Hilfe seiner Kämmerer den Leibrock ans und übergabihn dem jüdischen Meister. : Während Meilech Gidoni in' begreiflicher Aufregung an dem königlichen Mock nähte, saß Kasimir auf einem Polstersitz in der Nähe