Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 41 (22.12.1888)
- Date
- 1888-12-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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lange ich hernieden wandle; selbst wenn ich entschlafen sein und wieder erwachen werde. rucüi §Swi0s>i«, mit Geist und Körper »Adonai li welau iro«, Gott ist mit mir und ich fürchte nichts. So beten wir auch zu Mincha am Sabbath. »Ato echod«, in bist eine Einheit, »Weschimclio echod«, dein Namen eine Einheit, weil wir Gott keine Atribnte beilegen dürfen. »Umi keamcho Isro'el gan echod«, und auch Israel ist eine Einheit. ״Der Wahrheit eine Gaffel Gibt es keine Richter mehr Ln Israel? Ist jedes Rechtsgefühl abgestorben? Hat Liner Muth, die Stimme zu erheben, wenn die Niedertracht und Gemeinheit in schamloser Weise unsere heiligsten Gefiihle verletzt; wenn Unberufene sich anmaßen, über unsere ^Vertreter zu Gerichte zu sitzen? Sind wir so erbärmlich tief gesun- Ifen, dass uns die Characterlosigkeit Moral predigen darf? Ist die Lüge und die MachiNation auf der Tagesordnung und die Ehre vogelfrei? Wo seid Ihr Männer Israels, wo sind unsere Vertreter? Ast alles taub, alles stumm? So ist die Zeit gekommen, da man sich ungestraft an Greisen und Ehrenmännern vergehen darf? Leute, die öffentlich den Sabbath entweihen, die weder die Helligkeit der Bibel anerkennen, noch ein mosaisches Gesetz beobachten, wollen über Männer, die für das Judenthum l eben und streben, die ihre ganze Kraft aufbieten, das Judenthum in seiner Reinheit, uns Vorzuführen, ein Urthell abgeben? Lasier nur die Gedankenfchacherer ihr böses Spiel fortsetzen, klatschet nur in die Hände, wenn sie ein neues Qpferauf die Folterbank schleppen, und lauschet, wMN sie dem verderbten und entarteten Geschmack eine Posse niedrigster Art auMhren, um für diese billigsten Reizmittel einen Abonneuten anzulocken und gewisse leichtgläubige Narren zu ködern. Wir haben Lerells erfahren, zu welchen Mitteln man greift, um einen modernen Rabbiner unmöglich zu machen. Man lässt falsche Zeugen aussagen, der betreffende Rabbiner habe den Sabbath entweiht, er habe verbotene Speisen genoffen. Der Mann ist gerichtet. So wird eine junge, gesunde Kraft hinterrücks gefasst und aus dem Wege geräumt und ein Finsterling an seine Stelle gesetzt*). Wer hat für den jungen Rabbiner in Sillein ein' Wort eingefetzt, als das Preßburger Rabbinat ihre Meute gegen ihn gehetzt Hat? Dürste solches je geschehen in Israel? Hat man jemals gestattet, dass mit solchen niederträchtigen Mttteln gegen Männer des Fortschrittes gekämpft werde? Ueberzeugung stand Ueberzeugung gegenüber. Hat aber jemals ein orthodoxen Rabbiner mit Lügenzeugen ein so böses Spiel gewagt? Heute ist das Gefolge der Verlogenheit so mächtig angewachsen, dass jeder Schurkenstreich, jedes Bubenstück als Großthat zu Ehre Gottes ausgesührt werden darf. ^,H u n d e bellen, der Tod ist in der Stadt". Vor fünf Jahren erschien von Rabbiner Dr. Loew in Szegedin ein Andachtsbuch. Er hat es für unseren jüdischen Familien geschrieben; für unsere Familien, die ein Erziehungsmittel für das im Aussterben begriffene Andachtsgefühl fordern.. Ist es einmal soweit gekommen, dass man zu künstlichen Erziehungsmitteln eines na- Erlichen Gefühles, für die leisen Regungen in der menschlichen Natur die Zuflucht nehmen muß, dann fällt die schwere Schuld uuf jenes sinstere Kuttengeschlecht, das ein von seiner tausendjährigen Leidensgeschichte befteites Volk an die Feffeln des Ghetto schmieden *) Den Vorfall auf welchen sich der Autor bezieht, theilen wir ausführlich Ln der Correspondenz ״Aus Ungarn", S. 6 mit. Die Red. will. Ein geistig und physisch verkümmertes