Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 35 (28.10.1888)
- Date
- 1888-10-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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\ — S — 801)־״ uid're" in einer Villa. Wenn man in einem Gesellschafswagen ״Am Hofe" den engen Raum eines Achtsitzes eingenommen, und die angespannten schweren Trader das Fahrzeug in Bewegung setzen, erreicht man in einer guten Stunde jmen Vorort der Residenz, an dessen oberem Ende, am Fuße eines grünbewaldeten Berges, die einem Juden gehörige Villa liegt. Ein jüdischer Villenbesitzer, und zwar als Jude der Einzige in diesem des hauptstädtischen Gewandes ganz entkleideten, aber imm erhin antisemitisch anrüchigen Orte. Fern vom Getöse der Großstadt, herrscht hier eine ländliche, selbst bewegte Gemüther einlullende Stille, die nur dann und wann vom Säuseln der nebenanstoßenden Waldbäume, oder von dem Radeln der unweit des Ortes zum Kahlenberge hinaufführenden Dampfmaschine eine unliebsame Unterbrechung erleidet. Hieher rettet sich der Wiener, wenn er den Sturm des Verkehrslebens mit einer idyllischen Beschaulichkeit, die drückende, miasmenschwangere Athmosphäre mit einer reinen, labenden Landlust vertauschen will. So unansehnlich unsere einstöckige Villa von außen scheint, so gemüthlich einladend ist die innere Einrichtung derse.ben. Bescheiden, einfach, blos als Aufenthalt einer Sommer frische adaptirt, bietet sie Gemächlichkeit in allen ihren Räumen, und die Bewohner derselben, der Eigenthümer mit Frau und Hausgesinde, denen sich noch eine verwandte Familie im Parterre anschließt, veranschaulichen das Prototyp wahrer Herzlichkeit und ungetrübter gesellschaftlicher Ruhe. Die letztere Familie, bestehend aus zwei anerkannten, vom österreichischen und deutschen Hose mit Ehrentitteln ausgezeichneten Künstlern, der Eine Kammervirtuos, der auf dem Claviere sich einen Wellruhm erspielte und der Andere, ein nicht minder begabter Cellist, mit zwei unverheirateten Schwestern, repräsentiren die söge nannte Elite der Villa-Eremitage, und der ihnen eingeräumte Künstlersaal mit den Fachkoryphaen an den Wänden, den ausgezeichneten Musikinstrumenten und den riesigen Notenstößen, bildet das einzig Sehenswürdigste im ganzen Orte. Den Sommer über, wird die Zeit außer den Stunden, " die die beiden hervorragenden Künstler ihren Instrumenten widmen, und wenn nicht die ärztlich angeordneten Gesundheitsübungen auf der Entfettungsmaschine zu ernsten Arbeiten gezählt werden, mit Tändeleien getödtet. Auch Karten- und Kegelspi l füllen die beschäftigungslose Saison in würdigem Maße aus, und bleibt noch ein Stündchen frei, so wird dieses zu einem Ausfluge vom Ländlichen ins Ländlichere und Ländlicheste benützt. Da kehrt mit einem Male in den noch lästig warmen Tagen des Spätsommers, der die Stadtflüchtigen noch an ihren Sommerfrischen festhalt, die ״heilige Zeit" der ״furchtbaren Tage" ein, und die Villenbewohner entschließen sick>, um diese nicht durch Hin- und Herfahren zu entweihen, keinen Tempel in der Stadt aufzusnchen, sondern sie in ihrer stillen Sommerheimat traditionell zu feiern. Am Vorabend des Versöhnungstages zieht zugleich mit der festlichen Weihe auch eine tiefernste Stimmung in die Gemüther dieser Familien ein; man kehrt vom Alltagsleben in sich zurück; man gibt sich der seelischen Anforderuno, sich auch einmal mit seinem Gotte zu versöhnen, gerne hin und kommt zum Bewusstsein, dass man Jude ist. Noch strahtt die Sonne hinter den Bergen hervor, wird gemeinschastlich das Abendmahl eingenommen, die beiden Künstler setzen sich jeder au sein Instrument und tragen die Melod e des ״Kol nid're", von welcher Lenau, der Dichter, mit seltener Rührung sagt: ״Ach, ich wünsche wohl, dass sie einst an meinem Todtenbette von Freundesstimmen mir vorgesungen würde", so meisterhaft vor, dass die Zuhörer, wie vom Zauber gebannt, stumm und regungslos, jeden Ton gleichsam einathmend, in Helles Schluchzen ausbrechen, und unter rollenden Thränen, mit den letzten Strahlen des Tageslichtes, erlöschen auch wie verschwommen in ein kaum hörbares Pianifsimo die jede Dissonanz des Lebens wegspielenden heiligen Klänge des alten Liedes. Der Villenbesitzer legt hierauf den Tallith um und beginnt mit Rücksicht auf die weiblichen Personen