Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 41 (22.12.1888)
- Date
- 1888-12-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Lein brütete. Die Männer warteten 10 bis 20 Minuten, sie warteten fine halbe Stunde, die Scene änderte sich nicht; der Rabbi sitzt ganz versunken in dem Buche, das vor ihm liegt, als ob er allein wäre. Was -thun? Denheiligen Mann in seiner Lectüre stören, geht durchaus nicht an; da, als die Verlegenheit der 3 Abgesandten bereits eine sehr große war, erhebt sich der Wundermann von seinem Sitze legt ein Lesezeichen in das Buch, klappt dieses zu und entfernt sich ohne einen Blick auf die Besucher zu werfen. Erstaunt blickten sich die Zurückgebliebenen an, dann greift einer derselben nach dem Buche, schlägt dasselbe beim Lesezeichen auf und ״hier steht es", ruft er mit schallender Stimme. Ja, hier stand es! ״Wer seinen Bruder verräth, ist des Todes schuldig", stand in dem Buche, da wo das Lesezeichen lag. Der Angeber wurde bald darauf vermisst und seine Familie schlug Lärm. Das Gericht nahm die Sache in die Hand und ein Pottaschenbrenner erklärte, vermummte Männer hätten ihn nächtlich beim brennenden Ofen überfallen, geknebelt und Augen und Ohren Lest verbunden; so sei er vielleicht zwei Stunden am Boden gelegen, dann wäre er seiner Bande entledigt worden, einer der Vermummten Habe ihm zehn Gulden gereicht und eine Minute darauf sei er wieder allein gewesen. Das Feuer im Ofen war gut unterhalten, aber er Habe Knochen darin gefunden, die er Mit dem Schüreisen hervorgeholt und verscharrt hätte. Die Knochen erwiesen sich als von einem Manne herrührend. Die Untersuchung dauerte Monate lang; fast die ganze Gemeinde wurde wiederholten Verhören unterworfen, es kam nichts an den 'Tag, der Vermisste kam nie wieder zum Vorschein. Der zweite Fall ist der: Vor dem Rabbi steht ein weithin als ׳ reich anerkannter Mann. Ueber hundert Meilen Wegs hat er im Wagen znrückgelegt, um bei dem. heiligen Manne Hilfe in äußerster Noth zu finden: sein einziges Kind, ein Mädchen von fünfzehn Jahren, liegt seit Monaten schwer krank darnieder, kein Arzt kann helfen, so möge denn der Rabbi den Namen des Kindes in sein Gebet einschließen, und Gott wird helfen. Der Fremde hat einen Beute! mit neu geprägten Imperials auf den Tisch gestellt, und der Mabbi sagt: .,Kommt morgen um dieselbe Stunde wieder". Genau um die gleiche Stunde stehen'des andern Tages die beiden Männer wieder einander gegenüber, und der Rabbi spricht im singendem Tone: ״Ich habe den Namen Eures Kindes gesegnet; geht nun gefasster Seele heim, in Gott ist immer Hilfe". Der Vater findet sein Töchterlein auf der Bahre; seine Trauer ist tief; aber er sagt: ״Der heilige Mann kannte den Ausgang, darum sagte er tröstend : ״In Gott ist immer Hilfe". Wunderrabbi IT. ist nun auch den Weg alles Fleisches gegangen und dessen Sohn ist regierender Wunderrabbi M. geworden. Er weiß kaum bester, als sein Erzeuger es wusste, welcher Entwicklung der menschliche Geist fähig ist, und mit wie gewaltigem Finger der Fortschritt selbst an den Thüren der armseligen Bukowinaer . Judenhäuser pocht. Er glaubt heute noch, dass die Erde der Mittelpunkt der Schöpfung ist, und fest auf unverrückbaren Säulen stehe. ״Und sie bewegt sich doch!" Sein Sohn wird kaum mehr regierender Vierter werden. N. St. Z. Jüdische Musikanten. Von Sacher - Masoch. (״Allg. Kunst-Chronik".) WaS die Zigeuner in Ungarn, daS sind die Juden für die pol- ^nischen und kleinrussischen Länder. Wir brachten, so lange, mein Vater an der Spitze der Sem• eberger Polizei stand, den Sommer jedesmal in dem nahen, sehr hübsch gelegenen Dorfe Winiki zu. Nach den Märztagen des Jahres 1848 verließen wir Galizien, und als ich 1858 das erstemal wieder in meine Heimat und nach Lemberg kam, besuchte ich mit Vorliebe den freundlichen, von herrlichen Waldungen umgebenen Or^ an den sich