Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 34 (10.10.1888)
- Date
- 1888-10-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/1304829-3453130-3453164--2662-3456935- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
And Ellenbogen arbeitend, den halb zu Tode gehetzten ׳ Baron aus der Mitte seiner überschwänglichen Verehrer herausholten. , - Aaris. Der unlängst in Paris verstorbene Hof-Kapellmeister Jsac Strauß, welcher am Hofe Napoleons m. eine bedeutende Rolle spielte und beim' Kaiser selbst in hohem Ansehen stand, war stets ein streng religiöser Jude gewesen. In Straßburg 1806 geboren, gehörte durch seine Mutter, Tochter des Oberrabbiners Raphael, einer der ersten Familien des Elsaß an, mehrere seiner Onk-l und Vettern halten sich dem Rabbinerfiande gewidmet. 1826 kam er mit leeren Händen nach Paris, wo er sich durch eisernen Fleiß zu einer so hohen Stellung emporgeschwungen, 1869 wurde er Ritter der Ehrenlegion. Man erzählt sich von ihm, dass, als er 1830 in Plombi6res die Concerte leitete, er Samstag gegen Abend stets mit Casimir Perier vor dem Casino auf- und abgieng und den Sternen- Himmel betrachtete, bis dieser zu ihm sagte: ״Nun mein junger Freund, Sie können jetzt Ihre Violine zur Haud nehmen und das Concert beginnen, der Sabbat h ist zu Ende, ich sehe drei Sterne am Himmel." Als er 1862 und 1863 die hohe Ehre hatte, . seine Villa in Vichy dem Kaiser Napoleon zur Verfügung stellen zu dür- ' fen, bat er den Grafen Lepic, die Mesusoth au den Thüren nicht wegzunehmen und im Arbeitskabinet des Kaisers die alte jüdische Sabbathlampe, die er von seinen Großeltern geerbt, zu belassen. Er war ein eifriger Sammler jüdischer Antiquitäten, und feine Collection erregte in den Pariser und Londoner Ausstellungen die allgemeine Aufmerksamkeit. Sein Tisck, streng koscher, war stets zahlreichen Glaubensgenossen aus Afrika und dem Orient, welche, in Vichy zur Cur sich aushielten, geöffnet. Dabei war er äußerst wohlthätig; ^vielen Familien des Elsaß in Paris und der-Provinz hat er aufgeholfen und zahlreich waren die Conzerte, die er zu Gunsten von Dohlthätigkeitsansialten aufführte. Er war der Begründer der ״muffkalischen Künstlergesellschast", die seinen Namen Irägt. An die Mitglieder des öftere. u»garischen Cmitoren-Vereines. Ein Veremsmitglied, das seit Gründung des Verreines demselben angehört, Herr Cantor Benedict Tritsch Ln DöLLtschen, ist durch Alter und Krankheit berufsun- Eähig geworden, und an die Schaar der Vereinsgenossen tritt die heilige Pflicht heran, ihrem Collegen. helfend und stützend beizustehen. Die P. T. Mitglieder werden darum im Sinne des § 9 unserer Statuten aufgefordert, umgehend ihren Pflichtbeitrag an den Vereinscassier, Herrn Cantor M. Blatt, 2. Bez., Tempelgaffe Nr. 3, einzusenden. Aer Worstand des ״Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines". Wien, am 17. October 1888. Der Baal-Thepilla. Von M. I. Rabbinowitsch. Aus dem Ruffischen von A. Levin-Sagan. (Autorisirte Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) l19. Forschung.) XI. Der Morgen des folgenden Tages brach an, und wieder begaben sich Alle noch vor Sonnenaufgang in die Synagoge. Derselbe Verkehr ' aus den Straßen,. d ieselben verzweifelten Schreie der zu Haus - gebliebenen Kinder. Das Bi ld Hat sich nur darin geändert, dass Alle ihre Bücher unter dem Arm tragen und Niemand sein Taschentuch um das Knie oder die Taille gebunden hat, da man es heute in der Tasche tragen durste. ‘. R. Boruch. erfüllt abermals die Synagoge mit jenem Geräusch, das von ausgeschütteten Erbsen verursacht wird, drei bis vier Stunden lang, bis das Schachariß-Gebet zu Ende