Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 36 (5.11.1888)
- Date
- 1888-11-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Was wird nicht alles in den modernen Orgelsynagogen gespielt und gesungen? Und welch' unverzeihliche Sünden wurden dis nun von fachmännisch-unreifen und einseitig gebildeten jüdischen Cantoren nach dieser Richtung begangen? — Das ist die alleinige Ursache, weshalb die Orgelsrage noch heute eine wunderliche Fehde der betreffenden Kreise bleibt, weil der synagogale Charakter der Orgel von nur Wenigen erfasst und ein gewaltsames Aufdrängen in Herzens- und Religions-Angelegenheiten eine Unmöglichkeit bleibt. In der kleinen Vorrede zu den Deutsch'schen Orgelpräludien finden wir mit einigen kurzen Worten die ganze volle Aufgabe, welche die Orgel für die Synagoge zu erfüllen, gleichzeitig aber auch den Weg verzeichnet, den allein man einzuschlagen hat, um der Orgel in der Synagoge, trotz zielbewusster Widersacher und ftvmmer Eiferer, eine trauliche Heimstätte zu verschaffen. Es heißt: ״Mochte es diesen Präludien, die nach typisch gewordenen Synagogen-Jntouationeu gearbeitet sind, gelingen, eine innigere religiöse Verbindung der Orgel mit unserem Gottesdienste anzubahnen und die noch scheuen Gemüther so mancher unserer frommen Glau- Lensgenoffen durch die alten lieben Klänge mit ihr zu versöhnen." Ja wohl! Diese Worte wurden vor 25 Jahren gesprochen, diese Orgelpräludien vor 25 Jahren geschrieben; wie verehrungsvoll müffen wir solch' einer, vor einem viertel Jahrhundert an den Tag gelegten Anschauung und fachmännisch bedeutenden Gestnuung gegenüber stehen? — Hätten diese Worte in den Herzen unserer Cantoren und diese Präludien in den Hallen unserer Gotteshäuser Eingang gefunden, fürwahr die künstlerische Gesinnung unserer Cantoren wäre eine allgemein ideale, aber auch zweckentsprechende gewesen, das spezifisch-synagogale Orgelpräludium wäre durch sorgsame Pfiege bereits zur vollen Blüthe gelangt. — So aber bleibt das synagogale Orgelpräludium, Ritornell 3c. dem Ermessen des andersgläubigen Organisten überlassen, welcher in seiner Schule wohl die Aufgabe und die Behandlung der Orgel für die Kirche tüchtig -erlernt, aber bezüglich der Aufgabe und der stylgerechten Behandlung der Orgel in der Synagoge von seinem Vorgesetzten Cantor, der selber im Finsteren tappt und ängstlich nach Rettung auslugt, kein Sterbenswörtchen vernimmt; und so müssen wir uns noch bescheiden, wenn in den Synagogen nur einigermaßen musikalisch richtig gearbeitet, ja bei einer Synagogeneinweihung in St. Louis, wie es: jüngst geschah, wenigstens Werke von Beethoven, Händel 3c. aufge-: führt werde!?. Nicht genug, dass in den Synagogen ein Conglomerat von Gesängen jeden strengen Stil unmöglich macht, dass die. Cantoren von bezahlten oder nicht bezahlten Componisten Gesänge, Festhymnen 3c. arbeiten lassen und unter eigenem Namen, mit einem ihnen nicht gebührenden Titel versehen, veröffentlichen; nicht genug, bafö i Chöre großer Meister ihrer eigentlichen Miffion entrissen, mit hebräischem Texte versehen, für den jüdischen Gottesdienst zubereitet werden; nicht genug, dass zweifelhafte Talente reussiren, Zweifelhafte Moral gut geheißen, während die Edelsten und Besten in stolzer Thränenlosigkeit an der Lebenslast - schwer zu tragen haben; nicht genug an all' dem — man hatte und hat nicht den Muth, diesem unsinnigen Treiben mit dem Orgelspiele in den modernen Synagogen Einhalt zu gebieten, indem man sich endlich selbst gestehen muß, dass es s o nicht weiter gehen kann und anders werden müffe, wenn es im musikalischen Haushalte der jüdischen Cantoren doch auch nur einigermaßen anständig zugehen sollte. Soll denn die