die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit knüpften. Jeden Sonntag spielten in der Kartscha, der Schenke, welche einem Juden gehörte, jüdische Musikanten zum Tanz, und die Mäd» chen und Burschen aus dem Dorfe drehten sich lustig auf den Dielen der Schankstube und stampften mit den schweren Stiefeln, dass die bunten Röcke und die bebänderten Zöpfe der Tänzerinnen hin und her flogen. Es waren vier Männer, welche das orginelle Orchester bilde» ten, alle in langen Kaftanen, mir langen Bärten und den Löckchen zu beiden Seilender Stirne, welche der Volkswitz ״Korkzieher" ge» taust hat. Zwei ältere Männer spielten die Geigen, ein junger schlug den Cymbal und ein Greis mit weißem Patriarchenbart und blinden Augen entlockte der Baßgeige die tiefen, begleitenden Töne. Sie spielten die nationalen Tänze mit vielem Feuer; wen» ich ihnen jedoch ein paar Gulden auf den Tisch warf, auf dem der Cymbal stand, trugen sie jedesmal auf mein Verlangen hebräische Melodien vor. Die jüdische Musik und der jüdische Gesang vor allen habe» sich nicht nur in der Synagoge erhaltm, neben dm religiösm Ge» sängen gibt es, insbesondere bei dm polnischen Juden, zahlreiche Volkslieder, theils dramatischen, balladen artigen Charakters, theils lyrisch-elegisch, theils komisch. Die letzteren kann man vorzüglich zur Zeit der Purim, deS jüdischen Carnevals, hören. Diese hebräischm Melodien bewegten und fesselten mich jedesmal durch ihre Orginalität und durch die seltsame Mischung einer kecken Laune mit orientalischer Schwermuth. Ja es war der mustkalische Heinrich Heine und vielleicht noch sein Borgänger und Borbild, der spanisch-hebräische Poet Jehuda ben Halewi, dm mir diese jüdischen Musikanten zu hören gaben. * Eines Abends in der Woche kam׳ ich von der Jagd. Ich hätte auf dem nahen Striche Wildenten geschaffen, die im Sonnen» Untergang ziehen, und kam, als es dunkel geworden war; an der Kartscha vorbei. Da hörte ich eine wunderbare Melodie durch die Luft ziehe» Sollten meine Juden ausnahmsweise an einen Werktag dm Handel der Kunst geopfert haben? Ich trat ein und fand in der Scha nkstube ein merkwürdiges Trio. Ein junger Mann, hoch und schlank gewachsen, m it dunklem Haar und Bart, in einem langen schwarzen Talar, das kleine Sammtkäppchen auf dem Kopse, ei« paar flimmernde geniale Augen in dem bleichen Gesicht, spielte die Geige. Neben ihm stand ein btonder Knabe von kaum zehn Jahren, welcher dasselbe Jnstrmn. *t spielte. Er war hoch aufgeschoffen und sein ernstes Gesicht ^arte nichts von der Frische, welche man an unfern Bauernkindern sieht, aber auch er hatte ein paar feuerige Angen, nicht so glühe-w mie die seines Vaters, aber von einem sanften Feuer, das nicht weniger Geist und Begabung verrieth. Auch er war in einen langen Kaftan von blauem Merino gepresst «nd mit einem rothen Bande gegürtet, auch auf seinem lockigen Kopfe prangte das Sammtkäppchen, die Jamurka, aber beides stimmte gut zu seinem ernsten Wesen. Die schöne junge Frau, welche vor dem Cymbal saß, war offenbar die Mutter, denn sie hatte dieselben blauen etwas schwär merischen Augen, nur dass bei ihr eine gewisse Schalkhaftigkeit in denselben lag. Obwohl ihr Haar unter der unerbittlichen Scheere Hymens gefallen war, hatte ihr Kopf doch nichts von seine« herben Reiz eingebüßt. Ihre strengen Züge, besonders die kleine Adl^ .ase mit den flatternden Nasenflügeln; athmeten Leidenschaft und Kraft. Eine kleine weiße Haube bedeckte den Scheitel und eine Binde mit Goldbrokat die Sttrne, während ihre mittelgroße volle Gestalt durch den dunkelgeblumten Ueberrock und die bequeme Pelzjacke etwas vornehm Behagliches bekam. Sie spielten nicht zuyr Tanz sonder» trugen verschiedene Stücke ihres ProgrammeS HeW kleinen Publikum vor, das in der weite» Stube versammelt mar» theils Bauern aus dem Dorse; theils junge Leute auS Lemberg,die *wen Ausflug gemacht HM«ff.