Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 37 (14.11.1888)
- Date
- 1888-11-14
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«Ich weiß es." ׳<..׳; ..Nu, von diesem Laden gehst du dann bis zu der nächsten Ecke und dann bis zur zrveiten und dort siehst du ein blaues Häüschen, wo früher Zodrck gewohnt hat " ״Welcher Zodrck?" ״Kennst du denn Zodecken nicht?" Den ״Meffer-Zodeck" dessen Frau mit Runkelrüben-״Quas" (״Quas" ist ein sehr primitives saures Getränk) handelt?" ״Nein, ich kenn ihn nicht." Ja aber wen kennst du denn, wenn du Zodecken nicht kennst? Nu, lass. . . Eben gegenüber jenem blauen Häuschen — ich glaube, es ist nicht mehr blau — ist ein Keller, vor welchem eine Frau sitzt mit Brot und Häringen. In diese» Keller geh hinein —dort wohnt R. Joske." Ich enifernte mich nach der angedeuteten Richtung, und na ch etwa fünf Minuten befand ich mich au dem beschriebenen Keller. Dieser bildete den Souterrain eines kleinen, sthr alten Hauses, das eher einer verlassenen Ruine, als einem bewohnten Quartier ähnlich׳ sah. Es verharrte in einer gewissen Unentschlossenheit, welcher Richtung es bei seinem bevorstehenden Zusammenstürze den Vorzug geben sollte,-und dieser gewichtige Grund schien dasselbe von einem verhängnisvollen letzten Schritte abzuhalten. Ich gestehe, wä? cs Abends gewesen, nichts würde mich bewogen haben, diese Ruine, die ich von allerhand bösen Geistern, in keinem Falle aber von lebenden Menschen bewohnt gewähnt haben würde, zu betreten; da es aber am Tage, beim vollen Scheine der alle abergläubischen Gedanken zerstreuenden Sonne war, so wagte ich es, durch das Fenster zu schauen, und überzeugte mich, dass dort keine bösen Geister hausten, sondern gewöhnliche Sterbliche, und das -: in großer Anzahl, wie ich nach den Dutzenden von Kinderköpfen, die jedes Mal zu den Fenstern heraus lugten, anzunehmen berechtigt war, so auch der melancholisch^ Gesang der bei ihrer Arbeit hockenden Schneider, von denen Einer bleich, mit hagerem, verschlafenen Gesicht,! suchsrothen krausen Haaren — einen Rock, ohne Aermel noch und; mit zahllosen weißen Stichen bedeckt in der Hand, am Fenster sich', zeigte. . . .. ... ,; . •1י־ Als ein zweites glaubwürdiges Zeugnis dafür, dass in diesem Hause Menschen wohnten, war ein Schild anzusehen, das über der momentan weit geöffneten Thüre hieng und auf dem abgebildet waren: eine Tonne, einige vier kanntige Flaschen mit Etiquetten und ein Mann in einer Blouse und rothen Hosen, dessen Kopf mit den Flaschen ganz zusammenstoss, ohne dass ich aber anzugeben wusste, ob das aus seiner eigenen Schuld oder aus Versehen des Malers geschah. Und über dieser Malerei paradirte die Aufschrift: ״Geh' nicht an meiner Trinkstube vorbei!" An der Friedhofsruhe, die über der ganzen Straße lag, und an der Abwesenheit eines jeglichen lebenden Wesens in der Schenkstube konnte man leicht ersehen, dass dort in der That ״Niemand vorbei gieng", und ich bin sehr geneigt anzunehmen, dass der Mann auf dem Schilde der einzige Stammgast dieser ״unumgänglichen Trinkstube" war. Fast unmittelbar an der Thüre der letztem, zu der man auf einigen Holzstusen, welche eines der Souterrain-Fenster vorstellten, emporsteigen musste, befand sich der düstere, schmutzige Kellerhals. Unter dem abschüssigen massiven Dach desselben stand ein viereckiger Holztisch, dessen Füßchen und Leisten mit dichten Kothschichten bedeckt waren. Auf diesem Tische lagen allerhand Sorten Brot aus Roggen, Weizen und Buchweizen; kleine niedliche,, oben mit Gelbei bestrichene Weißbrödchen; ״Beigel," allerlei ,^Plätzchen auf Eier," mit Mohn oder Honig, n. s. w. Einige Brode waren in zwei oder auch in vier Stücken zerschnitten. Neben dem Tische stand ein kleines Fässchen, in welchem in einer trüben, röhtlichbraunen Flüssigkeit Häringe schwammen; auf dem runden Deckel, der das Fässchen zur Hälfte bedeckte, lagen ebenfalls einige in kleinen Stücken geschnittene Häringe, die auf diese Weise verhöckert wurden- Ebenso stand auf einem Fußbänkchen ein Säckchen mit getrockneten - Sonnenblumen, aus denen einige stark angefaulte Aepfel und zwei öder drei zusammengeschrumpfte, vertrocknete Citronen lagen. Weiter unten an der Ludern Seite des Tisches, hockte eine kleines alte. Fran, ganz