Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 37 (14.11.1888)
- Date
- 1888-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wrärrurn erationspreis Nflr »erein-mitgUed«. «äuzjährtg stb.— Halbjährig ׳ fl. 2.50 DtertrljLhrig : fl. 1.25 Für Sttchtmilglieber Ganzjährig' fl. 6.— Halbjährig fl. 3.— Lirrtrljährig fl. 1.«» Für »a» «lu»la״d «an,jährig fl. 6.— 1V Mark odr<5 Rudel. Oesterreichiseh-ungarische Ör gr61 xl für die ^«tereW. Wscher Hsktoren und ^uHusbeumten. Kr scheint jeden achten K a g. Begründer: Obercantor ^nvoh Rnusr. . Medactian irnd Kdminrkration i i e », II., Novarägaffe Nr 2?!! Inserate!j werden dilligst berechnet.! Mannscripte werde» nicht i retvurnirt.! Abonnementsu. Inker- ,i tionsbetrage find in Wien zahlbar. Nr. 37. Wien, 14. November 1888. 8. Jahrgang. Zitz Klürilng -er Frage -es tra-itioneüen Synagsgengesanges. Die hohen Festtage, jene Tage, die alle unsere Kräfte, unseril ganzen Fleiß für sich allein in Anspruch nehmen, sind glücklich Vorübergegangen, wir können somit jetzt in den Freistunden, inso-. fW^^.ir^Gj^Ml^pUsönlicheM-Hmdermßeu^^M geistigen Arbeiten, welche wir während der so strengen Zeit völlig ruhen, lassen mussten, in aller Ruhe und Muße wieder aufnehmen und.uns der außeramtlichen Thätigkeit mit frischem Mute und erneuerter Kraft wieder hingeben.. Und es ist gerade recht so und gut! Es muß eine Zeit für uns geben, in der wir uns mit allem unserem Können und Wissen unfern. Gemeinden und unsen'n Amte voll und ganz zur Verfügung stellen; in der wir zum klaren Bewusstsein gelangen, dass wir eigentlich nicht uns, sondern unfern Berufspflichten und unfern Soldgeberu angehören; in der wir erinnert werden,. dass wir treue Diener eines höhern Amtes sind, welches gerade solche Ausschließlichkeit — wenn auch auf kurze Zeit nur — für sich allein erfordert. So auch musste unserer Altvorderer, der Hohepriester, dessen Epigonen wir eigentlich sind, in diesen Tagen sich vollständig absondcrn und von seiner bisherigen Umgebung gänzlich sich abschließen, um sich auf seine hohe Mission vorzubereiten und sich ganz seinem erhabenen Dienste zu widmen. Ebenso muß auch jeder Mensch, der jeder auf seine Weise gewissermaßen ein Priesterthnm. zu -vertreten hat, nach 6 Arbeitstagen einen Tag der Ruhe und der geistigen Sammlung haben, wo er sich der Alltäglichkeit und seinen werktäglichen Gewohnheiten entäuß rn und nur seiner alleinigen Aufgabe und seiner einzigen Bestimmung als. Mensch leben kann. ' Und so beginnen wir nun vom Neuem unsere bisher unter- . brachen gewesene Arbeit, mit dem sehnlichen Wunsche, dass es uns gelingen möge, unser vorgestecktes Ziel mit ihr zu erreichen. Vor Allem isi's hier nöthig, die Frage zu ventiliren, ob unsere Vorfahren in ihrer nationalpolitischen Glanzperiode wirklich eine Art Notenschrift für ihre damalige Musik hatten, oder nicht, um dadurch die volle Erkenntnis zu gewinnen, dass alle die Versuche von verfchiedenen nichtjüdischen Gelehrten,. ein. derartiges Noiensystem zu konstruircn und nachzuweisen, nur auf falschen Combinationen und auf Annahmen beruhen, die nichts weniger als mit dem Wesen und dem Geiste des jüdischen Alterthums vereinbart werden können. Das israelitische Volk ist in seiner höchsten Cultmepoche — wo es sich also um die Beschaffenheit seiner Musik handelt — nur ein Volk des lebendigen Wortes, nicht des todten Buchstaben gewesen; es hatte viel, unendlich viel gelernt, aber sehr wenig geschrieben. ^RM ganM, damaliges Schrislthum war die in knappen Worten und kurzen Satzm aWfasste!!Tiara scfiebefcsaw,. dahingMN war das, was es mündlich zu lernen und zu üben hatte, die unermessliche, jetzt viele große Foliobände umfassende Thora schebal peh. Darum hatten wir auch nur Propheten, keine Schriftsteller. Daher haben auch unsere Lehrer nirgends gesagt: Schaffe dir recht viele Bücher an und unterrichte dich selbst; sondern ״Verschaffe dir einen Lehrer, erwirb dir einen Studienfreund". Vielleicht war damals die sogenannte Bildung nicht so verbreitet und nicht so allgemein, wie jetzt, dafür war die echte Gelehrsamkeit eine' viel tiefere und gründlichere, und vielleicht auch eine — uneigennütziger?; denn nur wirklich Berufene wurden, vom Lehrer erprobt, zum heiligen Dienste der Wissenschaften zugelassen, Minderbegabte aber mussten zur harten Arbeit und-zur weltlichen Thätigkeit greifen. Aus diesem unwiderlegbaren Faktor wird schon hervorgehen, dass die althebräische Musik, so vortrefflich und prächtig sie auch gewesen ist, und so kunstvoll und harmonisch sie auch ausgestattet war — man lässt 4000 Musiker von so vielfach verschiedenen Instrumenten und Stimmen gewiss nicht an, um ein einfaches Unisono *) hervorzubringen — dennoch ihren Bestand und ihre Fortentwickelung auf nichts weiter, als auf Tradition, d. h. auf mündlichen Unterricht, gründete. Und in der That finden wir auch in Chronik I, 25, 7, dass bei 4000 Musikern nicht weniger als 288 Musikmeister angestellt waren, welche Lehrerzahl unbedingt eine Verhältnismäßig übergroße sein müsste, wenn der Unterricht und die Arrangements auf schriftlichem Wege zu bewerkstelligen gewesen waren. Wir, die wir im Zeitalter der übermäßigen ״Druckschwärze" leben, können es kaum fassen und nicht begreifen, wie man ohne *) Der talmudische Ausspruch: "״תדי קלא לא משתמע zeigt offenbarlich, dass unsere Alten vom Unisonogesang überhaupt nichts wissen wollten. —