Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 37 (14.11.1888)
- Date
- 1888-11-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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) Lkenst in ihren Gemeinden in dieser Weife regelten. Da nun die in Breslau herangebildeten Cantoren und Rabbiner zum Theile auch außerhalb Deutschlands Anstellungen fanden, so wurden die Bestre- Lungen dieses Mannes bahnbrechend nicht nur für ganz Deutschland, sondern auch für die Gemeinden, die weit über Deutschlands Grenzen hinaus reichten. Wie nun aber jede Neuerung, und ganz besonders die auf dem Cultusgebiete, auf Widerstand stößt, so blieben auch diesem Manne manche Anfeindungen und Kränkungen nicht erspart, und gewiss hätten sich die von ihm angestrebttn Reformen nicht so schnell Bahn gebrochen, wenn nicht dieser geistvolle Mann es verstanden hätte, das Alte mit dem Neuen so trefflich zu vereinigen. Und das ist es, was wir bei diesem hochverehrten Manne besonders anerkennen müssen, das ist es auch, was uns stets eine so hohe Verehrung für ihn einstöfste. Den lieblichen, alten traditionellen Sangesweisen, ״die in einer glaubensfesten Zeit aus dem tiefen reinen Quell der Gläubigkeit geschöpft, Generationen hindurch unseren Vätern Wohlthat, Trost und Labsal waren und in ungeschwächter Kraft sich noch heute an uns bewähren" (Vorrede zur Vorbeterschule), diesem theuren, heiligen Vermächtnis unserer Väter hat Deutsch stets besondere Sorgfalt zugewendet und sein Bestreben: ״die alten traditionellen Melodien mit einer dem Charakter ihres Tonsystcms entsprechenden Harmonie zu versehen und Wendungen zu vermeiden, die ihr traditionelles Gepräge zu verdunkeln geeignet sein könnten", (Vorr. z. Bresl. Syn.-Gesänge) ist ihm voll und ganz gelungen. Wir verweisen auf sein vorzügliches Werk ״Breslauer Eynagogen-Gesänge" und führen nur hier beispielsweise folgende im alten traditionellen Styl gehaltene, für Cantor, Chor und Orgel ganz vortreffliche Compositionen, an: ״ Ilnascliolor §0601" ״odom Jsodo^, r >,Tc6■*uni>Geschem", Öen ״Sßjarm 130" ״Ans tiefer Roth" nach der traditonellen Melodie ״jsroel noscha" ». s w. Die trefflich bearbeiteten traditionellen Melodien für Orgel- Präludien sind von Herrn Ober-Cantor I. Singer in Wien in dieser Zeitung ausführlich besprochen und genügend anerkannt wor- Len. Die sonstige Charakteristik der Deutsch'schen Compositionen ist: Schönheit der Form, warm empfundene, zu Herzen gehenden Melodien und eine reiche, harmonische Gedankenfülle. Die Chorcomposttionen sind durchwegs leicht, auch mit einem kleinen Chore aufsührbar, was für den. größten Theil unserer Synagogenchöre von besonderem Vorzüge ist. Ueber die ״Vorbeterschule", den trefflichen Wegweiser für Cantoren, ist schon von verschiedenen Mustkcaparitäten so viel Anerkennenswerthes und Rühmliches geschrieben worden, und hat dieselbe auch bereits eine so große Verbreitung gefunden, so dass wir es für vollständig übe! flüssig halten, an dieser Stelle noch näher auf den Wert dieses Werkes einzugehen. Um jedoch Deutsches Compositionen voll und ganz würdigen zu können, muß man dieselben von. ihm selbst, beziehungsweise unier seiner Leitung, hören l Wem es jemals vergönnt gewesen, diesen gottbegnadeten Sänger als Vorbeter, und besonders an den hohen Feiertagen, zu hören, dem bleiben die gewaltigen Eindrücke des Gottesdienst s unvergesslich! Seine wunderbaren herzergreifenden Reeitatkve, fern von jeder Schnörkelei und Effekthascherei, die feierlichen und überwältigenden Klänge des Chores und der Orgel, überhaupt das abgerundete Ensemble des Gottesdienstes wirkte