Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 41 (22.12.1888)
- Date
- 1888-12-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/1304829-3453130-3453171--2722-3457002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
3 — Hohne einer Meute preisgegeben, und Creaturen die den Sabbath entweihen, denen weder Gesetz noch Recht heilig, werden, weil sie zur Meute gehören, wie Schoßkinder behandelt. ״Hunde bellen, der Tod ist in der Stadt". Aber wo seid Ihr, Vertreter Israels? Ist alles taub, alles stumm? Hat keiner den Muth, für einen Rabbiner Loew einzutreten $■ So darf ein Andachtsbuch, das fünf Jahre sich, bewährt hat, von Unberufenen mit dem Bann belegt werden? Soll der letzte Rest des Ändächtsgksühls unserer jüdischen Familien zerstört, vernichtet werden? Wer wird von nun an ein jüdisches Andachtsbuch überhaupt in die Hand nehmen, wenn auf das eines Rabbiner Loew das Gespenst gefitzt werden darf.— - ׳•:■'■ Sind wir denn so erbärmlich elend geworden, dass jede Chiffre unser Heiligstes entweihen, nnsere besten Männer in den Koth zerren, dem Spott und dem Hohne einer Meute preisgegeben kann, dann mag Jeder von Euch das Haupt für den Block vorbereiten. Was heute dem gilt, gilt morgen jedem von Euch, und auf eurem Gewissen lastet die schwere Schuld. Ihr habt die Meute großgezogen,׳ indem Ihr müssig die Hände in. den Schoß gelegt.' Euer Ansehen habt Ihr geopfert und zittert vor dem Gespenst, das Ihr heraufbeschworen. Jhri möget zittern denn: . ״Hunde bellen, der Tod ist in der Stadt". , Wien, am 1-6. Dezember 1888.; Oskar Waldeck. Das Versteigern -er MizVoty, . Ueber diese alte Sitte bringt die ״Magdeb.. Wochenschrift«, folg ende zeitgemäße Betrachtung: . , . Das ^ersteigern der Ni2rvoÜr. in der Synagoge ist. bekgnntlich Gegenstand, vielfacher Discüssioyen geworden, und es ist. :das Verdienst der ״Reform", 'dass: man diese, hässliche Krämerei im Gotteshause nun auch-:bei י deL-Dtthodoxeü als ''unwürdiganerkannt und abgeschafft oder wenigstens von der feierlichen Zeit vor dem Ausheben der Thorä-Röllen auf den Freitag-Abend nach dem Gottesdienste, wie in der Hirsch'schen Synagoge in Frankfurt a. M., zu׳ rückgedrängt hat. . Weniger bekannt dürfte sein, dass das Versteigern der Mizwoth in der Synagoge in der klassischen Litteratur Deutschlands zur Sprache kömmt, und zwar bei keinem Geringeren als unserem Lessing, und nicht weniger interessant dürfte es sein, dass Lessing darüber vom' Standpunkte der Halacha urtheilt, oder vielmehr einen Schluss daraus zieht zur halachischen Entscheidung der Frage: Ist dem Inden auch verboten, am Sabbath an das Kaufen zu denken? Die Stelle befindet sich in den ״Theologischen Streitschriften" . in ״Eine Duplik" ״Erster Widerspruch" und lautet: ״Sie" — die .frommen Weiber —״gingen nicht in die Gewölbe der Spezereihändler, .die freilich wohl schon geschlossen waren, und kauften, sondern -nahmen sich nur vor zu kaufen, erkundigten sich nur, wo sie am besten zu kaufen wären, denn sie waren fremd. Und das durften sie thun wenn auch der Sabbath schon längst angegangen war: das war ihnen durch das Gebot, am Sabbath zu ruhen, im Geringsten nicht untersagt. — So wie auch den heutigen Juden noch nicht. Denn wäre ihnen mit dem Kaufen auch das Denken an das Kaufen am Sabbath verboten: so würde der Sabbath wohl blutselten von ihnen gefeiert. ״Kaufen und versteigern sie nicht selbst am Sabbath, nicht selbst in der Synagoge, nicht selbst die Ehre, die Gesetzesrolle an irgend einem feierlichen Tage aus ihrem Schranke nehmen und auf das Pult des Vorlesers tragen zu dürfen? Genug, wenn sie das Geld dafür