Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-10 · Heft 34 (10.10.1888) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 34 (10.10.1888)
Date
1888-10-10
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453164--2661-3456934
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Deutsch, ist der bisherige interimistische Leiter Dr. M. Brunner, ein strebsamer und mit dem Taubstummenwesen vorzüglich vertrauter PLdagoge, zum Director ernannt worden. Wien. (Der verfängliche Gesangstext). Als der deutsche Kaiser Friedrich als Kronprinz auf einer Jnspectionsreise in Schlesten kurze Zeit an einem Bahnhofe anhalten musste, wurde er von einem Verein angesungen. Der Kronprinz schüttelte sich vor Lachen. Der Tenor hatte nämlich begonnen: ״Hängt ihn auf", kraftvoll hatte der Bass geantwortet : ״Hängt ihn auf", und wiederum die Oberstimmen: ״Hängt ihn auf", und endlich das ganze Chor: ״Hängt ihn auf", dabei fuhr der Zug weiter . . . Und hinten nach sangen die fröhlichen Männer: ״Hängt ihn auf, den frischen Lorbeerkranz, dem Königssohn zum Preise, der recht nach Zollernweise" u. s. w. Me». Mittwoch den 17. d. M. 12 Uhr Mittags fuhr König Milan von Serbien in Begleitung seines Sohnes Krönprinz Alexander, sowie des serbischen Gesandten am Wiener Hofe und des Adjutanten Major Raste bei dem Portale des neuen Tempels der türkischen Jsraeliten-Gemeinde vor, um denselben zu besichtigen. In der Vorhalle des Tempels wurde der König vom Vorstände der türkischen Gemeinde, mit dem verdienstvollen Präses Herrn Markus M. Russo an der Spitze, empfangen. Auch der Bezirlsvorstand der Leopoldstadt, Herr Mumb, sowie der Polizei-Bezirksleiter, und der Erbauer des Tempels, Architekt Ritter v. Wiedenfelo, waren anwesend. Der Präses begrüßte den König mit einer Ansprache und geleitete ihn in den Tempel. Obercantor I. Bauer und Chacham Papo. erwarteten den König am Eingänge, Chacham Papo sprach den üblichen Segen und der Chor stimmte unter Orgel-und Harfenbegleitung die serbische Volkshymne an. Bei dem Altäre angelangt, wurde der König eingeladen, auf dem Ehrensitze Platz zu nehmen. Der Vorsteher, Herr Josef Eskenasy, nahm aus derselben ein Sefer- Thora und übergab es dem Obercantor, worauf derselbe einen zu diesem Behufe verfassten Segensspruch stimmungsvoll vortrug, den der König stehend anhörte. -Hiemit war der zu Ehren des hohen Besuches arrangirte kurze Festgottesdienst geschlossen, und es wurden «un die Vorstandsmitglieder, Herr Josef Eskenasy, Abr. Fiuzk, S. Asriel und Gabriel Mut dem Könige vorgestellt und der R׳»nogang zur BesichtigUilg des Tempels angetreten. Bei der Bunde5l7de geruhte der König, Herrn Obercantor Bauer mit folgenden Wor..u auzusprechen: ״Sie haben eine prachtvolle Stimme! Sind Sie ein Deutscher?" — Obercantor Bauer dankte für die ihm erwiesene, huldvolle Anerkennung, und der 'Gemeindepräses berichtete hie.auf über den veränderten Ritus der Sephardim, sowie über die vecschiedenen Institutionen der türkischen Gemeinde in Wien. Mit v'.^en Interesse besichtigte der König nun genauer die Jnnenräume und Einrichtungen des herrlichen und reich ausgestatteten Gotteshauses, das bei voller Beleuchtung einen wahrhaft feenhaften Anblick bot. — Bemerkenswerth sind die Worte, die der König während des Rundganges an seinen Sohn richtete: ״Siehst Du, mein Sohn", sprach er, ״ich habe Dich deshalb in dieses Gotteshaus mitgebracht, damit Du lernest, wie man alle Confessionen gleich behandeln und allen gleich gewogen sein soll." — Dem Präses, wie den Functionären und dem Erbauer des Tempels Dank und Anerkennung o.usspresprechend, verließ König Milan nach mehr als halbstündigem Aufenthalt den Tempel. — Nicht unerwähnt möge bleiben, dass die Chöre unter der trefflichen Leitung des Chordirigenten I. Löwit sehr exact zu Gehör gebracht wurden. Wie«. Im vorigen Jahre erklärte ein israelitischer Bürger seinen Austritt aus dem Judenthum und bezeichnete sich, da er für kein anderes Religionsbekenntnis inclinierte, als conseffionslos. Seine beiden Kinder im Alter von 6, bezw. 2 Jahren wollte er gleichfalls nicht mehr als Juden betrachten lassen. Er gerieth hierüber in Differenz mit der Cultusgemeinde und erstritt gegen dieselbe ein Erkenntnis, durch welches auch die Kinder conseffionslos erklärt wurden, da rin Uebertritt zu einer anderen Religionsgemeinschaft damit nicht vollzogen werde. Die israelitische Cultusgemeinde ergriff hiergegen Rekurs, mit dem Erfolge, dass nunmehr entschieden wurde, dass die Kinder, welche bei ihrer Geburt durch das damalige Bekenntnis des Vaters Israeliten geworden, durch dessen nachträglich ehigetrete te Confessionsllrsigkeit ihre Eigenschaft als Israeliten nicht einüüßen, vielmehr trotz des neuen