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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-11-14 · Heft 37 (14.11.1888) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 37 (14.11.1888)
Date
1888-11-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Taubstummen vorhanden, und zwar meist vollkommen gesund, aber die Stimme fehlt — mit. wenig Ausnahmen — vollständig. Hier! tritt uns also eine scharfe Trennung von Ursache und Wirkung, von Tonerzeuger und Tonerzeugnis entgegen. Der Ton fehlt nämlich nur, weil die Taubheit den Nachahmungstrieb für denselben ungereizt lässt. Ich erinnere hier an eine analoge Thatsache. Wiederholt hat man, wie bekannt, Menschen aufgefunden, die stch als Kinder im Urwalde verirrten und dort in völliger Einsamkeit aufwuchsen. Sie hatten: die Manieren derjenigen Tiere angenommen, mit denen sie verkehr-! tcn, und gaben somit, als man sie auffand, statt der menschlichen: Sprache nur tierähnliche Laute von sich Sie ahmten also nach, was sie sahen und hörten. Der Taubstumme hört aber gar nichts; für ihn zeigt unser sprechender Mund vorläufig nur sinnlose Bewegungen, denn der sie füllen e Ton bleibt von ihm ungehört. Er ist also stumm, weil er taub ist. Wie nun wird der stumme Mensch enrstummt, wie der Ton hervorgerüfcn? Da der Sinn des Gehöres versagt, müssen eben andere Sinne dafür eintreten. Es sind dies der physische Gefühls- und der Gesichtssinn. In erster Reihe also der Gefühlssinn. Das taubstumme Kind von güten geistigen Anlagen — denn es giedt natürlich auch taubstumme Idioten — wird veranlasst, die Hände auf die Brust und an den Kehlkopf des Lehrers zu legen. Dieser öffnet den Mund zur Vokalform des a. Er gibt diesen Vokal zuerst hauchend, also tonlos an. Der Schüler vor ihm fühlt den warmen Lufthauch und wird dies auf pantomimische Anfrage des Lehrers wieder pantomimisch bestätigen. Nun singt der Lehrer, während die Hände des Taubstummen immer auf seiner Brust und am Kehlkopf ruhen, plötzlich einen lauten Ton in dieselbe — vorher tonlose — Mundform des Vokal a. Sogleich wird der geübte Gefühlsinn des Taubstummen die hierdurch entstehende Vibration an Hals und Brustdes' Lehrers wahrnehmen. Dies ist also etwas ganz Neues, Unerwartet^, von ihm bisher den Mundöffnungen beim Sprechen noch nie Hin-, zugedachtes. — Pantomimische Aufforderungen des Lehrers, diese neüe Wahrnehmung an sich selbst zu erproben, werden das begabte Kind nach kurzem Mißlingen dieser Versuche bald dahin bringen, die erstrebte Vibration in Kehlkopf und Brustknochen an sich selbst zu erreichen, sein Stimmorgan zu gebrauchen, wie es der Lehrer thut, also einen Ton hervorzubringen. Die Freude des Kindes über diese neuerlernte Kunst ist groß. Die Versuche wiederholen sich, die Stimme ist also gewonnen. Freilich wird nicht bei allen Taubstummen der Sieg so leicht. Bei weniger Begabten müssen oft drastischere Mittel wie Angst, Schreck u. dergl. angewendet werden, um den ersten Auffchrei hervorzubringen, der dann natürlich von dem Lehrer sofort mit freundlichen Geberden, ja mit materiellen Belohnungen, wie Süßigkeiten 3c. bewillkommnet wird, um das Kind zur Wiederholung. desselben Lautes und somit zum Bewusstsein seiner Stimme zu bringen. Es würde hier zu weit führen, wenn ich die Umbildung des rohen Sprachtones in die Formen der Sprache beschreiben wollte. Nur so viel, dass der vorgehaltene Spiegel dem Schüler die verschiedenen Formen des Mundes bei immer fortgesetzter Anwendung des nunmehr gefundenen Tones als verschiedene Vokale zeigt, deren schriftliche Bezeichnung, also die Buchstaben, ihm sofort gegeben und sehr bald geläufig werden. In gleicher Weise werden die Bewegungen der Lippen, der Zungenspitze, des Zungenrückens ihm als Nebenlaute bekannt gemacht. Das ״p" z. B. indem man ein auf die Hand gelegtes