Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 38 (22.11.1888)
- Date
- 1888-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 — häufig übertreten. Einer sucht den Andern zu verkleinern, herabzusetzen, zu verleumden, sei es aus Brodneid oder Ehrgeiz. Nicht doch, meine Brüder und Berufsgenoffen, wozu soll uns dieses Nebel. Gott gibt jedem nach Verdienst, und wie ein bekannter Spruch lautet: ״Sinoh mekälkels Haschiro“ (st. Haschuro), ״Hass bringt vom geraden Wege ab", und verdirbt auch den Gesang, d. h. bringt Schaden dem Cantorenstande. (S. Sanhedrin 105.) Darauf erzählt der Verfasser Folgendes: Als . ich als Chasan in der Stadt Prag mein Amt versah, erzählten mir die Sekenim daselbst von den früheren Chasonim, die dort lebten, im Bunde der Liebe und Freundschaft, des Friedens und der Geselligkeit. Vor jedem Feiertage, überhaupt vor den Jomim Noroim traten sie zusammen und verständigten sich gegenseitig über die Minhogim und studirten auchgemeinschaftlich die üblichen Gesänge ein. Da war so Mancher unter ihnen, der besonders talentirt war, durch musikalische Kenntnis sich auszeichnete und zu jedem Feiertags neue Nigonim komponirte. Da gab ts keinen Neid und keine Mißgunst, die" minder Befähigten 'studirtelk'dieselben ein willig und eifrig und waren dankbar. Jetzt M es nicht mehr so, jeder Cantor will ein Künstler sein, hüllt sich ist׳ fremde Gewänder, will von Andern nichts leisten, indem er aus- Äst : Wer ist denn der. dass' ich von ihm lernen soll, bin ich nicht selbst eine Größe, ein berühmter Sänger, er komme und lerne von Mir!' Die Kenntnis der Musik ist eine gar große, und gewiss, ein Gesang ohne musikalische Kenntnis gleicht einem Gebete ohne Andacht. Nur musikalisch gebildete Cantoren können die Melodien dem Texte gehörig anpassen, der ungeschulte Chasan hingegen bringt Wörter und Satze in Unordnung, verwirrt den Text und macht ihn oft Unverständlich^ Natürlich ist auch das Verständnis der heiligen Sprache dazu' ein nothwendiger Faktor. ^i^ Mcht uns der V^ Unfug in Cantorkreisen äufiüerksam/ der in der That vor nicht langer Zeit in den Landgemeinden stattgefunden, und vielleicht noch in der Gegenwart hie und'da vorkommt. Schllomd^'spricht : ״Alles ist schön in seiner Zeit". (Koh. 3, 11.) Ein Wort' zu' seiner Zeit, ein Gesang zu seiner Zeit. Ist man bei einem 'Freudenfeste, so passt, ein fröhlicher, heiterer Gesang, aber keine traurig stimmenden Melodien; hingegen bei tragischen Ereignißen, wie auch in den Jomim Noroim, muß der Gesang der Stimmung gemäß angepassi werden. Es ist daher gewiss tadelnswert und auch nnreligiös, wenn der Cantor an Sabbaten und fröhlichen Feiertagen in traurigen Tönen ausbricht., die Gemüther ernster zu stimmen. Nun kommt es oft vor in frühlichen Familienkreisen, bei Hochzeitsmahle oder beim einer Beschneidungsfeier, wenn die Lischgenossen bereits in heiterer Stimmung versetzt sind, dass der anwesende Cantor aufgefordert' wird, einen »Hajom liarass Aulöm«, oder die »Abodac vorzutragen, und dafür wird ihm von einem Dilettanten eine Matonoh in die Hand gedrückt, das ist ein Unfug, ein Mißbrauch, getrieben mit dem heiligen Texte. Während der Cantor ein ernstes, rührendes Gebetstück vorträgt, wird dabei getrunken, gelacht, gezecht, das darf nicht geduldet werden. Als Grundsatz gelte: »Hakaul riischmo« (st. הכל ) die Stimme wird erhört, »ess Hoelohim j’re«, wenn du Gott fürchtest, »w’ess Mizwausew sch’maur«, seine Gebete beobachtest, »ki seh kol Hoodom«, das macht den ganzen Menschen aus (Kohel. 