nicht am Sabbath erlegen l" Auch die Veranlassung, die Lessing darauf zurückkommen lässig dürste hier nicht unwillkommen sein. Es handelt sich um eine -״Evangelien-Harmonie" gegen die ״Fragmente". Diese hatten!0 Wider sprüche in der Auferstehungsgeschichte der Evangelisten aufgestellt.. Der erste dieser Widersprüche bezieht sich auf Lucas 23,56 : ״Sie kehrten aber um, und bereiteten Spezerei und Salben: und den Sabbath über waren sie stille nach dem Gesetz", — und Marcus 16,1 : ״Und da der Sabbath vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria Jakobi und Salome Spezerei, aus dass sie kämen und salbeten ihn." Nach Lucas fand also der Einkauf der Spezereien Freitag gegen Abend vor dem Sabbath statt, nach Marcus erst am Abende nach dem Sabbath. — Hut diesen Widerspruch auszugleichen, hatte man die gemaltthätigsten grammatikalischen, wie sachlichen Versuche gemacht. Man wollte dem Marcus dasselbe sagen lassen, wie Lucas, dass die Spezereien schon Freitag gekauft wurden, indem man gegen die Grammatik aus dem ״kauften" des Marcus ״hatten gekauft" machte.. Andere meinten, es sei zweimal gekauft worden, ein Theil Freitag Abend, und, da der Sabbath inzwischen eintrat und mau nicht mehr alles kaufen durfte, der Rest nach dem Ausgange des Sabbath. Vom Kaufe des ersten Theiles berichtet Lucas, vom Kaufe des Restes Marcus. — Der ungenannte Gegner Lessings machte aber den diametral entgegengesetzten. Versuch und dachte, wenn, sich Marcus nicht nach, Lucas richten lässt, nun: so muß sich Lucas nach Marens richten, und zwar,, indem er das ״und den Sabbath über waren sie stille" in ״nachdem sie den Sabbath über inzwischen stille gewesen waren" verwandelte. Der Kauf hatte also nach dem Sabbath stattgesunden. ״ Lessing, weist das Ungeheuererliche dieser Rettung, die da!- raus beruhte,, dass.die griechische Partikel»yaen« auch ^,nachdem inzmischeu" ausdrücken könne, in scharf satyrischer Weise nach. -— . Nun kommt es aber Lessing nicht darauf an, die Widerspruche in den Berichten der Evangelisten aufrecht zu erhalten, sondern auß die Behauptung: Widersprüche in den Evangelisten können, ohne >der Wahrheit des. Chrtstenthums Eintrag zu thun, vorhanden sein. Lessing stellt daher zuletzt selbst eine Hypothese zur Aufhebung des Widerspruches aus. Er . meint, die Frauen konnten wohl Freitag die Spezereien wegen.des Sabbaths nicht mehreinkausen, wohl aber : da sie fremd waren, sich erkundigen, wo Spezereien zu kaufen seien. Lucas hatte nämlich für das Luther'sche: ״bereiteten Spezerei" im Original des Verbum »betoirnasan«, und das bedeutet nicht nur praeparabant manibus, sondern auch praeparabant animo. Das Kaufett aber ״im Geiste erwägen", sei den Juden nicht am Sabbath verboten, da sie sonst auch nicht in der Synagoge am Sabbath die Mizwoth versteigern und verkaufen dürften. Goldschmidt-Birkenfeld Die W«n-erraM's. Der Gründer des Bukowinaer Wunderrabbithums war der .Großvater des jetzt regierenden Wunderrabbi in Sadagora. Er kam vor etwa 50 oder 60 Jahren als russischer Flüchtling nach Oesterreich und siedelte sich in Sadagora an. Damals hatte man noch Patrimonialgerichte. und da hielt es, wenn man Geld in der Tasche hatte, nicht schwer, Schutz tmd Unterstützung zu finden. Der Oberbeamte musste nur gewonnen, der Gutsherr eingefchläfert werden, dann konnte man vieles erreichen. Die Art, wie der Flüchtling den russischen Spähern entkommen, gleicht einem Märchen. Von jüdischer Gemeinde zu jüdischer Gemeinde wurde er in nächtlichen Eilfahrten heute in einem Sarge, morgen in einer Strohgarbe, dann wieder zwischen Thierfallen versteckt, wer