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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-28 · Heft 35 (28.10.1888) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 35 (28.10.1888)
Date
1888-10-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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theilt wurden. Aus dem Ueberreste dieser Gäben ließ dieser letztere eine Talmud Thora und einen Betsaal bauen, die den Namen der Geber tragen: Bet Jacob und Bircat Abraham. Das Andenken der Unruhen, welche im Jahre 1840 in Rhodus stattgefunden, ist bei den Eingeborenen noch lebhaft. Es war der Rückschlag der traurigen Ereigniße von Damaskus. Ein Greis von 80 Jahren, Moses Alhadef, hat mir den Vorgang folgendermaßen erzählt: Ein englischer Kaufmann aus Smyrna hatte einen jüdischen Agenten, Namens Elias Calomiti, nach Rhodus geschickt, um dort Schwämme anzukaufen, ein Artikel, der damals im Archipel in Blüte stand. Die Griechen der Insel, die diesem Handel oblagen, sahen in Calomiti einen gefährlichen Concurrenten und fassten einen tiefgehenden Hass gegen seine Rasse. Es war gegen Purim des Jahres 5600. So wie die Nachricht der Vorgänge in Damaskus bekannt wurde, sahen die Griechen darin eine Gelegenheit zur Rache. Ein armer, halbverrückter Händler, Eliakim de Leon Stambuli, wurde angeklagt, ein griechisches Kind entwendet zu haben, und ins Gefängnis gesteckt. Auf das Versprechen hin, dass man ihm eine vor-׳ theilhafte Stellung geben würde, erklärte Eliakim, dass er das Kind gestohlen habe und es dem Notablen David Mizraki anvertraut habe. Auf Grund dieser Erklärung eines Verrückten, stürzte sich eine ganze Abtheilung Gensdarmerie am Tage vor Purim in das jüdische Viertel: während eines feierlichen Mahles wurden zehn Notablen, darunter der verstorbene Oberrabbiner Jacob Israel, Vater des heutigen Oberrabbiners, festgenommen: sie wurden in Einzelzellen gesteckt und furchtbaren Folterqualen unterworfen. Rabbi Jacob musste seinem Kerkermeister seinen Ring schenken, um dessen Eifer zu mäßigen. Inzwischen begab sich die Gemeinde in die Synagogen, um das himmlische Erbarmen zu erbitten. Das Entsetzen war groß. Kein Jude durfte das Viertel verlassen. Nuffuf Pascha und und sämmlliche Cousularagenten hatten der sinnlosen Anklage Glauben geschenkt, um so mehr, als sie noch von zwei Renegaten be- ]tätigt wurde. In den israelitischen Häusern wurde, ohne Erfolg, Haussuchung gehalten. Mit großer Mühe gelang es dem Rabbiner Abraham Armado, die Stadt zu verlassen, um in Smyrna die Klagen der Gemeinde Rhodus anzubringen. Nach zweiwöchentlicher Haft und zahllosen Aengsten wurden die zehn Notablen frei gegeben, und es begab sich alsbald eine Deputation von acht Personen nach Constantinopel. Das verschwundeue Kind fand sich in Syra wieder. Der Gouverneur Hussuf Pascha wurde abgesetzt. Der Zufall wollte, dass gerade am Purimfest des darauf folgenden Jahres der kaiserliche Firman, welcher infolge der Schritte von Cremieux und Montefiore erlangt wurde, in Rhodus veröffentlicht wurde. Es wurden öffentliche Feste gefeiert; auf offener Straße und beim Rabbiner wurde an großen Tafeln, gespeist. Heute noch wird in den Familien der Notablen, die zur Zeit gefoltert wurden, am. Abend des Purimfestes ein Lobgesang angestimmt. Außerdem verschaffte man mir zwei Briete, in hebräischer und türkischer Sprache gedruckt, die von den Oberrabbinen von London, Salomon Hirsch und David Mildola am 29. Sivan 5600 an Sir Moses Montefiore gerichtet wurden. Die Schreiber stützen sich auf verschiedene rabbinische Autoritäten, um feierlich zu bestätigen, dass die gegen die Juden