Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 41 (22.12.1888)
- Date
- 1888-12-22
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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e — Sie spielten sicher und mit vollständiger Beherrschung ihrer Instrumente, das Eigenthühmliche war jedoch ihr Zusammenspiel. Es klang wie aus einem Instrumente und einer Seele heraus, und doch spielte eigentlich nur der Mann und die beiden Anderen begleiteten ihn, und zwar improvisierten sie nicht die Begleitung, denn was er vortrug, würde in einem civilisierten Lande als ״Phantasie über ein gegebenes Thema" bezeichnet werden. Einer der Lembeiger Herren hatte ihm das schöne, schwermüthige Volkslied: Kazut ludi szczom sczaslivi — die Leute sagen, ich war' glücklich י un Thema gegeben, und er spielte eine Art Paraphrase dieser herrlichen: Melodie, wahrhaftig! Franz Liszt hätte sie n׳ck>t kühner er linnen und viuuoser ausfnhren können. Die Frau und das Ktnd bcg'eiteten ihn mit geradezu künsilerischen Verständnis, indem sie immer im Hintergründe blieben und doch jeder feilten wechselnden Stimmungen, seinen stets feinen, nicht selten bizarren Nuancen zu folgen wuisten. Als sich die Fremden entfernt hatten und ich und die Freundin des Schankwirthes mit dem interessanten Terzett allein waren, forderte ich dasselbe auf, uns etwas Hebräisches zu spielen. Der Mann lächelt-׳, sah die Frau an und dachte nach. Da erhob der Knabe die ernsten blauen Augen und flüsterte: ״Das Lied von Hatman Chmilmtzki." ״Gibt es denn ein solches," fragte ich, ״ein wahrhaft hebräisches Lied?" - ״Ja," erwiderte der Mann. ״Chmilnitzki lebt, im Ernst und! Scherz, im Gedächtnis der polnischen Juden fort: im Scherz als Häman im Ahasverusspiel, das zu Purim ausgeführt wird, und im Ernst in Liedern und Geschichten." Wie König Casimir die Lichtgesialt der polnisch-jüdischen Chronik ist, -so wurde Bogdän Chmilnitzki zum Dämon derselben.^ Dieser :polnische Edelmann, dem ein mächtiger Magnat Weib und Gut genommen hatte, war, ein Michael Kohlhaas in großem Maßstab, zu den Kosaken geflohen und führte sie, als ihr Heerführer, wiederholt in dir polnischen Lande, wo jedem ihrer Siege Mord und Plünde- - rung auf dem Fuße folgten. Vor Allem wurden die Juden zu Tau-; senden niedergemetzelt, da man in ihnen die Helfershelfer der pol- Nischen Magnaten fand Die Improvisation, welche nun folgte, war ein dramatisch- ' musikalisches Gemälde. Die Melodie der alten Ballade. bildete gleich den Grund, auf dem der jüdische Geiger dasselbe wob. Ein idylli- ׳ sches Epos leitete das G :ze ein. Es ist Friede, der ruhige. Bürger freut sich seiner Arbeit, der Sicherheit,- des Lohnes, der seinem Fleiß zutheil wird, da tönt von fern die SchlcuHttrompele. Und bald stürzen sich hie feindliche!! Schaaren über die-freundlichen Gefilde. Dör- ׳ fer und Städte brennen. Wolf und.. Nabe erfreut sich des großen Mahles, das ihnen von Chmilnitzki angerichtet wird. Der Hatman .überblickte die-:Wüste,׳ die er geschaffen, und freut sich des. vollbrachten. Rschewerkes, aber der Fluch der Kinder Israels heftet sich gtauenhaft an die Hufe seines Rosses, und die Thränen der polnischen Mütter, deren Söhne die Schlachtfelder decken, schreien zum Himmel widerihn. Als der letzte Ton verklungen war, sprang ich auf und gab dem Geiger die Hand. ״Sie sind ein Künstler,"-sagte ich ״Ja, das ist er," rief die schöne Frau mit den leuchtenden Augen, während der Knabe seinen Vater mit stiller Begeisterung ansah. ״Haben Sie nie daran gedacht, sich weiter auszubilden?" fuhr ich fort. ״Ja, aber ich müsste in das Ausland gehen," sagte er. ״und es hieße sich für einige Zeit von Weib und Kind trennen." ״Und das wollen Sie nicht?" ״Nein." ״Wie sind Sie aber zu dieser Kunst gelangt, die Sie unstreitig besitzen, haben Sie einen Lehrer gehabt?" ״Ja und nein," erwiderte der Jude, ״ich bin in Sambor geboren. Mein Vater war Schames , (Syuagogendiener) dort. Bei