Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-28 · Heft 35 (28.10.1888) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 35 (28.10.1888)
Date
1888-10-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453165--2666-3456940
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wrärmiri erationspreis FL« V«r«inso,itgNeder. Ganzjährig fl. 5.—! Halbjährig fl. 2.50 Vierteljährig fl. l.2ö! Für Nicht«: itglieder Ganzjährig fl. 6.— Halbjährig fl. z.— | Vierteljährig fl. 1.50 Für daS Ausland Ganzjährig fl. 8.— 10 Mark oder 5 Rubel. Nr. 35. Oesterreichisch -ungarische Or g*a,n für ilie ^rrterefslen MDer ^-iUtloren uniJ ^«ltnsbeamten. Erscheint jeden achten Kag. Begründe r: Obercantor Jacob Bauer. HLedactian I und j Administration! Wien, II, Novaragaffe Nr. 27 j Inserate ) werden billigst berechnet, i Dianuscripte werden nicht retournirt. Abonnementsn. Insertionsbetraze sind in Wien ן zahlbar- Wien, 28. ßctobet 1888. 8. Jahrgang. Methodik -er Gestmgskunst. XXXXIII. Im Gesänge offenbart sich die Seele nach ihrer ganzen Tiefe; und je verständnisreicher der Vortrag und lebendiger das Gefühl des Sängers ist, desto mehr wird auch der Verstand und das Gefühl des Hörenden erregt. Die Seele des Singenden wirkt ׳ mit elektrischer Kraft auf die Seele des Hörenden, wenn auch dieser neben dem Tonsinn so viel geistige Bildung besitzt, um die Wahrheit und Schönheit des Gesanges zu erfassen. Der Gesang als lautende Seele ist zugleich ein herrliches Mittel zur Veredlung der Gedanken und Gefühle. Der Gesang, als höchste Vereinigung der Sprach- und Tonbildling, ist ohne richtige Sprache und Deklamation stets fehlerhaft; und der Zuhörer wird, statt seinem innersten Gefühle folgen zu können, durch solche Fehler des seelischen Eindruckes beraubt. Und ebenso, wenn die materielle Tonbildung eine falsche ist, tritt beim Zuhöreudeu an die Stelle der Sympathie mindestens die Gleichgil-!igkcit. Sind aber beide richtig, Wort und Ton, so kann nicht nur du׳ Seele des Sängers selbst frei walten und sich ungehindert offenbaren, sondern auch frei überfließen zum Ohr und zur Seele des Hörenden. Ton und Ohr find nur die Vermittler zwischen der Seele beider. Das Wort spricht zum Verstand, und je deutlicher und besiimmter es im Tone des Sängers hörbar wird, desto schneller wirkt es auf den Verstand des Hörenden; im Worte theilt sich der Gedanke mit. Das Gefühl aber wird hörbar durch die bei der Ausspräche des Wortes angewandte Tonfarbe und Athemgebung; und wie das Wort auf den denkenden, so wirkt der Ton aus den fühlenden Menschen. Wer innerlich von Freude beseelt ist, hat einen andern Ton, als derjenige, welchen der Kummer niederbeugt; und sogar, wenn beide undeutlich sprächen, ließe sich dieser innere Seelenzustand am Tone unterscheiden. Vor Allen! ist es der Athem, der sich von der größten inneren Ruhe bis zur höchsten Unruhe nach Freude oder Schmerz verändern kann und dadurch sogleich auch die Athemthätigkeit des Hörenden verändert. Ja eine so große Sympathie liegt im Athem, dass oft auch ohne Worte aus ih.n allein schon die Seeleneregung zu erken- :nen ist und auf den Nebenmenschen wirkt. Verbindet sich aber volllends das deutliche Wort und die entsprechende Tonfarbe mit diesem Athem, da wird Gedanke und Gefühl des Hörenden zugleich zur Thätigkeit gerufen und mit klarem Bewusstsein dieselbe innere Flamme geweckt, welche im Herzen des Sängers glüht. Das Gefühl strömt aus der Seele des Sängers ein in die Seele des Hörers; und je mehr die im WartL.. klar. und .deutlich ausgesprochene Idee den Sänger begeistert, desto mehr begeistert sie auch den empfänglichen Hörer: mit elektrischer Schnelligkeit folgt dem Ergrisfensein des Einen das Ergrisfensein des Andern. Der materielle Ton allein, ohne Seelenerr egung, ohne lebendiges Gefühl, lässt den Sänger und den Hörer kalt; , und tvenn ein solcher Ton noch so wohlklingend sein mag, er karm höchstens gefallen, niemals aber begeistern. Auch bei richtiger Intonation, Athem-Oekonomie und vollendeter Kehlfertigkeit ist der Gesang ein blos mechanisches Handwerk, wenn die Seele fehlt; und die Wahrheit des Satzes: ״der Buchstabe tödtet, der Geist macht lebendig", findet im Gesang ihren ergreifendsten Beweis. Die Kunstfertigkeit allein, ohne die Naturwahrheit seelischer Zustände, ist leere Spielerei; wo sie aber der Seele dienen soll zur klareren Offenbarung, da ist die Kunst ein treffliches Bildungsmittel für den Sänger und den Hörer. Dass >m Gesang ein bildendes Element liegt, ist allerdings schon dadurch anerkannt, dass er allenthalben in Volksschulen und Gymnasien gelehrt wird. Leider aber ist diese Gesanglehre meistentheils so beschaffen, dass der Lehrer mit dem Nstentreffen und einiger Abwechslung von forte und piano zufrieden ist: die Erklärung des innerer! materiellen Processes, die Beachtung der Wort- und Satz-Accente urrd die Erweckung der darzustellenden edlen Gefühle wird außer dern Bereich gelassen. Und doch liegt gerade in diesen Punkten das Bildende des Gesanges. Wenn sowohl die Verstandes-Anlagen durch den Stusengang von den einfachsten Lehrsächern zu den schwierigeren, als auch die leiblichen Fähigkeiten durch regelrechte körperliche Uebungen herangebildet werden: so verlangt auch das Stimmorgan des Menschen eine gesetzmäßige gründliche Ausbildung. Und wenn nun die Kinder von Jugend aus falsche Ge- \ wohnherten beim Gesänge sich aneignen, so wird dadurch gar häufig

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.