Geschlecht, das von Traditionen gegängelt in einem dicken unlösbaren Panzer von Satzungen steckt, will einem Jahrhundert der Aufklärung sich entgegenstellen und ein Volk mit Bannflüchen meistern. Und da solche Bannflüche aus der Mode gekommen, nicht mehr gelten, greift man zu den hässlichsten Mitteln, die jedes bessere Gefühl zur Verachtung und Empörung treiben. Blinde Finsterlinge, die taub gegen die Stimme der Zeit im finstern Kerker eines geistumnachteten Jdeenganges herumirren, wollen mit Mechanismen ein todtgeborenes Kind der lebensfrischen Generatiön entgegenstellen. Unsere Jugend soll Gebetsformeln, in fremder Sprache aufnehmen*). Sie haben es glücklich soweit gebracht, dass der bessere Theil, die Elüe des JudenthumS, mit der Gebetsformel das Gefühl der Andacht und die Religion preisgezeben, so dass wir be? müffigt sind, das Aeußerste aufzubieten, um die edelsten Gefühle der menschlichen Brust künstlich zu beleben. Während wir bemüht sind, der jüdischen Familie, der Zeit und dem Geist des Judenthums Rechnung zu Lagen, sucht die Meute der Finsterlinge nach den Quellen, aus welchen mir geschöpft. Haben unsere Zeitgenossen anderer Confessionen auch ihr ״ureigenes" religiöses Gefühl? Haben nicht gerade sie auf diesem Gebiete Groß 8׳ geleistet? Stehen nicht gerade ihnen die größten Dichter zur Seite? Was habt ihr Kuttenbewohner auf diesem Gebiete geleistet? Und. die Ihr die Kutte gewählt, um einer guten Pfründe willen, was habt Ihr geschaffen; und Ihr, die Ihr die Kutte, wie ein altes Kleid ablegt nnd mit ihm die Achtung vor den mosaischen Gesetz, die Ihr jedoch trotzdem die fromme Maske traget, well in jenem Lagern der nachtumschatteten Legion Abonnenten zu sindm sind, was habt Ihr gethan für die sittlich religiöse Erziehung unserer künftigen Generation? Ihr nagt au einem alten Knochen, den Ihr mit Eurem Geifer tränkt. Ist ein einziges Eurer Gebete geeignet, das religiöse Gefühl zu erziehen? Habt Ihr den Gehalt derselben an unsrer Jugend geprüft? Ihr wagt es in unser Heiligthum einzudringen und über unsere Männer das Richteramt zu führen? An dem Geheul der Meute erkennen wir die Jagdgesellschaft: ״Hunde bellen, der Tod ist in der Stadt". - Fünf Jahre hat das Andachtsbuch von Rabbiner Emanuel Loew Zeit gehabt, in den jüdischen Familien Ungarns sich einzubürgern; fünf Jahre haben jüdische Herzen daraus jüdisches Gefühl und jüdische Andacht geschöpft, und nach fünf Jahren findet eine gehäffige Creatur Gebete darin, die der.christlichen Liturgie entleert sind. Ist das ein Vorgehen? Haben wir nicht das Büchlein an unserem ureigenen jüdisch-religiösen Gewissen geprüft? Haben wir durch fünf Jahren auch nur einen fremdartigen Anstrich gefunden? Habt Ihr Euer ״ureigenes" religiöses Gefühl mit einer ״ureignen Sprache", streicht die Psalmen aus Euerem Gebetbuch; streicht das kostbare Kleinod aus eurer Liturgie, sie sind Eigenthum der Kirche geworden, sie sind das Diadem der weltbeherrschenden Religion. Ist es Euch etwa um das Judenthum zn thun, das Ihr wie eine Melkkuh behandelt, der Ihr den letzten Tropfen entzieht, um euch fett zu saugen. Aber wer seid denn Ihr, dass Ihr euch anmaßüber unsere Rabbiner und über unsere Erziehungsmittel zu urtheilen. Ihr habt das Judenthum zerrüttet, Ihr habt unser Gotteshaus entstellt und das bessere Gefühl erstickt. Ihr seid der Block, auf dem das Judenthum verblutet. Das- Unheil, das Ihr gestiftet, kann selbst Verachtung nicht sühnen. Da wird ein unschuldiges Opfer in unerhörter Weise hingewürgt, ein geachtete Rabbiner wird dem *) Die Sprache ist keine fremde, aber sie wurde der Jugend entfremdet. Wessen Schuld dies ist, wollen wir hier nicht untersuchen. Die Red.