Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 36 (5.11.1888)
- Date
- 1888-11-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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ץ — — Mit dem Namen Cantor wurde Ln den größeren Gemeinden der Titel Obercantor eingeführt, and das ist der frühere Chasan, während der Vorbeter für die Wochentage einfach Cantorgenannt wird. Es ist jedoch eine Anomalie, dass der Chasan sich Qbercantor nennt, der sogenannte Meschubod zweiter Cantor und nicht Untercantor; entweder der Chasan sollte erster und der andere zweiter Cantor heißen, oder der zweite sollte Untercator genannt werden. Ob der zweite Cantor mit dem ersten koordinirt oder ihm subordinirt ist, ist noch eine Frage; denn jeder Beamte in der Gemeinde hat sich in den vom Vorstande begrenzten Functionen zu bewegen und sie strikt zu vollziehen, es darf keine Ausschreitung und keine Überschreitung stattfinden, die Beamten sind die Sendboten der Gemeinde, die nach ihrem Willen handeln, und soll der Friede oder die Collegialität unter den Beamten herrschen, was den Interessen der Beamten wie der Gemeinde nur nützen kann, so darf keiner über den anderen dominiren, von Niemandem ein kategorischer Imperativ ausgehen und Niemand herrschend sagen: sie volo; sic jubeo, Jeder wirke im Kreise seiner Thätigkeit, und nur wenn es uothwendig ist, soll man den älteren, erfahreneren Beamten um Rath fragen. Es ist wahr, dass dem ersten oder Obercantor das Normativrecht Leim Gottesdienste zusteht, er hat das Recht zu bestimmen, welche Piecen aufgeführt werden; aber da in den meisten Gemeinden Chordirigenten sind, so hat er es nur diesem aufzutragen und die anderen Mitsänger müssen sich diesem Aufträge fügen; nicht nur Harmonie des Gesanges, sondern auch der Sänger unter sich, befördert den veredelten Gottesdienst Meine unmaßgebliche Meinung wäre, dass sich der Chasan erster und der andere zweiter Cantor nennen sollen; denn dort wo ein Obercantor ist, ist auch ein Untercantor, und das Unter bezeichnet schon eine Unterwürfigkeit, die nur stets zum Streite führt. Lassen wir jede Titel- und Herrschsucht und wirken wir jüdische Beamte bescheiden und trachten wir mehr um Mittel als um Titel. Einen Schuh, sagte ein Weiser, der größer ist als mein Fu ß, brauche ich nicht; der bescheidene Mensch verzichtet auf eitle Namen, der Name, dass er ein fleißiger, eifervoller Beamter genannt wird,- macht-ihn stolz. Siklos, im Oktober 1888. Aron Roth, Bezirks-Rabbiner. Trauungsrede von Dr. S. M ü h s a m. Anlässlich der jüngst stattgehabten Vermählung des College» Rosenbaum in Graz berichtete unser dortiger Correspondent, dass Rabbiner Dr. Mühsam die Trauungsfeierlichkeit ״mit einigen kurzen Worten einleitete", eine Bemerkung, die bei uns und gewiss auch §ei manchem Leser berechtigte Verwunderung wachrief. Wie uns nun nachträglich mttgetheilt wird, waren die Worte denn doch nicht so kurz, und wir sehen uns darum, sowie in weherer Erwägung, dass Herr Dr. Mühsam in seiner Rede die Pflichten des Cäntors als Gemeindebeamten und Ehegatten in treffliche Parallele stellte, veranlasst, dieselbe im Nachstehenden wiederzugeben: Mein werthes Brautpaar J Wenn die Ehe der heilige Bund zweier liebender Herzen ist, dann wird die Unverletzlichkeit der Wichten, die sie auferlegt, Mann und Weib auf einen heiligen Boden stellen. Das ist es, was ich Ihnen heute, am Wendepunkte Ihres Lebens, zur. Beherzigung . oorlege.. Mögen Sie jenes Gotteswort, das einstmals dem Moses die Bedeutsamkeit seiner neuen Lebensstellung