Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 35 (28.10.1888)
- Date
- 1888-10-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 — würde also für den reizbaren, leicht in Versuchnng gerathenden Andächtigen heraufbeschworen werden und schließlich die Andacht von dem zu hebenden Gottesdienst bedeutend ablenken. Ohne Zweifel würde auch die Einführung dieser Neuerung in anderen Orten, welche sie weit nöthiger hätten, Nahrung finden. Glücklicherweise ist aber in der Thal die quasi religiöse Schwierigkeit wegen der Be- Heiligung der Damen längst gehoben, da sie ja nicht als organisirte Gruppen beim Gesänge sich betheiligen sollen, sondern nur als Mitbetheiligte, nicht als Choristen, sondern gerade so, wie sie es schon bisher ohne Einschränkung und Beanstandung gethan haben werden. Der Unterschied würde nur darin bestehen, dass sie jetzt sich erst zu üben hätten, um ihre Betheiligung wirksamer erscheinen zu lassen. Wir selbst waren dieser geschickten Beseitigung einer religiösen Erschwerung schon längst zugethan und haben die Aufmerksamkeit unserer Leser schon längst auf dieselbe hingelenkt. Unglücklicherweise wurden aber die angenehmen Träume, welche die Aufforderung ״Harmouy's" erzeugt hat, grausam zerstört. Unser Correspondent hatte die Rechnung ohne den Wirth gemach! — in unserem Falle ohne Diejenigen, welche in Allem, was der Synagoge mehr Anziehungskraft verleihen kann, einen Verrath am Judenthum wittern. Der Vorschlag, Damen als Aushilfe für den Chor zu verwenden, wurde von denselben in einem' in voriger Woche veröffentlichten Schreiben als unberechtigt zurückgewiesen. Natürlich, das Gespenst, welches dieJuden im Mittelalter erschreckte, hat auch im 19. Jahrhundert die Kraft nicht verloren, Angst einzuflößen. Die Israeliten von Hyde Park und Muida Hill sind mit ihren Voreltern aus dem Ghetto in dem Glauben einig, dass die den Frauen ertheilie Erlaubnis, öffenilich in der Synagoge zu singen, den Glauben und die Religion gefährde (!?Red.) Im Festhalten an Jrrthümern übertreffen nun that'ächlich die heutigen Vertreter des Judenthums ihre mittelalterlichen Vorbilder. Sie wissen, dass heutzutage Frauen in der Synagoge singen; sie wollen nur das. Factum nicht anerkennen, weder dadurch, dass sie dieselben als Stützen des Chores betrachtet wissen wollen, noch dadurch, dass sie ihnen den Mund förmlich schließen. Die geheime Geschichte dieser Baysvater Fehlgeburt würde, wie wir vermuthen, eine interessante Lectüre abgeben. War das ״unberechtigt" der Opponenten nur ein Schreckschuß? Oder hat Jemand mit Kreide hineingemalt: ״Keine Bigotterie!" und hat dann Reißaus genommen? Von welchem Gesichtspunkte aus wir die Angelegenheit auch betrachten, sie ist so unerquicklich, dass wir gern von ihr Abschied nehmen. Wir verweilen daher lieber bei einer andern Frage, welche durch sie hervorgerufen wird, weisen zum hundertsten Male auf die dringende Nothwendigkeit hin, im Synagogengesange eine Vervollkommnung herbeizuführen, sei es auch, aus welchem Wege es wolle. Dass der gewöhnliche Synagogenchor, wenn auch wohlgeschult und wirksam, nicht im Stande ist, ohne Unterstützung den musikalischen Anforderungen zu genügen, ist eine Thatsache, welche der Betende, durch traurige Erfahrungen veranlasst, nie und nimmer hinwegleugnen kann. Es ist nicht möglich, dass einige Männer, und Knaben, welchen in der Regel die Anfangsgründe der Musik nicht bekannt sind, in einem weiten Raume auch nur die einfachsten Gesänge mit Würde und Nachdruck vortragen können. Wenn, wie dieses nur zu häufig der Fall ist, die Melodien zu gekünstelt und verwickelt sind, so erreicht die Schwierigkeit des Vortrages manchmal einen so hohen Grad, dass der Chor in die Gefahr des Steckenbleibens geräth. Wir würden erstaunen, wenn unsere Leser nicht im Stande sein sollten, diese Behauptung durch Beispiele aus den während der jüngsten Feiertage in ihren Synagogen gemachten Erfahrungen zu