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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-11-22 · Heft 38 (22.11.1888) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 38 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Flaue Berechnung des genommenen Atems sind z. B. Dinge, die dem k Mmen im gewöhnlichem Leben durchaus fern stehen. Es handelt sich zunächst um Beschaffung größerer Atcüimengen. Die hierdurch notwendig werdenden, tiefen Atemzüge dürfen den Stimmerzeuger, also den Kehltopf, nicht Lei seiner Arbeit behelligen, müssen demnach im allgemeinen auf .den unteren Theil des Brustkorbes beschränkt bleiben. Also kein Schlüffelbeinatmen sondern ein Flankenatmen, wie wir es Lei den Singvögeln und bei Thieren sehen, welche große Lungenthätigkeit nöthig haben, z. B. beim Pferde. Der in der Regel schnell 'zunehmende Gesangsatem ist beim Singen in wohlberechneter, dem jeweiligen Bedarf für kurzen oder langen, leisen oder starken, schwellenden oder abnehmenden, ruhigen oder b wegten Ton angepaßier Intensität und Zeitdauer, aber immer ruhig -— einem-Oelström gleich fließend — wieder auszugeben. , Das zweite Moment für die Bildung des Gesangstones ist Hie Stellung der Stimmbänder und des Kehlkopfes, die Oeffnung ches Halses und der, Weg des Ton^ im Munde.Im Sprechen nimmt der Kehlkopf eine, unbestimmte und meist etwas hohe Lage ein; die Zunge wechselt die.- ihrige gleichfalls beständig. nach Bedürfnis der Vokale und Consonanten; die Kinnlade und die Lippen bewegen und öffnen sich nur so viel, als zur Deutlichkeit des Sprechens nötig ist. Das alles ist im Singen anders. Wie der Körper überhaupt bei jeder schwereren Arbeit eine feste,-Widerstandsfähige Haltung annimmt, so bedürfen ihrer auch die Theile des Gesangsorgans zur Bildung feststehender, starker und in den Zufammenklang anderer Instrumente wirksam eingreifender Töne. Der Kehlkopf muß daher nebst der mit. ihm zusammenhängenden Zungenwurzel tiefer als sonst gestellt werden,, so dass eine runde, offeste Kehle, eine sogenannte Unterkehle entsteht (wie dies z. B. beim Aussprechen der Silbe »ga< -geschieht)^ Dies aber^ um die Hatz-' offnung geräumiger und sür den großen, runden Ton geeignet zu machen. Der Touerzeüger — das ist eben der Kehlkopf mir den Stimmbändern — erhält hierdurch zugleich die geforderte feste, widerstandsfähige Stellung. Hierbei ist natürlich jeder Druck der ihn umgebenden Muskeln zu vermeiden, weil sonst Gaumentön esitstüride. Nm! weiter zu dem Ansatz- oder Schallrohre, d? h. zü dem Raume zwischen Kehlkopf und Lippenrand. Dieses hat bestimm^ sozusagen instrumentale Formen anzunehmen, welche sich den ver-; schieden«! Vokalen derart anpaffen,'dass diese immer nür verschiedene Kkider desselben/edel geformten Körpers darstellen. So bilden die Vokale a, v, u eine Rohrform, ä, e, i eine Muschelform, ö und \ u eine Keffelform. Da diese Formen das Gefäß des Tones darstcllen, so sind sie viel ausgeprägter zu bilden als im Sprechen; denn während sie hier beständig wechseln, haben sie im Singen während langer Töne, Skalen rc. fest zu stehen. In diesem Sinne spricht man eben von einer Mundstellung. Die Lippen haben hierbei etwas fester gegen das Zahnsteisch zu drücken und sind in ihrem rothen Rande von Len Zahnkronen — besonders von denen der Oberzähne — abzudrängen. Dies, um den. andrängenden Tonstrom in seiner Vokalform fesizuhalten und zugleich die Vibration der Zähne ungedämpft.zu laffen. Die Vibrationen aber werden vom Sänger an den knochigen Teilen des ganzen Vorderkopfes deutlich gefühlt. Sie geben dem Tone, wie schon früher erwähnt, jenen metallischen Glanz, festes Silberfädchen, welches ihn, sei er stark oder schwach, durch denwtttesten Raum trägt. Denn die Vibration der Zähne versetzt den die letzteren umgebenden Luftraum in Wellenbewegung, die