Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 37 (14.11.1888)
- Date
- 1888-11-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Schale, geführt werden, und der Kern außer Acht gelassen wird, da muß das Banner erhoben werden und mit dem Rufe »Mi laadonöj elajc wer für Gott ist, der wende sich mir zu! Wenn der Mensch im Leben wirken und sich ryohl fühlen soll, so muß er auch die Erscheinungen und Verhälniße, die ihn umgeben, kennen lernen, doch nicht nur die materielle oder reale Bildung allein vermag dieses Wohlfühlen zu fördern, denn der Mensch ist auch für ein höheres, ein ideales Sein geschaffen. Jedes Menschen- Herz fühlt das Bedürfnis, nach der Erde Mühen und Sorgen sich empor zu schwingen in einen reineren Himmel. Diesen Zug nach dem Idealen muß die Religionsschule fördern und veredlen, sie thut dies durch unsere heilige Schrift, durch unsere Geschichte, unsere große Vergangenheit. Die ideale religiöse Bildung hat das ganze Leben zu heben und zu v erklären, sie hebt auch die formale und materielle Bildung und verleiht ihr einen höheren Glanz, in dem sich das Herz wiederfindet und ausruht. Sie allein vermag den Menschen in die ewige Harmonie einzuführen, wo selige Ruhe und ewiger Frieden seiner warten, denn der Religionsunterricht wendet sich hauptsächlich an das Gemüt, der ethisch in die ewige Heimat führt. Frei und offen müssen wir der uns anvertrauten Jugend das Gotteswort lehren, keine Zweifel aufkommen lassen in dem Herzen der zukünftigen Gemeinde. Kann etwas klarer und dringender sein, als die Pflicht, es aller Welt erkennen zu geben, wie wir zu unserer Lehre zu dem »Ädönai Echod« stehen und gesinnt sind! Wird dieses freimütige Bekenntnis unseres frommen Sinnes nicht überall in unseren Schriften gefordert? Ist es nicht wahres Bedürfnis für jedes gute Herz, so reine, edle, erhabene Empfindungen der Liebe und Ehrfurcht gegen Gott, in den Thaten zum Wohle unserer Mitmenschen laut werden und übergehen zu lassen? Sind wir endlich es nicht uns selber schuldig, unseren religiösen Begriffen rimmer<mehr Klarheit,- unfern Gefühlen immer mehr Innigkeit) unfern guten Entschließungen immer mehr Nachdruck und unserm Herzen den reinsten, seligsten Genuss zu verschaffen. Da alles wahre Leben im Gemüthe liegt, so sind, alle Aeußerungen dieses Lebens durch die Gemütsbildung hervorgegangen. Durch unsere ganze Litteratur geht ein gemüthsvoller poetischer Zug, darum schließen wir, nicht aus Ueberhebung, auf ein Vorherrschen des Gemütes im Charakter des Israeliten. Aus diesem Vorhandensein des Gemütes im jüdischen Charakter lässt sich auch das Erwachen aus dem Jndifferentismus begreifen. Der Israelit liebt alles, was das Gemüt anregt, und er sucht Befriedigung für sein Herz, indem er sich aus diesem unvollkommenen realen Sein in ein ideales Gebiet, in das Gebiet des Schönen, des Harmonischen erhebt, und sucht ästhetischen Genuss, sei es in der Wissen chaft oder Kunst, in der Poesie oder Prosa. Ja, unsere Litteratur wirkt veredelnd und erhebend auf den Menschen und fördert seine Charakterbildung, das ist ein unschätzbares Vermächtnis aus dem Geistesleben unserer Heroen. Wir bekennen die Religion der Liebe und Wahrheit, die ein ehrwürdiges Band brüderlicher Gemeinschaft um uns schlingt. Doch das tägliche Leben trennt uns, zerstreut uns in die mannigfaltigsten Verhältniße, macht uns einander fremd. Im täglichen .Leben, wo jeder sein Geschäft betreibt und seine Absichten verfolgt, scheint alles Unordnung, oft sogar Widerspruch. . Im täglichen Leben ist bei den tausend Unterschieden des Standes, des Vermögens und der Ehre von jener Gleichheit, die bei einer brüderlichen Gemeinschaft vorausgesetzt