unterstützen. Der Chor wird zu oft für Fehler verantwortlich gemacht, die man ihm eigentlich gar nicht anrechnen kann. Wir fordern von einer höchst schwachen Maschine, dass sie eine Riesenlast bewege, und dann schmähen wir dieselbe, wenn der unvermeidliche Krach erfolgt. Der Fehler liegt in dem System. Wenn der Synagogengesang unbefriedigt lässt, so liegt dies daran, dass die Gemeindeglieder keine Schritte thun, ihn besser zu machen. Chordirigent nnd Sänger machen es so gut sie können; daher kann das Geschrei über ihre Leistungen, wenn diese ohne den gewünschten Erfolg bleiben, nur dazu beitragen, den Mangel an Harmony noch zu steigern. Soll der Synagogengesang verbessert werden, so müssen wir logisch verfahren. Da die schwache Seite im Chor liegt, so müssen wir dahin streben, diesen zu stärken oder ihn eines Theiles feiner Bürde zu entlasten. Kann beides zu gleicher Zeit geschehen, dann ist's um desto besser. Freiwillige Hülfe ist hierzu uuerlässlich. Männer und Knaben würden für diesen Zweck sich nun vorzüglich eignen, wenn sie auszutreiben wären und, wenn einmal gewonnen, man sie auch festhalten könnte. Aber unabhängige mäunliche Chorisien rechtfertigen diesen Titel dadurch, dass sie zeigen, dass sie auch unabhängig sein wollen, d. h. dass man sich auf sie nicht verlassen kann, ebenso wie dieses bei den unabhängigen Mitgliedern politischer Vereine der Fall ist. Geschäfte nehmen sie zu sehr m Anspruch und verhindern, sie den Uebungen, durch welche wesentlich der Erfolg des Chors bedingt ist, die gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Das zarte Geschlecht dagegen hat mehr Muße und, wie wir hinzufügen dürfen, mehr Begeisterung und Ausdauer. Wenn daher irgend etwas gethan werden soll, den Chor zu kräftigen, so müssen wir uns nach weiblichen Kräften Umsehen, um durch sie den Chor zu unterstützen. Die Rekruten brauchen weder Barett noch Amtsrock zu tragen; auch ist es weder unbedingt nöthig, dass sie ihren Platz auf dem Almemor haben, oder in einen besonderen Käsig hinter der Bundeslade eingeschlossen werden. Nur ihre Mitwirkung ist wünschenswerth, und trotz des Bayswater Fiaskos wird man die Noth- Wendigkeit dieser Praxis früher oder später anerkennen. Ferner wird der Synagogengesang nie den ihm gebührenden Grad der Vollkommenheit erreichen, bis er gleichbedeutend mit Gemeindegesang geworden ist. Der Jrrthum, welchen wir bisher begangen haben, besteht darin, dass wir den Chor als die Singmaschine angesehen haben, während er doch nur die leitende Maschine des Gesanges sein soll. Und dieser Fehlgriff hat ebensowohl die Erbauung als die Aesthetik schädigende Uebel erzeugt. In alten Zeiten, als man noch keine Chöre hatte, war die Gemeinde gezwungen zu singen, und religiöse Begeisterung war die Folge dieses Zwanges. Heute, wo das Singen dem Chor überlassen ist, fällt für die Zuhörrr eines der wesentlichsten Andachtserweckungsmittel weg. Das Stellvertretungssystem hat seinen Weg von der Gesellschaft, in welcher oft nur durch Delegirle abgestimmt wird, in die Synagoge gemacht und wenigstens mit demselben unglücklichen Erfolge. Der heutige Synagogenbesucher ist gewöhnt, den Eantor und die Chorsänger als Personen anzuseheu, welche dafür bezahlt werden, dass sie ihm die Mühe der persönlichen geistigen Anstrengung ersparen. Wir beten durch Stellvertretung — rnd singen durch Stellvertretung; und doch ist das Schweig-System oft em schreckliches Uebel. Wenn aber nun die Gemeinde wieder singen soll, so muß auch die Mnsik wieder einfacher werden. Als Regel muß gelten ״Sieb״, nicht Kunstgesang — und diese Regel muß mit goldenen Lettern zum Wohl der Chordirigenten hingeschrieben werden. Wenn die Gemeinden sich des Singens enthalten haben, so geschah dies wohl zum Theil deshalb, weil die kunstvollen Chöre sie schon zum Schweigen zwangen. Wenn anstatt eines einfachen Gesanges opernartige Compositionen schwierigster Structur das große Ganze der Synago-