Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 35 (28.10.1888)
- Date
- 1888-10-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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genmusik ausmachen, so ist es kein Wunder, dass die Andächtigen sich ins Dunkel Zurückziehen. Was wissen die meisten auch von Hochgesang und wie ist is ihnen möglich, das hohe G zu handha- Ben? Gebe man ihnen ein Lied, und sie werden es mit dem besten Erfolg zum Vortrag bringen. Gebe man ihnen einen Cantatenauszug, sie werden ihn zurückweisen, ohne sich für die Gabe zu bedan- Leu. Durch diese gesteigerten Ansprüche eben erlangt mancher Chor auch nur den Erfolg — sich lächerlich zu machen. Es steht ernstlich zu erwarten, dass der Verfasser des neuen Gesangbuches diese Umstande wohl erwogen haben werde. Der Erfolg ist mehr als ein blos ästhetischer. Die Nichtbetheiligung der Gemeinden an den gottesdienstlichen Handlungen schwächt den Eindruck des öffentlichen Gottesdienstes zum offenbaren Nachtheil der Religion. Außerdem aber ist dieser emporstrebende Charakter moderner Synagogenmusik auch verantwortlich für die gewöhnliche Erscheinung der musikalischen Fiasko's, welche den Zuhörern oft so viel Unterhaltung bereiten — Unterhaltung, welche durchaus Verderblich wirkt, und nicht dem Zwecke entspricht, welchem die öffentliche Andacht dienen soll. Die durch grässliche Dissonanzen erzeugte Heiterkeit, die manchmal der Synagogenmusik entspricht, ist wahrlich nicht die geistige Freude, welche aus unserer Gemeinschaft mit dem höchsten Wesen entspringen soll. Sollen daher die Vorwürfe, welche fetzt dem Synagogengesange anhasten, verscheucht werden, so muß ein ganz neues Verfahren eingeführt werden. Wenn sorgfältig ausgearbeitete Piecen aus dem Bereiche des Kunstgesanges als unabweislich nothwendig erachtet werden, so müssen es solche sein, welche die beschränkten Fähigkeiten des Chores nicht übersteigen; doch müssen diese nur für Ausnahmefälle und bei besonderen Gelegenheiten zur Verwendung kommeu. Der Stamm der Synagogenmustk muß aus einfachen Gesängen bestehen, welche die Gemeinde — Männer, Frauen und Kinder — singen kann und die der Chor, entsprechend seinem rechtmäßigen Berufe, nur zu leiten hat". M. W. Dir Israeliten von Rhodus. (Schluss.) Die Gemeinde von Rhodus hat weder eine richtige Verwaltung, noch Organisation. An ihrer Spitze befind et sich der Oberrabbiner Nahamim Juda Israel, Commandeur des Medjidie- Ordens; derselbe ist 75 Jahre alt und genießt die allgemeine Hochachtung; doch genügt dies nicht, um seine materielle Existenz zu sichern. Er übt die Gerichtsbarkeit aus. Hier wie in Adrianopel ist das Rabbinat erblich feit undenkbaren Zeiten. Die einzige bestimmte Einnahme der Gemeinde ist die Fleischsteuer. Dieselbe beträgt ungefähr 2000 Francs jährlich, wird aber fast ganz zur Bezahlung von 4 Schochti m verwendet, von denen der eine in Jerusalem pensionirt lebt. Bei Gelegenheit der Feste wird eine Collecte veranstaltet, die sehr wenig bringt, der Betrag wird unter die Bedürftigen vertheilt. Vor Kurzem haben einige gutwillige junge Leute zwei Wohlthatigkeitsgesellschaften gegründet. Eine jede zählt 70 Mitglieder mit einem jährlichen Beitrag von 25 Piaster (Francs 5 25). Es bleibt zu wünschen, dass sie gedeihen, denn es gibt nichts Traurigeres, als eine Gemeinde ohne diese schutzbringenden Einrichtungen. Es gibt drei Synagogen. Die beiden ältesten und bedeutendsten heißen: ״Gadol" und ״Schalom". Die dritte ist vor Kurzem gegründet worden, und ihre