wird, fast keine Spur mehr übrig. Im täglichen Leben erblicken wir uns nur allzu oft von einer Seite, die uns mit Mißsallim, mit Neid gegen einander erfüllt. Wir nähern uns einander wieder, sobald wir das Gotteshaus aufsuchen und betreten; hier wird es uns fühlbar, dass wir zusammengehörenhier verschwindet dieser Widerspruch, denn 'es wird unsbewusst, dass es Bedürsniße, '8nbziveÄtz״WiPen und..Höffnüygen giebt, die uns allen gemein sind. Hier wird cs fühlbar, dass wir vor dem Unendlichen alle nur Staub, vor dem Heiligsten alle Sünder, vor dem Ewigen alle sterblich sind, hier Horen. Standesunterschiede auf, hier schweigt Hass, hier fällt alles weg, was den Menschen vor seinem Schöpfer entwürdigt. Wir versammeln uns nicht, um ein prachtvolles Schauspiel zu sehen, um uns durch ein Gepränge von Ceremonien betänben zu lassen, um eine Nahrung für unsere Sinnlichkeit aufzusuchen. Erleuchtung unseres Geistes, Ermunterung für unser Herz, dies ist's, was mir suchen, wenn wir zusaminenkommen. Hier findet jede Wahrheit einen Strahl des ewigen Lichtes. Im gemeinschaftlichen Gebete und im einfachen erhebenden Gemeindezesange, verbunden mit einer erbaulichen Predigt, wollen wir unseren Dank zu dem Gotte Israels emporsenden und in der praktischen Uebung der Nächstenliebe die Lehren unserer Religion bethätigen. Das walte Gott! Der Baal-Thepilla. Von M. I. R a b b i n o w i t s ch. Aus dem Russischen von A. L e v in - S a g a n. (Autorisirte Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) {21. Fortsetzung.) Sehnsuchtsvoll erwartete ich den folgenden Morgen, wo ich wieder Reb Awnern sehen und vor ihm in Tönen all das ausschüt- Mt konnte, was sich in meinem Kopse so drängte und all mein Denken und Fühlen beherrschte. Da nun Reb Awner ein besonderes Quartier nicht hatte, so eilte ich gegen acht Uhr Morgens in die Synagoge, allein sie war geschlossen, denn an diesem Tage wird der Gottesdienst sehr zeitig abgehalten und er war jetzt schon beendet. Der Tag war schön, der Himmel rein, dunkelblau; die Sonne leuchtete hell, die Lust war warm und weich. Ich gieng auf uns ab, in der Hoffnung die Ankunft Reb Äwners zu erwarten, allein nachdem ich im vergeblichen Warten eine halbe Stunde verbracht, öffnete ich die Synagoge — ich kannte ja den Platz, wo der Schlüssel lag, und trat ein. Dori herrschte eine entsetzliche Unordnung: in der Luft stand der Staub säulenförmig, unbeweglich, wie erstarrt; Tische und Bänke waren von ihren Plätzen verschoben, einige von ihnen sogar umgeworfen; andere waren mit einer Menge Stahle und Fußbäntchen beladen.; auf den Fenster» und auf einigen Tischen lagen aufgeschlagen alte, zerlesene Gebetbücher mit abgegriffenen Einbänden, vergilbte, schwarzgcwordene Betmäntel etc. Die Fenster waren mit blauen Vorhängen verhängt und in der Synagoge war es unheimlich düster. Ringsherum Grabesstille, die nur unterbrochen wurde von vereinzelten Schlägen, welche aus einer in dcr schmalen Gaste befindlichen Böttcherei kamen; doch schien dieses entfernte Hämmern und Klopfen die Stille fast noch zu vergrößern. Mir wurde es schrecklich unheimlich, und ich beeilte mich das Betlokal zu v rlassen. Auf der Straße sah ich Reb Bärken auf mich zukommen und mir winken. ״Ah, da bist du ja!" sagte er herantretend. ״Und ich wollte schon bei deinem Onkel vorsprechen, um dich zu rufen: Reb Awner bat mich nämlich darum." ״Wo ist er denn?" frug ich. ״Er ist noch bei Reb Josken. Er hat sich ein wenig hingelegt, denn er fühlt sich nicht ganz wohl." ״Und wo wohnt R. Joske?" ״Wo R. Joske wohnt?״ wiederholte er meine Frage, gleichsam verwundert. Du weißt doch, wo der Laden ist von Channe- Röchele, deren Mann vor Kurze« gestorben ist?"