confeffionslosen Charakter des Vaters fortfahren, Mitglieder der israelitischen Religionsgemeinschaft zu sein. Erst bei erlangter landesgesetzlicher Religionsmündigkeit könnte ei» Wechsel hinsichtlich ihres Bekenntnißes durch sie selbst herbeigeführt werden. Die väterliche Entschließung sei für sie unwirksam. Me» Im Tempel des Bethausvereines im 8. Bezirk erschieß wie bereits gemeldet, Herr Baron Moritz Königswarter, am Schemini-Azeres Abends zum Festgottesoienste, bei welcher Gelegenheit er den versammelten Andächtigen die Thorarolle vorantrug, alle Hakofos mitmachte und den Tempel erst nach gänzlich vollendetem Gottesdienste verließ. Am 29. v. beehrte der Herr Baron den Vereinsobmann, Herrn A. Adler, mit einem Briefchen folgenden In- Halts : Beehre mich anruhend fi. 300 mit der Bitte zu überreichen, hievon st 200 den allgemeinen Zwecken des Bethauses in der Florian!- gaffe zuzuwenden und die restlichen st. 100 nach Ihrem Ermessen zur Vertheilung unter die Functionare des Gottesdienstes zu benützen. Ich habe den angenehmsten Eindruck mitgenommen und mich gefreut, zu sehen, wie ernst die Herren Vorstände ihre schöne Aufgäbe erfassen." Aussig. ״Die hohe k. k. Statthalterei hat den Oberkantor und Seelsorger Salomon Baß als Religisnsweiser der isr. Cultusgemeinde in Aussig mit dem Beifügen genehmigt, dass dem Gonannten in dieser Eigenschaft auf Grund des § 127 des allgemeinen bürgerl. Gesetzouches auch das Recht zur selbständigen Vornahme von Trauungen in dem Zpreugel der genannten Cultusgemeinde zukommt." Aoskowih. In der hiesigen Gemeinde besteht, was sonst in Mähren, wo die religiösen Gegensätze nie so schroff hervortraten, selten der Fall ist, eine wohlorganistrte Orthodoxie, die in einem, übrigens sehr ehrenhaften, reichen, alten Mann ihre oberste Stütze hat. Da ein reicher Mann viele Freund: besitzt, wie König Salomo lehrt, so haben stch auch um diesen Herrn einige entschiedene Anhänger geschaart, unter denen einige ungarische Juden am liebsten einen orthodoxen Conventikel nach dem Muster ihrer Heimat etablieren möchten. Als nun die Neuwahlen eine entschiedene, wohlkonse.vative, aber nicht orthodoxe Vertretung ergaben, remo.,ftrierten die Orthodoxen bei der Statthaltern gegen den neuen Vorstand, weil derselbe ״die Religiosität mit Stumpf und Stil ausrotte» wolle". Als Repressalie ordnete der neue Vorstand an, dass das Schulklopfen aufzuhören habe. Das Oberhaupt der Orthodoxie stellte aber aus eigenen Mitteln einen Schulklopfer an, der vor den orthodoxen Thüren den Beginn des Sabbaths durch die hergebrachten drei Schläge mit dem Holzhammer zu verkünden habe. Der Cultusvorsteher ließ jedoch dem Schulklopfer durch die Polizei das Handwerk legen, worauf die Orthodoxen beim Bezirkshauptmann Hilfe suchten, der entschied, es dürfe ieöen;r.u.; zu jeder Zeit nicht nur vor seiner eigenen Thüre kehren, sondern auch vor seiner eigenen Thüre klopfen und klopfen lassen. Der Gemeindevorstand suchte nun durch Absetzung des Beth-Hamidrasch- Vorstandes die Orthodoxen mürbe zu machen, aber die Wühler tragen immer neuen Zündstoff zusammen, so dass das Ende des Kampfes gar nicht abzusehen ist. Hdeffa. Wie unbequem das Berühmtsein werden kann, hat kürzlich auch, wie ״Qoess. West." berichtet, der reiche Rothschild erfahren. Der weltbekannte Krösus befindet sich gegenwärtig in Odessa. Vor einigen Tagen nun baten ihn die Juden, ihre Synagoge zu besuchen, und Rothschild leistete ihrer Aufforderung Folge. Der Arme! Kaum war er in der Synagoge eingetreten, als er von einer unzählige» Menschenmenge umringt wurde. Es waren seine Glaubensbrüder» die den berühmten Landsmann udch nie gesehen hatten. Die Hintere» drängten, die vorderen stießen, jeder wollte den großen Rothschild sehen. Der Baron — bleich und in der tödtlichsten Verlegenheit — versuchte sich durch die Flucht zu retten, er entwich durch ein Seite»» gemach in den Hof und lief, so rasch er konnte. . Allein so billig entkam er nicht. Ein Theil der neugierigen Juden stürzte durch die nächsten Gaffen fort und erreichte das ״Hotel London" vor dem Flüchtling, die Uebrigen setzten ihm mit entsetzlichem Halloh nach. Vergeblich versuchte der arme Baron unterwegs in einen Thorweg zu schlüpfen. Die wilde Jagd ging bis vor die Thür des Hotels — (fahren durfte der Baron nicht, da es jüdischer Feiertag war). Vor dem Gasthause wurde der Baron von den schon harrenden und de» nachsetzenden Neugierigen mit jubelndem Triumphgeschrei in die ״drangvoll fürchterliche Enge" gekeilt . . was mit ihm nun geschehet, wäre, lässt sich nicht so leicht sagen. Zum Glück erschien auf dem Schauplatze ein Trupp Gasthofdiener, die auch, eifrig mit Fußtritten

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.