Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 41 (22.12.1888)
- Date
- 1888-12-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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— -L — ier befördert, und wmn Gefahr im Verzüge war, strömte jener goldene Regen nieder, deffen Fruchtbarkeit dem Vater Zeus, lustigen Angedenkens, schon bekannt war. ׳ Die Juden boten allen Scharfsinn, alle Zähigkeit auf, um das vorgesteckte Ziel zu erreichen, denn der Flüchtling war — aus dem KönigLhause Davids entsprossen! Dieses Losungswort war ihnen gegeben, und der russische, wie der polnische Jude hatte selbst zu Pistole und Messer gegriffen, wenn die Rettung des ״Königsohnes" durch List und Gold nicht möglich gewesen wäre. Russische Spione erkundschafteten den Aufenthalt des Mannes, und die Regierung des Czars verlangte von Oesterreich die Ausliesemng des Flüchtlings. Da geschah etwas ganz Wunderbares: die Gemeinde Sadagora, Jude wie Christ, zeugte vor Gericht, dass der als russischer Flüchtling Lezeichnete Mann im Orte Sadagora geboren, also österreichischer Unterthan sei! Natürlich konnte von Auslieferung nicht weiter die Rede sein; der Sohn Davids blieb ungestört in seinem Hause wohnen, und bald sah man, besonders zur Zeit der heiligen Herbstfeste, ganze Schaaren von gläubigen Juden nach dem Neinen Bukowinaer Städtchen wallfahrten, um den Heiligen von Angesicht zu Angesicht zu schauen, um seinm Rockzipfel zu küssen, seinem Gebet sich zu empfehlen. Bekanntlich aber verfolgt selbst der rechtgläubige Jude nicht blos ideale Ziele;' die transcendentale Straße zum siebenten Himmck hat rechts und links kleine, vielbeschrittene, holprige Wege und Steige, die allesammt aus dem irdischen Jammerthale emmunden und die der arme Mensch, so länge er äthmet, aus Gewinnsucht oder aus anderen praktischen Motiven, lässig oder eilig, je nachdem, beschreitet. So versteht es sich, dass der heilige' Mann um sein Gutachten angegangen würde, wenn es sich um rein geschaMche Dinge handelte, und eS hieß, der Segen Gottes ruhe ersichtlich auf der Unternehmung, die von ihm, dem Rabbi, gutgeheißen wurde. Kein Wunder, dass mit den Jahren der Ruf, mit dem Rufe das Selbstbewusstsein und mit beiden der Reichthum des Mannes wuchst Er bwohnte jetzt sein eigenes Haus, das er sich, hart an der Synagoge bauen ließ, und fuhr in seinem eigenen Wagen. J Das Haus, ein schöner Bau, wurde höchst geschmackvoll eingerichtet, und Kostbarkeiten aller Art (ein silberner Tisch, goldenes Service, herrliche Tschibuke mit Juwelen geschmückt) wurden darin aufgchaust. Er starb, es war das vor etwa einem Menschenälter, und die Bestattung erfolgte zwar in patriarchalischer Einfachheit des Judenthums, aber Ln Anwesenheit von Tausenden gläubiger Verehrer, und unter so lebhaftem Zeichen allgemeiner Trauer, dass der vernünftige Zuschauer, der zufällig oder aus Neugierde der Feier beiwohnte, traurig erschrocken Ln diese weinende und jammernde Menschenmasse Hineiublickte. ״War der Mann, der hier in die Grube gelegt wird, -ein Wohlthäter dieser Menschen?" frug Jemand. ״Nein", ward Hm zur Antwort, ״das brauchte er auch nicht zu sein, er galt ihnen blos für dm Enkel Davids." Die jüdische Gemeinde Sadagora's war trotz der fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit des Wunderrabbi noch nicht wohlha- Sender geworden.. In kleinen, oft elenden Räumen eingepfercht, unzu- 'länglich genährt, blieben die Leutearm, wie sie rS vordem gewesen. Der ״Altgläubige" (Chatzid), kann auch in der Regel auf keinen .grünen Zweig kommen. Die Fest- und Fasttage sind so zahlreich, die ^Synagoge, so wie die häuslichen Gebete nehmen allzuviel Zeit in Anspruch, und endlich muß die allzuhäufige persönliche Beziehung .des Chatzid zwAdouai (Gott), als - schädlich für den bürgerlichen