vollbrachte Anklage eine verleumderische ist. Verschiedene Dokumente weisen darauf hin, dass die Niederlasfung vor sehr vielen Jahren stattgefunden hat. Unter anderm erzählt man sich die Legende von dem Judm des siebenten Jahrhunderts, der die Ueberbleibsel des berühmten Kolosses ankaufte welcher seit dem Jahre 222 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung den Boden bedeckten. Man nennt Emessus in Syrien als die Heimat dieses Juden; doch musste er wohl Rhodus bewohnen, denn ein Fremder hätte ein so großes Unternehmen nicht gewagt* da 900 Kameele kaum genügten zum Transport des Kupfers am Koloss. Der Gottesacker ist sehr groß und ohne Umzäumung. Eine große Anzahl der Grabstätten scheint sehr alt, wenn sie auch ohne Inschrift sind. Die Grabsteine sind viereckig und ungefähr 30 Centsmeter hoch. Mitunter befindet sich ein kleines weißes Stück Marmor auf der Außenseite eingelegt, worauf die Inschrift eingegraben steht; die älteste, die ich finden konnte, war vom Jahre 1640. Das bedeutende Werk: ״L'ille de Rhodes" von Eduard Biliotti und dem Abbe Cuttret (Compiegne, 1881) enthält Seite 330 fol- . gende Stelle: Die Sage erzählt, dass 200 israelitische Volontaire, zumeist Waffenschmiede, sich bei der Vertheidigung der italienischen Bastion, die ihr Viertel schützte, mit Ruhm bedeckten, und dass ihr Oberhaupt einen ruhmreichen Tod gefunden, indem er sich in die Bresche stürzte, aus die der türkische Offizier seine Fahne ausgepflanzt hatte. Als die Ritter ihm zu Hülfe eilten, hatte er den letzten Athemzug gethan und hielt in der einen Hand die Fahne, in der andern seinen Degen, der noch von dem Blute der erschlagenen Feinde rauchte." Diese Thatsache beweist, dass die Israeliten Rhodus lange vor der Eroberung Suleymans (1523) bewohnten, dass sie eine ordentliche Organisation hatten und sich zu vertheidigen wussten. Ich neige sogar zu der Ueberzeugung, dass sie bereits zu Zeit der Sarazenen, vor der Occupation der Insel durch die Ritter vom Johannisorden (1309), eine Gemeinde bildeten. Diese mussten den Juden nicht besonders hold sein und mögen den Ausgewiesenen aus Spanien 1492 kaum die Arme geöffnet haben. Sie mussten bei ihrer Ankunft in der Insel eine jüdische Gemeinde vorfinden, die ihr Vertrauen zu gewinnen wusste und von denen eine Anzahl das Waffenschmiedhandwerk ausübten. Später kam das spanisch-jüdische Element hinzu, das überall seine Sprache und Sitten einführte. Man kennt auch die Legende jenes anderen Juden, der durch Verrath den Türken die Eroberung von Rhodus erleichtert hätte. Das oben genannte Werk (Seite 327) behauptet, es sei ein fremder israelitischer Arzt gewesen, dessen Namen unbekannt geblieben. Man überraschte ihn, als er einen Brief in das türkische Lager warf: er wurde hingerichtet. Aber Suleyman hatte viel wichtigere Verbündete in der Festung, so den Ritter von Amaral. Einige glaubten auch, er sei ein jüdischer Arzt im Dienste von Rhodus gewesen, ein um so größerer Jrrthum, als Amaral die Juden hasste und jede Gelegenheit benutzte, um ihnen seinen Hass zu zeigen. Andere Schriftsteller sagen, dass dieser Verräther ein Renegat war, Namens Libertos Comento. Alle Apostate sind ähnlicher Handlungen fähig, aber es ist ganz wahrscheinlich, dass der fremde Arzt Amarai und Camento nur ein und dieselbe Person find, und dass diese Anklage auf Aramal allein zurückfallen muß, dessen Rolle nicht kontestiert worden ist. Man darf nicht vergessen, dass inan damals zur Gewohnheit 1 hatte, den Israeliten alle Miffethaten zuzuschreiben, die die eigenen Feinde begangen hatten.

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