Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-11-14 · Heft 37 (14.11.1888) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 37 (14.11.1888)
Date
1888-11-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453167--2685-3456961
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

— 2 I: י 1 Noten ״musikalisch" fein kann; aber haben wir nicht oft solche und ähnliche Beispiele vor uns? Der Virtuos executirt seine Konzert piecen auswendig, also nur aus dem Gedächtnis, Blinde von Ge- ' burt sind manchmal recht gute und vielseitige Musiker. Dies beweist eben, dass man zur wirklichen Musikausübung eigentlich keiner ' Noten bedarf, und ferner, dass es kein.Unterschied ist, ob man ein׳ Musikstück aus dem Notenblatte, oder durch praktische Unterweisung erlernt. Ein sichtbares Beispiel hiefür haben wir auch an unseren alten, berühmten Chasanim selbst, die zu ihrer Zeit einen gewissen Weltruf erlangt hatten, und dennoch nie eine Ahnung davon gehabt haben, dass es auch für Töne Schrkftzeichen giebt; und doch waren ’ Manche darunter unleugbar wahre Meister der Gesangskunst, von welchen unsere heuttgen Gesangskoryphäen noch Vieles zu lernen hätten. Nein! Die Musik ist eine Gottesgabe, ein Gnadengeschenk der gütigen Natur, die sich — unbekümmert um die Erfindungskraft der Menschen — zu allen Zeiten und unter allen Verhältuißen Bahnen bricht und überall sich volle Gettung verschafft. Wenn man überhaupt bedenkt, wie viel und wie lange die Menschheit zu ringen und zu kämpfen hatte, bis es ihr endlich — in den letzten Jahrhunderten erst — gelungen ist, eine bestimmte und allgemein verständliche Notenschrift, verbunden mit einer einbeitlichen und übereinstimmenden Tabulatur zu schaffen, so ist's beinahe mit Gewissheit anzunehmen, dass man in frühern Zeiten von irgend welchen Tonzeichen in unserm Sinne weder etwas gemusst, noch ein Bedürfnis hiefür verspürte; denn was von Musik damals gelernt und gelehrt wurde, konnte ebensogut — bei dem allgemein gebräuchlichen und in allen Disziplinen durchgeführten Auswendiglernen, wodurch der gute Wille des Lehrers und der rege Fleiß des Schülers nur um so gehobener und geschärfter wurden — auch auf mündlichem Wege und durch Mittheilung von Mund zu Mund ermöglicht werden. . Deshalb' aber braucht dennoch die jenzeitige Musik'nicht minder, oder die Erforschung ihrer ewigen Gesetze nicht weniger gewesen zu sein. Auch vor der Zeit der Eisenbahnen und der Telegraphen ist schnell gereist und schnell berichtet worden, nur ging es damals nicht per Dampf und Elektrizität her, wie setzt. Ebenso hat man in jener notenlosen Zeit gewiss nicht weniger Musik geübt, als heute; nur ist's wahrscheinlich langsamer und beschwerlicher von Statten gegangen, dafür aber mussten alle die hieraus entstandenen Mängel und Unbequemlichkeiten durch größere Ausdauer, ernsten Willen und höheres Talent ersetzt und ausgeglichen werden. Auch ist noch zu erwägen, dass unsere Vorfahren hierin es insofern viel leichter gehabt haben, da ihre Musik nur eine gottesdienstliche, keine weltliche war, und so hatten und brauchten sie nichts ״herauszugeben" und konnten daher Alles unter sich und mit sich abmachen, und sie hatten auch für keine Maßnahmen zur Verbreitung ihrer Produkttvität zu sorgen. Und eben deshalb, weil die damalige Musik die wahre Eigenschaft hatte, die ״Sprache der Seele" allein zu sein, für die es nämlich keine sichtbare Schriftzeichen gab und welche menschliche Zeichen und Worte nicht auszudrücken vermochten, haben die alten Hebräer die Musik quasi als Profession betrachtet, die schriftlich nicht dargeftellt werden kann und daher nur praktisch und handwerksmäßig erlernt werden muß. (Fortsetzung folgt.) Zum siebzigsten Geburtstage -es Herrn Oder-Caatar Moritz Deutsch. Am 16. Dezember begeht Herr Moriz Deutsch seinen siebzigsten Geburtstag. Wer diesen Namen, das segensreiche Wirken und