Revenuen werden zu Gunsten der Schule verwendet. Es gibt außerdem noch drei Betstuben. Diese Tempel bieten kein bauliches Interesse. Der Tradition zufolge wäre die Synagoge ״Gadol" bald nach der Eroberung der Insel Suleyman gedründet worden. In einer Nische bemerkt man eine Flasche mit Oel, von der man die verschiedensten Wunder erzählt, wie über- Haupt Rhodus die Heimat aller Aberglauben zu sein scheint. So hat man mir von einem dortigen Juden erzählt, der, als er sich den Bart abnehmen ließ, so vielen Nergeleien ausgesetzt war, dass er schließlich zum Islam überging. Andere Uebertretungen hatten keinen anderen Grund. Als Schutzmittel gegen den bösen Blick benützt man in Rhodus Agavenblätter (man nennt sie ״simpre viva"), die man in Wohnungen und sogar in Läden aufhängt. An anderen Orten des Orient nimmt man zu diesem Zweck Knoblauch oder Kampferzweige. Verschiedene Krankheiten werden behandelt durch absolute mehrtägige Abschließung. Man sieht überall böse Geister, die man durch verrückte Sitten zu bannen denk(. Ich muß hinzufügen, dass die anderen Gemeinden der Insel in denselben Ideen befangen sind, doch, wie ich bereits erwähnt, gibt es in Rhodus einzelne hervorragende Persönlichkeiten, die eine Ausnahme bilden. Aus Vorstehendem kann man sich einen Begriff von der Intelligenz und Moral dieser Bevölkerung machen. Das materielle Leben ist ein so elendes, dass die Sorge um den nächsten Tag kaum nennenswerth ist. Mit Ausnahme einer kleinen Anzahl von Kausienten und Wechslern sind die anderen Juden Händler, es befinden sich daranter einige Schuhflicker, Btechschläger, Schiffer. Dank den anhaltenden Bemühungen einiger aufgeklärter Männer, ist es gelungen, in Rhodus eine kleine Schule zu gründen, die vielen Wechselfällen ausgesetzt war wegen des Widerstandes eines Theiles der Bevölkerung und Mangels an Mitteln, trotzdem wird diese Anstalt von allen Behörden und Aufgeklärten hochgeschätzt. S. E. Kimail Bey, früherer Gouverneur von Rhodus, hatte der Schule einen vorzüglichen Lehrer der türkischen Sprache verschafft, der noch im Amte ist und vom Staate bezahlt wird. Der heutige Director ist ein früherer Schüler der Allianceschute in Dardanellen. Er ist thätig, besitzt genügende Bildung rmd eine gute Methode; er lehrt mit Erfolg die meisten pädagogischen Fächer und wird binnen Kurzem, in Smyrna oder Constantinopel seine Prüfung ablegcn. Der hebräische Lehrer ist ein junger aus Smyrna stammender Mann, der gut nach neuen Methoden unterrichtet. Das Local ist nicht sehr groß, genügt aber für die heutige Anzahl der Schüler. Dieselben betrugen zur Zeit meiner Anwesenheit in Rhodus 55 und wurden in drei Claffen getheit: 9 in der 1, 15 in der 2., 31 in der 3. Unter diesen Schülern im Alter von 7 und 16 Jahren sind 8 Mohamedaner, 1 Grieche und 3 junge Mädchen. Ich war hefriedigt von dem oberflächlichen Examen, welchem ich einige Schüler unterzogen; sie sehen sämmtlich intelligent und begabt aus. Infolge der bei einigen Eltern gemachten Schritte wird die Zahl der Schüler von jetzt ab 80 betragen. Leider beträgt das Schulgeld lächerlich wenig. Die Wohlhabendsten zahlen 21 Francs, die meisten 10 Francs 50 Centimes jährlich. Das Comite versichert, dass wenn dieser Preis erhöht würde, viele Schüler t wegbleiben würden.! Nach einem bedeutenden Erdbeben, welches im Jahre 1864 1 die Insel heimgesucht hatte, sandte der verstorbene Baron James von Rothschild und der Graf Abraham von Camondo namhafte Unterstützungen, die durch den verstorbenen Moses Menasche ver-