mit einer unwiderstehlichen Kraft auf der Beter Herz. Und noch heute in seinem 70. Lebensjahre steht er mit voller Rüstigkeit seinem Amte als Ober-Cantor der Breslauer Synagogen-Gemeinde vor, getragen von der allgemeinen Liebe und Hochachtung der ganzen Gemeinde. Noch heute lauscht man gerne dem edlen Vorträge seiner Gebete, wenn auch nunmehr jener jugendliche Glanz seiner so Herrlichen Tenorstimme, die im Tempel wie im Concert ihr Wunder wirkte, nicht mehr vorhanden ist, so ist es die abgerundete künstlerisch vollendete Vortragsweise dieses Meisters, die noch immer erbaut und entzückt. Wie man Deutsch als Künstler Achtung und Verehrung entgegenbringt, ebenso wird derjenige, der ihn näher kennt, in ihm den edlen Menschen schätzen! Sein ehrenwerther und liebenswürdiger Charakter, seine geistreiche, oft durch trefflichen Witz gewürzte Nn- Lerhaltung machen ihn zum liebenswürdigsten Gesellschafter. So wusste er auch als tüchtiger Pädagoge seine Unterrichtsstunde stets interessant und lehrreich zu gestalten. Seit drei Jahren gab er jedoch seine Thätigkeit als Lehrer auf, doch ist feine bewundernswerthe Schaffenskraft noch nicht erlahmt, und unaufhörlich arbeitet dieser so verehrungswürdige Mann mit frischer, ja jugendlicher Kraft fort. Und so wirkt dieser verdienstvolle Mann fast ein Menschenalter hindurch zur Verehrung und Verherrlichung Gottes, Tausende Menschenherzen durch seinen wunderbaren Gesang und durch seine herrliche Compositionen erfreuend und erbauend; hiefür gebührt ihm der wohlverdiente Dank und die Anerkennung aller Israeliten! Wir aber schließen mit dem innigsten Wunsche: Möge es dem Jubilar vergönnt sein, in dem Bewusstsein, dass seine künstlerische Thätigkeit volle Anerkennung allerwärts findet, im Kreise seiner Familie, aus die er stolzerfüllt blicken kann, noch recht lange wirken und schaffen zu können! Max Singermann, Ober-Cantor in Troppau. ' StimmerMgung — Stimmveredlung. Von Prof. G. Scharf e.*) Das menschliche Stimmorgan nimmt als erster und ältester unter allen Tonerzeugern beinahe das gleiche Jntereffe der Musiker und Musiktreibendeu in Anspruch, mögen sie einem Instrumente oder Zweige der Tonkunst dienen, welches oder welcher es immer sei. Alle Musik entstand ja bekanntlich aus dem Bedürfniße des Menschen, den verschiedenen Phasen seiner Empfindung in Tönen Ausdruck zu geben, wozu er zunächst das ihm von der Natur mitgegebene Instrument: sein eigenes Stimmorgan verwandte. Und heute noch,. da die Cultur auch in Hervorbringung der verschiedensten Instrumente eine — man möchte wohl sagen — schon mehr schwurdelnde Höhe erreicht Hst, heute noch übersetzt sich der musikalische Gedanke sowohl im Kopfe des Laien wie in dem des Musikers zuerst und am liebsten in den Ton der menschlichen Stimme. Wenn ich nun von Stimmerzeugung sprechen will, so muß ich die geehrten Leser zunächst auf ein ganz unmusikalisches Feld führen. Da ich nämlich den Begriff Stimmerzeugung ganz wörtlich nehme, habe ich dort angefangen, wo in der Lhat keine Stimme vorhanden ist; also bei den wirklich Stummen oder — was noch bezeichnender — bei den Taubstummen, bei jenen Unglücklichen also, deren Behandlung ich nicht zum kleinsten Theile meine in der Stimmbildung nach und nach gesammelten Erfahrungen danke. — In den Culturstaaten gibt es — dank der gesteigerten Humanität unseres Jahrhunderts keine dauernd Taubstummen mehr. Das Gehör bleibt bei den meisten freilich todt, die Stimme aber wird erzeugt, entwickelt. Das Stimmorgan ist auch bei den *) Lehrer Emil Götzes. ״Neue Musik Zeitung". IV. Jahrg. Nr. 19, Verlag Carl Grüninger,Stuitgart.