Erwerb betrachtet werden. Rach dem Tode dB Wunderrabbi begann eigentlich erst recht iset« eigentliche Wirksamkeit. An seinem GMS-el stellten sie einen sparbüchsenartigen Kasten auf. Hatte ein. frommer Jude etwas auf dem Herzen, wo er sich nicht Raths wusste, so schrieb er seine diesbezügliche Frage auf ein Papier, das er wohlgefaltet in den Mund des Kastens warf und im Traume ward ihm in der nächsten oder zwütnächsten Nacht die Autwort, die autoritatives Gewicht hatte. * * * Der Glanz der Heiligkeit, sowie des Prophetenthums in Israel sprang von der Stirne des todten Vaters auf das Haupt des Sohnes über, und dieser Nachfolger führte sein Regiment von Gottesgnaden mit nicht minderer Hoheit, mit nicht geringerem Selbstbewusstsein und nicht schwächerem Erfolge, als es sein väterlicher Vorgänger gethan. Zur Zeit der Herbstmonde wallfahrten aus Ungarn, Galizien und der Bukowina, aus Rußland und den Donaufürstenthümern gläubige Juden nach der Residenz des Wundcrrabbi O., um tu dessen Nähe das Neujahrs- und Versöhnungsfest zu feiern. Und der Rabbi speiste sie alle, reich und arm. Die Reichen speiste er in seinem Gemach, und Einige von ihnen sogar an seiner Tafel, er wusste wohl warum. Die Armen, bie misera.aöa coatribuens plebs, wurden in den Annexen seines Hauses verpflegt, gewiss auch nicht ohne Grund. Glücklich, aber mit vor Erwartung unruhig pochendem Herzen waren sie gekommen; beglückt, leiblich und geistig gesättigt, das Gemüth voll ruhigen Vertrauens kehrten sie heim. Das berühmt gewordene, sagenhafte Wort Johannes Huß* ist doch wohl eine Wahrheit: ״O heilige Einfalt!" Der Wunderrabbi II. hielt seine strenge Zeiteintheilung gewiffenhast ein. Gebet, Studium, Familienleben, Audienzen und kleine Spaziergänge oder Ausfahrten folgten «vander regelmäßig. Ju seiner Bücherei, die mit seltenen Drucken der Gemara, der Mischnah, der Midraschim und anderen biblischen Schriften und nachbiblischeu Schriften gut versehen war, brütete er ungestört und beglückt von Ser Weisheit des Hillel und der höheren Erleuchtung des ״Fürsten^!des ״Heiligen", des ״Rabbi", vorzugsweise des Simeon Ben Jochai.!Ohne Kenntnis der Fortschritte in der Zeit, ohne Lust, dieselben kennen zu lernen, ja denselben feindlich gegenüberstehend, hielt er blos den Rambam, die Werke des 1204 gestorbenen MaimondeS, für die echte und rechte Quelle alles menschlichen Wissens. Er empfing Geschenke und gewährte Almosen mit Art und Miene eines Fürsten: in beiden Fällen war er der Verpflichtende, der Beglückende. Wo sein Urtheil, sein Rath verlangt ward, machte'er den Eindruck des Sehers und Propheten. Mit halb verschlossenen Augen, fast starrem Gesichtsausdruck, das Haupt etwas vornüber gebeugt, hörte er dem Vortragenden zu, dann eine Kunstpause, und endlich die leise, in singendem Tone ertheilte Autwort. Die Audienz war aufgehoben. Wie unbedingt der Glaube des orthodoxen Juden an baS Prophetenthum und die Wunderthättgkeit der Wunderrabbi's is^ mögen folgende zwei Fälle beweisen, die man sich Ln der Bukowina, wir wissen nicht mehr, von welchem Wunderrabbi, erzählte und vielleicht heute noch erzählt. Finanzwächter drangen in der Nacht in einige Hauser der Judengaffe, faisirten hier eine Quantität geschwärzter Waaren und die Gerichte verurtheilten daraufhin die Schmuggler zu empfindlichm Strafen. Niemand als ein Gemeindemitglied konnte den Angeber gemacht haben, und es gelang den Leuten auch, den Namen des Denuncianten zu erfahren. Darob heftige Aufregung im Orte; man trat zu einer Berathung zusammen und das Ereignis derselben war, dem Wunderrabbi den Fall vorzutragen und deffen Ansicht über das waS zu geschehen habe, zu erbitten. -- Eine Deputation von drei Männern trat in die Zimmer dS Hochgefeierten, der an einem Tische sitzend über einem kleinen Büch,, U