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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-28 · Heft 35 (28.10.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 35 (28.10.1888)
Date
1888-10-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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— 2 — sogleich der Grund zu einem baldigen Untergange der Stimme gelegt; zudem Hehen solche Fehler sehr leicht auch in die Sprache über, statt dass umgekehrt der richtige Gebrauch der Stimme eine richtige Sprachbildung befördern sollte. Ferner wirken die im Gesang streng zu beobachtenden Wort- und Satz-Accente zur gründlicheren Erkenntnis der eigenen Sprache trefflich mit, wahrend die Nichtbeachtung dieser Accente im Gesang auch die Sprache selbst bald monotoner und schläfriger gestaltet. Sodann geht allredings mit der Bildung des Verstandes fast von selbst auch die Bildung des Gefühles Hand in Hand; aber nur zu leicht erhalt die Verstandesbildung durch den Blick aus das praktische Leben ein einseitiges Uebergewicht. Wenn dagegen von Jugend aus in einem guten Gesangunterricht die zu offenbarenden reinen Gefühle deutlich veranschaulicht, aufgeklärt und belebt werden, so ist jener Einseitigkeit um so eher von Anfang an vorgebeugt, als fast jedem Menschen eine innere Lust und Liebe zum Gesänge angeboren ist. Ja wie die Ausbildung aller übrigen Anlagen, so gehört auch die Ausbildung dieses Talentes von Jugend auf mit zu einer harmonischen, universellen Ausbildung; und da durch eine verkehrte Art des ersten Unterrichts im Gesänge nicht blos die angeborene Liebe zu dieser Kunst unterdrückt, sondern auch für das Stimm- und und Sprachorgan großer Schaden sür's ganze Leben angerichtet werden kann, so dürste es nicht ohne großen Nutzen sein, wenn auch Ln den Schulen nur solche Männer zu Gesanglehrern berufen würden, welche durch eigene gründliche Kenntnis der Gesangsfunktion, Aus- Lildung der eigenen Stimme und gediegene allgemeine Bildung sich als ihrer großen Aufgabe gewachsen gezeigt haben. In allen andern Schulfächern wird nur den Bewährtesten das Lehramt zugetheilt, im Gesangnnterricht aber war es bisher fast allenthalben dem Zufall überlassen, ohne Ueberzeugung von der Kenntnis und Tüchtigkeit des Lehrers, ohne eine vorhergegangene Prüfung. Und doch besteht die Gesangkunst nicht allein in einem gewissen Grade allgemeiner musikalischer Bildung, sondern vor Allem in einer wissenschaftlichen Einsicht in den ganzen Stimmorganismus und dessen unsichtbare Funktion, und in der Fähigkeit, dieselbe selbst zu vollziehen. Der Gesang ist kein zufälliges Spiel, sondern eine aus Wissenschaft gegründete gesetzmäßige Kunst, welche vom Herzen zum Herzen spricht und so den inneren Menschen bildet. Wir achten darum Jeden, welcher für einen wahrheitsgetreuen schönen Gesang begeistert ist, denn es zeugt von reger Liebe zum Wahren, Guten und Schönen. (Schluss.) Der SyMgsgengesang. Von L. Cohen, Lehrer in Rees a. Rhein. Chorgesang oder Gemeindesang? — Das ist die Frage, welche noch immer der Enffcheidung harrt. Wahrscheinlich wird es aber noch eine geraume Zeit dauern, ehe sie zur befriedigenden Erledigung gelangt. Wenn auch diese geschätzten Blatter oft den Anlauf gmommen haben, sie zum Austtag zu bringen, ein Erfolg hat sich bis heute nicht gezeigt. Größere Gemeinden, denen die nöthigen Kräfte zur Verfügung stehen, haben ihre geschütten Chöre, und diese bewachten ihre Function als ein Monopol, das keinen Eingriff duldet. Der Gemeinde ist es nur gnädiglich gestattet zu lauschen, zu bewundern, und wenn sie will, sich zu langweilen oder auch — zu schlafen. Dies kann aber durchaus nicht der richtige Weg sein, die Gotteshäuser zu Mm. Die Besucher wollen durch Mitbetheiliguug an den gottesdienstlichen Verrichtungen entschädigt werdenund ebenso, wie es sich in ihnen regt, ihren Gefühlen und Empstndungen im stillen Gebet, einen Ausdruck 4U gOerr, ebenso wollen sie dieses auch durch ihre Theilnahme an dem. gesanglichen Theil der Liturgie. Wir sehen dieses am, besten in den kleineren Gemeinden, welche keinen geschulten Chor haben.