Styllosigkeit im synagogalen Gesänge wirklich eine Freistätte finden und die Form des Synagogengesanges jedem Stümper, der nicht singt, was er weiß, sondern nur das weiß, was er singt, überliefert bleiben? O, wir wollen keine Klagelieder anstimmen, aber groß ist das Leid und schwer die Wunde, die dem jüdischen Cantorate von jüdischen Cantoren geschlagen wurde und noch geschlagen wird! Das jüdische.Cantorat hat, wenn auch nicht einen mächtigen, doch bedeutsamen Anlauf genommen, indem cs schon vor einem viertel Jahrhundert: Männer wie Moriz. Deutsch aufzuweisen hatte, die dazumal das; zn leisten im Stande^ waren,; was in diesen Orgelpräludien niedergelegt'wurde, und wir müssen, was wir an anderer Stelle bereits erwähnt, auch hier wiederholen, dass, wenn Deutsch nicht mehr geschrieben hätte, als diese 12 Orgelpräludien, ihm die unumschränkte Dankbarkeit und Verehrung für alle Zeiten gesichert bleiben müsste. Die Orgelpräludien sind für die verschiedensten Gelegenheiten bestimmt und der jeweiligen Stimmung des Tages dadurch Rechnung getragen, dass passende, dem Traditionsgesange entnommene Motive die Basis derselben bilden, so sind 1 und 2 für Samstag, 3 und 4 für Passah, 5 und 6 für Schewuoth und Sukkoth, 7 und 8 für Chanukah und Tischo b’aw und 9, 10, 11 und 12 für Rösch hoschanah und Jom kippur bestimmt, demnach für ein stylgerechtes Präludiren in den Gotteshäuseru Israels für alle festlichen Vorkommniße des Synagogenjahres auf's Trefflichste gesorgt. Dass ein Präludium für Purim im Werkchen nicht vorfindlich ist, mag in dem Umstande seine Begründung finden, dass für Purim kein eigentlicher Traditionsgesang existirt, uud bei diesen Präludien nur antique Synagogenmelodien verarbeitet erscheinen. Statt Nr. 8, Präludium für Tischo b’aw, wäre ein farbenreiches, frisch bewegtes Präludium, wenn auch allgemeinen Charakters, für Purim erwünsch״ ter gewesen, weil wir der Anschauung sind, dass am Tischo b’aw in den Gotteshäusern Israels keine Musikinstrumente in Anwendüng kommen sollten. (Fortsetzung folgt.)' Der Mische Cantor als Sch'tiach Zibdur. VI.. Auch ick, bemerkt der Verfasser, harte Meschorerim zur Verherrlichung des Gottesdienstes akzepttrt, aber das waren. Männer von Charakter, frommen Sinnes, die keinen Tag die.Pflichtgebete versäumten, nach Maßgabe ihres Verstündnißes mit der Lehre, sich beschäftigten; und darauf sollte jeder gewissenhafte Cantor Acht haben« Auch soll der Chasan sein Chorpersonal freundlich, behandeln, nicht schimpfen, schlagen oder stoßen, wie das vorzukommen pflegt; seine Jünger werden dadurch gereizt und arten aus. Der Chasan. beeinträchtige sie auch nicht und lasse ihnen ihre Gebühren ungeschmälert zukommen. Die Meschorerim andererseits, sind verpflichtet, ihren Oberkantor zu achten und zu verehren, streng nach seinen Verordnungen sich zu halten, ihren Gesang Gott und der Gemeinde zu Ehren ertönen zu lassen. Nur bei solch einem.harmonischen Vorgehen wird, auch die Harmonie des Gesanges wohlklingend sich gestalten und vor Gott und Menschen Wohlgefallen finden. Hingegen sind die Gegner des Choralgesanges im Unrechts die als Chaßidim sich geriren und behaupten wollen, dass durch den geräuschvollen Gesang der Meschorerim die Andacht gestört wird, die Aufmerksamkeit der Beter nur den Melodien sich zuwendet. Haben denn nicht im Heiligthum zu Jerusalem eine große Anzahl von levitischen Chören mit Gesang und Musik den Gottesdienst verherrlicht? Als Beweis dienen die Mischna (Erchin 2, 6.) uud Bartenora daselbst, der erklärt, dass zum Gottesdienste auch kleine Leviten zugelafsen wurden, den Gesang noch wohlgefälliger zu gestalten, weil Kinderstimmen wohlklingend sind, und als Tawlin, Gewürz