der Militärmusik war ein Jude, der die Geige spielte. Er hat mich unterrichtet ein halbes Jahr lang. Das Weitere habe ich so — von selbst gelernt." ,. ch Ich staunte. ״Und Sie." wendete ich mich zu der schönen Frau. Sie sah ihren Mann an, strich mit der weißen Hand über das dunkle Pelzwerk ihrer Sammtjacke und lächelte. Da der Geiger zustimmend nickte, erwiderte sie jetzt: ״Das ist ein Roman." ״Wie das?" ״Ich bin aus Sambor," fuhr sie fort, ״mein Vater ist .ein wohlhabender Kaufmann dort und ich war schon als Kind mit dem Sohn eines reichen Getreidehäudlers verlobt. Da sah ich Baruch, meinen Mann. Cr kam zu Purim als Banernmusikant zu uns und spielte die Ge׳ge. Sein Spiel gewann ihm mein Herz. Doch, die Eltern wollten ihn nicht zum Schwiegersohn. 'Er" galt als Taugenichts, weil er weder den Talmud studieren, noch ein Handwerk erlernen wollte. Um mich zu vergessen, wurde er Soldat, aber er vergaß mich nicht, und ich dachte seiner immerfort und mehr als je, als der Tag herankam, wo ich einem Anderen veimält werden sollte. ״Das war eine Fügung Gottes. Gerade den Abend vorher kam Baruch zurück, und noch in derselben Nacht entflohen wir zttsammen. Am folgenden Tage segnete uns ein alter Rabbi, der meinem Baruch gut gesinnt war, und seitdem ziehen wir in der Welt umher, wie sie uns hier sehen." ״Und haben Sie niemals bedauert, dem Reichthum entsagt zu haben?" fragte die Schankwirthin. ״Neu," gab die Frau des Musikanten zur Antwort, ״ich liebe meinen Mann, und unser Sohn macht uns beide so glücklich^ und dann die Musik?" ״Sie lieben also ihre Kunst?" ״Ob ich sie liebe!" — — Es war spät geworden^ ich warf die Flinte um, reichte dem Musikanten die Hand zum Abschied und ging durch die Dorsstraße meinem Hause zu. Während über mir der stille, feierliche Sternen- Himmel wgr, schwebten aus der Ferne:, sanfte, fromme Töne gleich guten Geistern zu mir her. Es war die Geige des jüdischen Musikanten, die mir das Geleite gab.;,Allg Kunst-Chronik." Kleine Chronik. Aus Ilngar«. Wir erhalten, so berichtet die ״Magdeburger Wochenschrift", von einem viel und schwer verleumdeten ungarischen. Rabbiner, Herrn A. H ö n i g in Sillein, den nachfolgenden ״offenen Brief" zur Veröffentlichung; ״Man hat" — so schreibt uns derselbe — ״mit frecher Verleumdung meinen Namen in den Koth gezerrt, man hat gegen mich eine förmliche Inquisition ins Werk gesetzt u. s. w., brutale Schmähartikel im ״Israelit" und in der Pester ״Allgem. jüd. Zeit" veröffentlicht . . . und das Alles nur deshalb, damit ich, der Rabbiner einer C on g r e ß-Gemeinde, nicht als Nachfolger meines seligen Vaters den Rabbinatssitz der orthodoxen Neuttaer Gemeinde erlange. Die ganze Schaudthat war also nur ein frommes Wahlmanöver. Da sich in Ungarn kein vorurtheilsloses, in weiteren Kreisen gelesenes jüd. Blatt findet, so ersuchett wir Sie, uns in ihren! gesch. Bl. den nötigen Beistand zu meiner Ehrenrettung zu gewähren u. s. w."—: Wir halten es in diesem Falle für eine Pflicht, diesen Brief zu veröffentlichen: Offener Brief an Se. Ehrw. Herr B. Schreiber, Obe r-R a b b i n e r zu Preßburg. Die Wahrheit meiner Ehre zwingt mich, das eigenthümliche Vorgehen, das Sie mir gegenüber befolgten, schonungslos aufzudecken. Sie haben, um meine Erwählung zum Rabbiner in Neutra zu vereiteln, zwei sonst harmlose Leute vor sich geladen, wo man sie in meiner Abwesenheit durch falsche Vorspiegelungen veranlasse, über mich die schriftliche Zeugenaussage abzugeben, dass ich vor 15 Iahren Religionsverletzungen begangen hätte. Dieses verleumderische Schriftstück haben Sie legalisirt und sodann meinen Gegnern übergeben, um in Neutra damit gegen mich zu agitiren, um Abschriften davon überall hin zu versenden und um es schließlich im ״Israelit" zu veröffentlichen. Gleichzeitig wurde die orthodoxe Presse gegen mich gehetzt, und ein Herr Frankel erzählte u. A. ganz ernsthaft, dass er mich bereits im Jahre 1869—70 — damals war ich un-