kennzeichnete, zum Wahlspruche Ihres Lebens machen: ״Li hamokaum ascher ato omed olow admass kodeseh. hu, der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Böden." Ja, heilig ist der . Boden, auf dem Mann und Weib für die Neubegründung ihres Lebensglückes zu einer immerdauernden Gegenseitigkeit, deren Inhalt die Liebe und Treue sein soll, sich verpflichten. Heilig ist ja auch der Boden, auf welchen Sie, Herr Bräutigam, Ihr Lebensberuf gestellt hat! ־ Wenn Sie im Dienste einer Religionsgemeinde berufen und bestrebt sind, in jenen Stunden, welche eine gläubige Gesammtheit zum gemeinsamen Gebete einen, mit der Macht des Gesanges die Gemüther einer weihevollen Andacht zuzuführen und im Schmelz der Töne die Erhebung der Herzen zu ermitteln; wenn Sie hintreten vor die geöffnete heilige Lade und im Namen der Gemeinde die Worte aussprechen : ״wa’ani tefilossi l’cho adonaj es rozaun, mag mein Gebet in einer gnadenreichen Stunde vor dich, o Gott, getangen," — sollte es da nicht mit Schauer vor Ihre Seele treten, dass heilig der Boden ist, auf dem Sie stehen? Sie brauchen darum nur den Pflichtenkreis, den Ihr Lebensberuf um Sie gezogen, erweitert sich zu denken, um auch die Obliegenheiten, welche Ihr eheliches Leben umfasst, von ihm einschließen zu lassen, denn in gleichem Maßumfange und in gleichem Werthinhalte will auch die Aufgabe als Ehegatte erfasst und — gelöst sein. Der Gemeinde gegenüber die treue Hingebung! Nun, auch Ihrer Gattin werden Sie eine solche zu bethätigen haben; Sie sollen ihr ja der liebevolle Führer durchs Leben sein, darum muß Ihre Hingebung im Wesen ungetheilt, in der Zeh unwandelbar, das ist eine treuempfundene und treubewährte sein. Der Gemeinde gegenüber die G ewissenhaftigkeh! Im Ehelebe»., muß die Gewissenhaftigkeit des Gatten in dem redlichen Bestreben sich äußern, den häuslichen Frieden zu erhalten und die eheliche Eintracht wie ein Kleinod zu währen. Sie mögen gewissenha t Ihr Denken, Führen und Wollen mit - dem Ihrer Gattin in eine Har-- mönie zu bringen suchen, über welche der Ton der-Herzlichkeit die treue Wacht hält. Der Gemeinde gegenüber die gemessene Rücksicht! Auch Ihrer Gattin schulden Sie eine unverbrüchliche Rücksicht in Allem und Jedem; in Ihrem Thun und Lassen werden Sie sich stets zu sragen haben: wie wird es auf meine Gattin einwirken? was ihr Freude bereitet; was ihr Wohl fördert, was ihre Zufriedenheit begründet, das mögen Sie hegen und pflegen und in liebevoller Rücksicht'alles vermeiden, was ihr Kränkung, Kummer oder Sorge ver- Ursachen könnte. Und endlich der Gemeinde gegenüber oie Durchdrungenheit von Ihrer Verantwortlichkeit, vor Gott! Auch über das Eheleben wacht die Gottheit; eine leichtfertige Außerachtlassung der übernommenen Verbindlichkeiten, eine einzige Unbill, die man gegen die Gattin übt, wenn auch kein anderer Zeuge anwesend wäre, ' als die Thräne in der Gattin Auge, man wird dafür vor dem Gotte, der die Ehe geheiligt hat, zur Rechenschaft gezogen: nicht blos in Ihrer Stellung zur Gemeinde, auch in Ihrer Stellung zu Ihrer Gattin sind Sie verantwortlich! Ja, Herr Bräutigam, hier die Gemeinde und dort die Gattin! Wenn Sie an Ihren Pflichtenkreis mit jenem sittlichen Ernste herantreten, den die Gemeinde ihrerseits und wiederum das Eheleben seinerseits beanspruchen darf, dann werden Sie in der Zufriedenheit der Gemeinde Ihre Zufriedenheit und im Lebensglücke Ihrer Gattin Ihr Lebensglück finden, und Lebensberuf und Ehestand werden gemeinsam beitragen, Ihre Zukunft zu einer segensreichen zu gestalten.