sich dusch dm Saal bis an die Wände in gleicher Weise fortpstanzt,, wie bei den Wellen des Teiches geschieht, wenn man einen Stein hineinwirst. Gin durch falsche ZwageÄUe öder duH Dzuck ׳!ms Halse m diesem Anschläge verhinderter Ton wird dieses Vorteils 'entbehren, auch wenn er mit aller Kraft he! vorgebracht würde. Daher dir an Natursängern oft wahrzunehmende Anstrengung bei Gesangsaufgaben, die dem kunstgebildeten Sänger nur Kleinigkeiten bedeuten. Die erster«! belasten eben den Kehlkopf mit Luftmassen, die der Kunstsänger vor an die Resonatoren schickt, wo sie den Tön bereichern, ohne den Tonerzeuger anzustrengen. Alle diese Vorteile werden desto leichter erreicht, je kürzer der Weg des Stimmrohres ist. Die Verkürzung aber des letzteren geschieht durch ein geringes Zurückweichen der Unterkinnlade gegen den Hals. Dies wird durch ein kräftiges Anziehen der Unterlippe gegen das Zahnsteisch bewirkt, ähnlich dem Vorgänge, wie er sich von selbst beim Gähnen vollzieht. Man kann dabei beobachten, dass durch das Zurückweichen der Kinnlade der Schlund sich erweitert, die Zungenwurzel mit dem Kehlkopf in die Tiefe steigt, während Zäpf- -chen und Gaumensegel sich heben und hierdurch also — wenn die Zunge gleichzeitig stach im Rahmen der Unterzähne liegt — in der Mundhöhle jener schon erwähnte weite, akustische Raum entsteht, der für den großen Ton nothwendig ist. Der so geformte GesängSton verhalt sich züm gewöhnlichen Sprechton etwa wie der Klang-׳ des modernen Konzertflügels zu dem des alten Spinetts. Wir verlangen also vom Gesangston, dass er frei von jeder Spitze und Schärfe, in jeder Tonstärke, weich und von edler Rundung sei, ohne dabei jener deutlich abgegrenzten Kontur, zu entbehren, die ihn metallisch, also tragfähig macht. Somit wären denn die Hauptbedingungen des edlen Gesangs- Lones klar gelegt. Wie sich nun die Entwickelung der Stimme vollzieht in Hinsicht des Umfanges nach Höhe und Tiefe, ihrer. Aus - gleichung in den Registern, ihrer Nüancen in.der Kraft-und Farbengebung nach ihrer technischen Beweglichkeit, ihrer Einkleidung als einheitlicher Tonstrom in die Formen der Sprache, endlich׳Ln ihrer individuellen Eigenart der Stimmgattung' als Sopran, Mezzösöpran, Alt, Tenor, Bariton und Baß — alles das ist Gegenstand der Darstellung jeder guten Gesangsschule. So verschieden hierin 'nun die Melodien sind: keine wird der Grundbedingungen für die Bildüng des schönen und großen ToneS entbehren können, in welchem <toir allzeit den Grund- und Eckstein jedes künstlerischen Gesanges erblicken müssen. Gin Lohanim-Strike. Vor einiger Zeit berichtete der ״Jüdische Cantor" über einen Streik der Kohanim, die sich wegen vermeintlicher zu.hoher Besteuerung zu »duchnenc weigerten. Neuerlich wird ihm uun über einen ähnlichen Streik berichtet, der den Vorzug hat, buchstäblich wahr zu sein. Ort der Handlung: eine mittelgroße Gemeinde in der Provinz Posen; Zeit: jüngst verflossener Roscli-hasclionoh.; Personen: der Vorstand, der Rabbiner, der Chasan und die Kohanim. Ein neuer Chasan ist engagirt, der Tempel ist renovirt und eine neue Synagogen-Ordnung ist eingeführt. Letzterer zufolge sollen die Kohanim beim ״Duchnen" das Singen dem Chasan überlassen und nur die Worte des Priester-Segens einfach nachsprechen. Es ist Rrev-rosellhasclioiioli. Der Chasen hat bereits das ״Duchnen" nach der neuen Ordnung eingeübt und ladet die Kohanim ein, sich über das reform.irte ״Duchnen" zu orientiren. Da hatte er aber seine Rechnung Hhye'.die Kohanim gemacht; Letztere glauben unerschütterlich, dass ihr .und der Gemeinde Seelenheil vpu ihrem Gesang, abhängt under- ׳ ttärten kategorisch, sich in der.-neuen Ordnung,nicht fügen zu .wollen Da der Chasan dabei blich das ״Düchnen" nur nach der-Vorstände

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