Stückchen Papier mit starkem B-Laut. hinwegpustet. Vokale und Consonanten werden dann zusammengefügt, und so lernt das Kind die Dinge, welche es umgeben, sprachlich bezeichnen. Z. B. B—1—a—tt, zusammen Blatt, wobei ihm ein Blatt vom Baume und aus dem Buche gezeigt wird, und das so weiter durch das reiche, unabsehbare Gebiet der Sprache. Diesem langen, mühevollen Wege za folgen, liegt nicht ' in meiner Ausgabie. Hier handelt es sich nur um die erlangte Thätigkeit des ^tiinmoLgans, um den Ton. Dieser bleibt natürlich bei 'dem Taubstummen nur auf die Sprachverwendung beschränkt. Der Gesangston braucht ja das Ohr unbedingt, und das bleibt leider deM Entstummten-fast immer verschlossen. Stimmbildung also im musikalischen Sinne ist nur beim Hörenden möglich. So gelänge ich denn zum zweiten Theile .meines Themas, zur Veredelung des Sprechtons, zum schönen Gesangston. Unser Stimmorgan besteht, wie bekannt, aus folgenden Theilen. Zunächst die Lunge, welche in ihren zwei Flügeln gleichsam als Blasebalg dient. Aus den letzteren wird die angesammelte Luft in die Luftröhre getrieben. Am Ende derselben befindet sich der Kehlkopf,, ein knorpeliches Gesäß, in welchem wagerecht die Stimmbänder befestigt sind. Diese sind feste, elastische Faserbänder von weißer-Farbe. Man unterscheidet die unteren oder eigentlichen und.die oberen oder falschen Bänder. Diese letzteren finden sich in einer Entfernung über den eigentlichen Bändern ausgespannt. Sie dienen nur züm Mitklingen, also als Resonatoren. (Man denke an die überspannten Saiten der Aliguotpianos.) Als wirkliche Tonerzeuger haben wir also nur die unteren Stimmbänder zu betrachten. Diese stehen beim Atmen so weit von einander entfernt, dass die Luft ohne Geräusch hinein und heraus kann; sobald man aber einen Ton angibt, nä- Hern sie sich einander dergestalt, dass nur eine schmale Ritze zwischen ihnen bleibt, welche Glottis oder Stimmritze heißt. Durch diese enge Ritze mm hindurchgedrängt, reibt die strömende Luft stark an den Stimmbändern und versetzt diese somit in lebhafte Vibrationen (wie der Bogen die Violinsaite, auf welcher er streicht). Der Ton ist also durch die Schwingungen der Stimmbänder erzeugt. Die nun- Mehr gleichfalls schwingende Luft ö (jetzt leben - Don! genannt), .steigt senkrecht auf, stößt das Zäpfchen und Gaumensegel in die Höhe, so dass hierdurch die Nasenkanäte dem Tone verschlossen werden. Dieser schlägt nun an den harten Gaumen, wird von hier nach vorn an den Vordergaumen geworfen, von wo er im entgegengesetzten Winkel über die Lippen ausströmt. Der Anschlag an den Vordergaumen erzeugt in diesem die Resonanz, und es bildet somit die knochige Gaumenplatte nebst den Zähnen für die Stimme den Resonanzboden. Der Ton erhält hiedurch sein Metall und seine Verstärkung in ähn- - licher Weise, wie bei einer Spieldose, die man auf die Tischplatte setzt. (Schluss folgt.) . Die Erziehung M Religiosität von M. T i n t n e r, Cantor und Lehrer in Bunzlau (Pr. Schlesien.) Die Religionsschule ist eine.. Bildungsstätte für die Erhaltung und Belebung unseres heiligen Glaubens. Aus dem Leben und der Erhabenheit des Gottesbewusstsekns geboren, vom Leben gehoben und getragen, hat sie sich in liebender Hingabe dem Dienste des Lebens geweiht. Unsere Zeit besonders verdankt der Religionsschule und der aus ihr ׳hervorgegangenen religiösen Bildung das Bestreben, dass das heilige Erbe unserer Ahnen treu gewahrt und gepflegt wird, damit wieder der Israelit ganz einstehe für Licht und Wahrheit und das Dunkel verscheuche, welches das »Esch Doss«־ umhüllte. Unsere Zeit hat aber auch den Dank dafür abzustatten an die Religionsschule und die wacker» Kämpfer an diesen Anstalten. Wo das ganze religiöse Leben dem:Untergange nahe war, Kämpfe um die

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