Schaffen dieses auf dem ׳Gebiete des Cantorates und der Synagogen-Musik so verdienstvollen Mannes kennt, wer sein eifriges'und unermüdliches Streben nach Veredlung des jüdischen Gottesdienste und der Synagogen-Musik verfolgt, wird gewiss darin übereinstimmen, dass dieser Tag, an welchem er das siebzigste Jahr seines Lebens in voller Rüstigkeit vollendet, nicht vorübergehen darf, ohne dass die geehrten Leser dieses Blattes darauf aufmerksam gemacht werden, und seine bisherigen Verdienste, wenn auch nur in kurzen Umrissen, an dieser Stelle gewürdigt finden. Hierzu erscheint dieses geschätzte Blatt, als ö st e r r e i ch i s ch e Crntoren-Zeituug, in erster Linie berufen, da Deutsch ein geborener Oesterreicher und noch heute' mit besonderer Liebe seinem Heimatlaude zugethnn ist. Der geehrte Herr College, Obercantor I. Singer in Wten, hat in . den letzten Nummern dieses geschätzten Blattes in bekannter trefflicher Weife die Biographie des Jubilars sehr ausführlich mitgetheilt, daher wollen wir, darauf hinweisend, nur noch die kurz gefasste, in dem ״Conversations-Lexicon der Tonkunst" enthaltene Biographie des Herr» Deutsch hier wiedergeben: - ״Moritz Deutsch, geboren am 16. Dezember 1818 zu Nikolsbürg (Mähren). Zum jüdischen Theologen bestimmt und vorbereitet, 1840 die Universität zu Preßburg zu beziehen, erwachte in ihm eine alte Liebe zur Tonkunst ausis Neue. Er gieng nach Wien, wo er 1841 das Conservatorium frequentirte und bereits am Neüjahrstage 1842 in der Augustinerkirche das Tenorsolo in einer großen Messe sang. In demselben Jahre wurde er als zweiter Cantor neben Professor Sulzev daselbst, und im November 1844 als Cantor an der Synagoge in Breslau angestellt, wo er heute noch als Ober Cantor wirkt. Sein allgemein anerkanntes Hauptverdienst ist, dass er den dortigen Gotlesdienst g regelt nnd kunstgerecht gestaltet hat, wie er auch einen gemischten Chor für die Aufführungen in der Synagoge organisirte, unterrichtete und noch heute.^ leitet. Nebenbei bildeteer sich noch unter Dr, 'Baumgart, Mosevius und Seidel weiter aus. Seine Compositionen, welche hauptsächlich: ״Vorbeterschule", ״Synagogenunfr Schullieder" ״Orgelpräludien und Breslauer-Synagogen-Gesänge" sind, werden in vielen israelitischen Gotteshäusern gesungen Deutschs eifriges Bestreben, durch kunstgerechten Gesang des Cantors wie des Chores den jüdischen Gottesdienst zu einem wür« digen und erhebenden zu gestalten, wurde durch zwei Umstände besonders gefördert: erstens gründete er in Breslau ein ״Cantoren- Institut", in welchem angehende Cantoren unter seiner vorzügliche» Leitung für das Cantorat vorbereitet und ausgebildet wurden, und zweitens wirkte er an dem 1854 zu Breslau eingeweihten Rrbbiner- Seminars als Gesanglehrer der liturgischen Gesänge für die angehenden Rabbiner. Um diese Zeit stand Deutsch in der Blüthe seiner Schaffenskraft, erfüllt von dem heiligen Drange, der das echte Genie beherrscht. Alles jubelte ihm entgegen, man war enthustasmirt, entzückt, begeistert von seinem wunderbaren Gesänge, von dem mäch- Ligen Eindrücke des trefflich geschulten Chores, von den brausenden, andachterregenden Harmonien der gewaltigen Orgel?). Hiedurch wurde aber auch zugleich seinen Schülern die Gelegenheit geboten, das bei Deutsch theoretisch Erlernte durch ihres Meisters eigene Wiedergabe in praktischer Vollendung gleichsam verkörpert zu sehe» und zu hören. Was ist nun natürlicher, als dass diejenigen, die nachher selbst den Gottesdienst zu leiten und zu gestalten hatten, im Sinne ihres Meisters und Lehrers zu wirken strebten und den Gottes- *)Man vergegenwärtige sich den jüdischen Gottesdienst Lesonders in Deutschland vor ungefähr 40 Jahren, wo ein geregelter Gottesdienst mit Orgel und Chor noch ganz neu war und uich^ wie heute, als etwas ganz Selbstverständliches erscheint. ׳

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.