12,' 13.) Der Verfasser fährt in seinen Unterweisungen und Ermahnungen fort. Am Pürimfeste soll der Cantor vorlesen gehörig, nach Vorschrift, wie die Thora vorgelesen wirk Viele glauben aber eine Bravour auszuüben^' wenn sie so schnell als' möglich fertig Werden, um den Beifall des unwissenden Volkes dadurch zu erlangen, vergessen aber an den BeifäÜ und das'Wohlgefallen Göttes.׳ Ein Fest, das nur einmal im Jahre vorkoMmt, und'die besondere'Vorsehung Gottes, die über Israel wacht, uns in Erinnerung bringt, darf iw Gotteshause nicht so gleichgiltig behandelt werden. Auch soll der Cantor gewarnt sein, bevor er zum Gebete sich anschickt, keine berauschenden Getränke zu sich zu nehmen, damit Leim Gebete seine Sinne nicht verwirrt werden. Wie denn, wenn Jemand vor einem weltlichen Oberhaupte in einem solchen Zustande vorsprechen würde, welcher Schande wäre er da ausgefetzt. Um wie viel mehr, wenn man vor Gott, dem König aller Könige erscheint. So heißt es im Talmud: »Schikur schehisspalel k’ilu owed Awoda soroh« ״Wer im trunkenen Zustande betet, ist so viel, als wenn er Götzen-' dienst üben möchte". (33er. 31.) Nadab und Abihu sollen ihren Priesterdienst in berauschtem Zustande verrichtet haben, und ihre Strafe war der Tod.?;i!i Ferner sei der Chasan gewarnt, wenn er irgend in einer Gemeinde angestellt wird, sich den Minhagim seiner neuen Gemeinde auch in gesanglichen Angelegenheiten zu richten, wenn sie auch nicht nach seinem Gefchmacke sind, denn es heißt: »Al jeschane Odom min Haminhogc. ״Moses stieg in den Himmel und nahm weder Speise noch Trank zu sich, und die Engel kamen zu Abraham und ließen sich von ihm bewirthen". (Pesach. 50). Mit einem herrlichen Gedichte an seine Collegen gerichtet, schließt der Verfasser den ersten Theil feines Merkchens. W.r. (Fortsetzung folgt.) Stimmerzeugung — Stimnweredlung. Von Pros. G. Scharf e.*) ':r! (Schluss.) Die Höhe und Tiefe der Töne wird — wie bei der Violinsaite durch den Grad der Anfpannung der Stimmbänder bestimmt. Je straffer die Bänder, desto höher der Ton. Außerdem steigt derselbe auch durch stärkeres Anblasen. Wir sehen hieraus, dass unser Stimmorgan ein Blasinstrument und zugleich ein Saiteninstrument ist. Die Röhre deS Blasinstruments stellt sich uns in der Luftröhre, der Schalltrichter aber in der Mundhöhle dar, während die strömende Lust den streichenden Bogen und die Stimmbänder gewiffermaßen die Saiten vorstellen. Aus dieser Zusammenwirkung ergibt sich die große Modulationsfähigkeit und Ausdrucksfähigkeit des Gesangstones, zugleich aber auch die Schwierigkeit, einen an- und abschwellenden Ton auf gleicher Höhe zu halten. Damit also das Crescendo den Ton nicht steigen, das Decrescendo ihn in der Intonation nicht fallen mache, muß beim Zunehmen der Atemkraft die Spannung der Stimmbänder etwas Nachlassen und umgekehrt. Dieser Vorgang vollzieht sich natürlich unbewussr unter der Kontrole des mufikalischeu Gehörs. Die Umbildung nun des Sprechwnes in den edle» Gesangston ist die erste Aufgabe des Stimmbildners. Auch beim Sprechen sind alle Teile unseres Organs betheiligt, nur in etwas anderer Weise als beim Singen. Beim Sprechen, wenigstens beim konversationellen, kommt es mehr auf Deutlichkeit als auf Tonfülle und Tonschönheit an. Im Singen dagegen, wo der Vokal zugleich der Träger eines vollendeten Tones sein soll, treten an den Gebrauch des Sttmmorgans erhöhte, ich möchte sagen, instrumentale Forderungen Heran. Diese beziehen sich zunächst auf die Atemgebung. Die gesteigerten Aufgaben des Atems in der Gesangskunst bedürfen eben auch einer Kunst des Atems. Das lange Zurückhalten, die ge- *)'Lehrer Emil Götzes. ״Neue Mrsik-Zeitung"'IV".Jahrg( Nr. 19, Verlag Earl Grünmger, Stuttgart. -