-'Wie drängt es da nicht einen Jeden, sich einmal hören zu lassen? Und wie dankbar acceptirt nicht mancher Cantor, besonders an den hohen Festen, die freiwillige Hilfeleistung der ihn ' unterstützenden Gemeindeglieder? Dieser Umstand allein zeigt zur Genüge, dass dem Bedürfniße der Gemeinde Rechnung getragen werden muß, soll auch für sie die Theilnähme an öffentlichen Gottesdiensten aus dem Zustande der Passivität heraustreten. In christlichen Kirchen singt die Gemeinde, warum sollte es nicht auch in den Sy!agogen geschehen? Dort singen auch die Priester, die Prediger, die Mitglieder des Kirchen- Vorstandes, der Küster und die übrigen Functionäre. Warum sollte nicht in der Synagoge auch der Rabbiner und der Vorstand singen dürfen, wenn sie auch eben nicht Mitglieder des Chores sind! Oder sind diese blos zum Zuhären und kritisiren da? Es dürfte die geschätzten Leser villeicht interessiren, über diese wichtige Frage eine Stimme aus London zu hören, die nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten den einzig richtigen Wtg zeigt, allen Anforderungen gerecht zu werden. Indem ich die betreffenden Artikel aus dem ״Jewish Chronicle" in wortgetreuer Uebersetzung ohne Rommentar mittheile, verwahre ich mich gleichzeitig gegen den Vorwurs, als wollte ich auch der in derselben empfohlenen Betheiligung weiblicher Kräfte das Wort reden. Es enthalten aber die Artikel des Guten und Richtigen so viel,, dass sowohl streng conservative, als auch Reformgemeinden aus denselben Vortheil ziehen können. Deshalb sei ihr Inhalt in extenso allen Interessenten bestens empfählen. E r st e r A r t i k e l: An den Redacteur des ״Jewish Chronicle!" ״Es wird Ihnen gewiss angenehm sein, zu hören, dass eine Bewegung im Gange ist, den Gemeindegesang in der Bayswater Synagoge durch geübte weib, liche Stimmen zu unterstützen. Diese Synagoge hat einen sehr guten Chor unter Leitung des Herrn A. de Barathy; aber man fühlt doch, dass es die Po'.itur der Musik sehr erhöhen würde, wenn Damen mit guten Stimmen (und deren gibt es viele) ermuntert und gewöhnt werden könnten, sich an dem gesanglichen Theil des Gottesdienstes zu betheiligen. Zu diesem Zwecke soll eine eigene Damenabtheilung gebildet und eine Anzeige in Ihrem Journal veröffentlicht werden, wodurch befähigte Damen eingeladen werden sollen, an diesem schönen Werke sich zu betheiligen und der Uebungsktasse sich anzuschließen. Es wird dabei beabsichtigt״ die Damen von ihrem Platze mitsingen zu lassen. Hoffentlich wird dieser Aufforderung entsprochen werden und die Einrichtung auch in anderen Synagogen Nachahmung finden. ״Harmo n y". Zweiter Artikel: Unsere Spalten in einer früheren Nummer brachten eine Anzeige und einen ״Harmony" Unterzeichneten Brief, welche für eine große Anzahl von Personen, die sich nach einer Verollkommnung des Synagogengesanges sehnen, erfreuliche Mittheilungen enthielten. Es sollen nach denselben an den Chorgesängen in der Bayswater Synagoge sich auch Damen betheiligen, um durch dieselben den musikalischen Theil des Gottesdienstes an dieser Andachtsstätte wirkungsvoller hervortteten zu lassen. Die neuen Hilfstruppen sollen in einer besonderen Abtheilung zu diesem Zwecke herangebildet werden, aber in der Synagoge ihre gewöhnlichen Plätze nicht verlassen, während sie mit dem Chor singen. Eine angenehme Erscheinung

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