eingehüllt Ln einen zerfetzten, rothen Shawl mit-breiten weißest Streifen. Da nun das Dach immer mehr schräg abwärts ' gieng, so saß sie ganz zusammengezogen da, und ihr Kopf stand auf gleichem Niveau mit den Broden, von denen sich ihr Gesicht an Farbe wenig unterschied. (Fortsetzung folgt.) Kleine Chronik. Wien, 1. November. Im Einklänge mit früheren Aeußerungen über die bevorstehende Feier des Regierungs-Jubilänms des Kaisers erinnert die ״Wiener Abendpost" heute abermals daran, welch hohen Werth der Kaiser darauf legt, dass der Gedenktag dieses Jubiläums nicht durch kostspielige Feste, sondern durch Werke der Wohlthätigkeit und gemeinnützige Stiftungen und Unternehmungen begangen werde. Diese Mahnung wird heute in besonders eindringlicher Weise wiederholt, und es waltet unverkennbar die Absicht ob, in allen ׳Kreisen der Bevölkerung in ganz zweifelloser Weise die Ueberzeugung zum Durchbruche zu bringen, dass die vorangegangenen Ablehnungen jeder festlichen Veranstaltung keineswegs blos formeller Natur waren, sondern dass der Kaiser in der That das Unterbleiben jeden festlichen Gepräges wünscht, dass er keine Beglückwünschungen entgegenzunehmen gedenkt und das Jubiläum seiner Regierung nur durch wohlthätige Widmungen und Stiftungen gefeiert wissen will. — In gleichem Sinne gelangte an den Bürgermeister der Stadt Wien, die den 2. Dezember durch ein großartiges Fest im neuen Rath- Hause begehen wollte, ein Erlass des Statthalters von Nieder- Oesterreich, in welchem unter Anderem auch ausg, führt wird, dass auf allerhöchsten Wunsch auch jede offizielle rel i g i ö s e Feier zu unterbleiben habe. Demgemäß richtete Bürgermeister Uhl ein Circular an die Vorsteher sämmtlicher Cultusgemeinden und Tempelvereine in Wien, worin denselben bedeutet wird, es entspräche den Intentionen Sr. Majestät, wenn am 2. Dezember jeder Festgottesdienst unterbliebe. Wien. Sonntag den 4. November, 2 Uhr Nachm, fand in der Schiff-Synagoge die Trauung des Frl. Sara Freistadt, Tochter udes iPräses und Gründer des obigen Tempels- ׳mntdr^zahftel'cheik - Betheiligung hervorragender Persönlichkeiten statt. Unter den Anwesenden bemerkten wir Herrn Baron Königswarter, Baron Todeskö, die Vertreter der Cultusgemeinde Dr. Kohn und Herrn Baümgarten. Den Trauungsact vollzog Herr Rabb. Salomon Spitzer, den gesanglichen Theil verjah in vorzüglicher Weise der daselbst fungirende 1. Chasan Ezechiel Wittmann. Wien Wie man der Pol.. Corr. aus Petersburg meldet, wird' demnächst aus speciellen Befehl des Kaisers Alexander UI. eine aus höheren Beamten aller Ministerien bestehende Comknifsion zusammentreten, um über Abänderungen der in den letzten Jahren getroffenen gesetzlichen Verfügungen, welche eine Beschränkung der den Juden unter der Regierung Alexanders U. gewährten Rechte zum Gegenstand hatten, zu berathen. Ganz besonders soll die Beschränkung der jüdischen Universitätshörer auf fünf Percent der Gesammtzahl der Studenten eine Erweiterung erfahren, und auch die Freizügigkeit der inländischen Israeliten soll insoferne erweitert werden, als denselben die Ansiedlung in sämmtlichen Marktflecken des Reiches gestattet werden dürfte. Wien. Die berühmte, gegenwärtig in Wien gastirende französische Schauspielerin Sarah Bernhard äußerte sich einem Correspondenten der ״Sonn- und Montags Zeitung" gegenüber über ihre jüdische Abkunft in folgender Weise: ״Man hat mir in der Presse großes Unrecht gethan, man sprengte über mich die unsinnigsten Gerüchte aus und stellte mich so hin, , als wäre ich eine Verworfene oder Irrsinnige — und ich bin keines von Beiden. Um mir recht wehe zu thun, erzählte man in — Paris, mein Vater sei ein Berliner gewesen. Das ist einfach nicht wahr. Wir sind Holländer. Mein Großvater schon kam nach Frankreich; mein Vater war ein armer Lehrer und meine Mutter war es, die mich gezwungen hat, zur Bühne zu gehen. Ich hatte keine Lust dazu und zweifelte auch an meiner Begabung, die. sich erst später am Conservatorium entwickelte. Meine Eltern wären strenggläubige Juden und blieben es bis״zu ihrem Tode. Ich ließ mich"allerdings tal1fen, aber ich glaube am^hesten als Christin zu fühlen, wenn ich im Herzen Liebe zu jenem Glauben bewahre, dem meine Mutter angehörte und welcher