des Hauses in deutscher Sprache das Gebet: ״Verziehen sei der ganzen Gemeinde der Kinder Israels, so wie dem Fremden, der sich unter ihnen aufhält, denn vom ganzen Volke geschah es im Jrthume", welches die ihn umstehenden Familienglieder, jedes mit dem Gebetbuche in der Hand,, andächtig nachbeteten. ' Sodann folgen in gehobener Stimmung die anderen für diesen Abend vorgeschriebenen liturgischen Stücke. Die fromme Beterschaar lispelt gebeugten Hauptes alles nach,- schlägt reuig an die Brust in seltenster weihevoller Hingebung, deren sich kein Gottes- Hans erfreut, und als am Schlüße, ein Mädchen nach oben gewenbet für das Seelenheil ihres im Laufe des Jahres Heimgegangenen Familienhauptes das ״Kadisch" hebräisch recitirte, bleibt kein Auge der religiös erbauten kleinen Versammlung trocken. So habe ich diesen Abend .ohne Predigt, ohne Sang, aber noch nie andächtiger gefeiert, und längst waren die Tempel bis auf einige strenggläubige Fanatiker geleert, als wir noch lebhaft von Israels entschwundener Größe, von seinen Leiden und Schicksalen erzählten. Verblichene Bilder vergangener Jahrhunderte zogen stumm vor meiner Seele, vorüber. Wie oft hatten meine Vorfahren in den Zeiten wilder Verfolgungen, mit der Zwangstause aus dem Gesichte, ähnliche Kol nid're-Abende unterirdisch unter Schloß und Niegel gefeiert. Vom tiefsten Seelenschmcrze zerwüh't, von Gram und Kammer niedergedrückt, der Theuersten beraubt, trafen da, den spähenden Häscheraugen entrückt, Mann und Weib, Vater und Sohn, Mutter und Tochter, Bruder, und Schwester zusammen, fielen einander in die Arme: Verzeihung! Verzeihung! So in trüben Gedanken versunken, starrte ich lange vor mir hin, bis der Pfiff der gackernden Zahnrad-Locomotive erinnernd an die riesenhaften Errungenschaften des letzten Jahrhunderts .und das Säuseln der Waldbäume, getrieben von der Luft des freien Oesterreichs, mich aus- -meinem träumerischen Hinbrüten freud'g aufrütteten. 5. G. Meine Chronik. Wien Im engsten ^Familienkreise feierte dieser Tage Herr Gustav S im 0 n, eines der beliebtesten und geachtetsten Mitglieder der Wiener Cultusgemeinde, seinen 70. Geburtstag. Herr Gustav Simon gehört seit vielen Jahren dem Vorstande der. israelitischen Cultusgemeinde und seit acht Jahren auch dem Gemeinderathe der Stadt Wien an und entwickelte in beiden Corporationen eifrige und segensreiche Thätigkeit, die ihm die Liebe und Achtung seiner Mitbürger im vollsten Maße erwarb. Als, Obmann der Chewra Kadischa war Herr Gustav Simon sehr oft in der Lage, seinen humanen Sinn wirkungsvoll zu bethätigen, und beiläufig sei auch erwähnt, dass die Entstehung des Ringtheaterfondes seiner Initiative zu verdanken ist. Möge es diesem wackeren Manne noch viele Jahre gegön׳t sein, zum Wähle seiner Mitbürger wirken zu können! Wien. Der ״Verein zur Unterstützung mittelloser israelitischer Studierender" versendet soeben seinen siebenundzwanzigsten Jahresbericht, dem wir folgende Daten entnehmen: der Verein zählt nun im Ganzen 120 Mitglieder, die an Jahresbeiträgen fl. 1334 leisten, die Ausgaben jedoch betrugen fl. 4316.47. Die Zahl der beitragenden Mitglieder steht leider in keinem Verhältnisse zu den Ansprüchen, die an den Verein, gestellt werden. In solcher Weise kam es, dass derselbe trotz der Spenden von 441 Gesuchen nur . 301 berücksichtigen konnte und war es ihm überdies nicht gegönnt, den Petenten in der Weise hilfreich zur Seite zu stehen, wie er es gewünscht und. wie sie es verdient hätten. Unter den 301 Studirenden, welche, berücksichtigt wurden, waren 208 Studierende der Medicin, 49 Hörer der Rechte, 6 Studierende der Philosophie, 26! Studierende der Technik, 3 Pharmaceuten, 7' Veterinäre und je ein 1 Schüler der bildenden Künste und des Gewerbemuseums. Dem Va« terlande nach waren: aus Wien 19, aus Niederösterreich 6, aus Ungarn 90, aus Galizien 78, aus Mähren 58, aus Böhmen 26,. aus der Bukowina 5, aus österr. Schlesien 5, aus Croatien 4, aus Slavonien 3, aus Oberösterreich 2, aus Rumänien 1, Siebenbürgen 1, aus Rußland 2. aus Belgien 1. Wien. Wie uns mitgetheilt wird, wurde dem Herrn S.- Rothwein, der gegenwärtig in Wien Gesangsstudieu betreibt und während der hohen Feiertage in Teplitz an der Seite des Obercantors Lazarus mit allgemeinem Beifalle als Cantor fungirte,