ist. Die Männer gehen zum großen Theil in die ״Mikwah" vor den ״Tekios", die Frauen nach Haus, um nach der Anrichtung des Mittagessens zu schauen, und die Jugend, um etwas zu genießend Auch' ich gehe natürlich nach Haus, um mich zu stärken angesichts der bevorstehenden Mühen und Arbeiten. Das Schweigen ist bei uns noch düsterer und koncentrirter. noch fieberhafter die Bewegungen der Tante. Nachdem ich . etwas zu mir genommen, gehe ich wieder in die Synagoge. Auf der Straße herrscht ungewöhnliche Bewegung; Alle hasten mit abgehetzten Gesichtern einher, sich , nach nichts und Niemand umschauend, nichs beachtend, als wären sie durch irgend ein Ereignis besonders stark erregt oder mit einem bedeutenden Gedanken beschäftigt. In unserer Synagoge herrscht ein dumpfes Summen. Die Mitglieder. sammeln. sich, setzen sich geräuschvoll aus ihre Plätze, werfen die Talleßim um und blättern in den Gebetbüchern. Jetzt tritt Reb Awner, mit dem weißen Kittel bekleidet, an den ״Schulchan"; nach ihm mit Thoraröllen im Arm, R. Chone und R. Awrohom und dann mit ihren Gebetbücher in der Hand und in diese ganz versenkt — Reb Peßach und Reb Alter; zuletzt folgt Reb Leibisch, mit dem Schofer in der Hand. Alle nahmen die Betmäntel über den Kopf, dass ihre Gesichter nicht zu sehen sind; sie bewegen sich mit der Langsamkeit einer Leichenprozession und bleiben am ״Schülchan" in einer Reihe stehen. Eine förmliche Grabesstille tritt nun ein,, so dass man den - tiefen Athem Vieler hören kann, nur das unterdrückte Schluchzen irgend eines armen Menschen an der Thüre, das laute Weinen in der Frauenschul oder der tiefe Seufzer aus einer gepressten Brust unterbrechen bisweilen diese erschütternde Stille, und dann ist wie- der Alles verstummt . : . Da aber ertönt die Stimme Reb Awners — dumpf, wie aus dem Grabe — die laut, weit tönend ruft: »Lamnazeach Liwne Korach Mismor!« . . Und »Lamnazeach« fallen alle Beter und Beterinnen wie ein Mann. ein, und in einem Moment ist die Synagoge erfüllt von einem furchtbaren Brausen und Stöhnen, wie wenn die ganze Menschheit soeben, den Untergang der Welt erfahren oder ihr Toocsurtheil vernommenhätte und durch ihr verzweifeltes Flehen das Ueb:l abzuwenden, versuchte. Alll diese Hunderte von Herzen scheinen zu Einem Ganzen verschmolzen : alle auf ihnen lastenden Sorgen, alle schweren Prüfungen des Lebens zu Einem, die ganze Welt umfassenden, . ungeheuren Unglück; alles Stöhnen und Jammern zu Einem furchtbaren, endlosen Gelöse; alle Thränen zu Einer stürmisch-wogenden- Fluth Und sie schäumet und brauset und woget und stöhnet, die wällende Fluth und zerstiebt dann in Millionen schäumende Atome, die Luft erfüllend und verdickend. So geht es sieben oder acht Minuten fort . . . Und wieder ist es ruhig, tritt jene Grabesstille auf einige Minuten ein. Und wieder spricht jene überirdische Stimme die ersten Worte eines Gebetes, fällt die Gemeinde mit demselben Geräusch ein — und dasselbe Stöhnen und Schluchzen, dem Rauschen des wildbrausenden Meeres gleich, erfüllt die Luft . . . Dann tritt abermals Stille .1 ein. Alle holen Athem, räuspern sich und ordnen die verschobenen Betmäntel und Mützchen. Mit vibrirender Stimme spricht Reb Leibisch den Segen, auf welchen die Gemeinde ״Amen" sagt,: trotz der Proteste von Seiten Reb Chones, Reb Bärkens und Andere, da man aus unbekannten Gründen auf diesen Segenspruch ״Amen" nicht sagen darf. . . , Und wieder herrscht größte Stille, die plötzlich unterbrochen wird von Reb Awnern, welcher mit leiser,-überirdischer Stimme unter seinem Tallis tust: »Tekio, Teruo« u.s. w., und diesen ,Angaben gemäß erfüllt der Schofar die Synagoge mit feierlichen, klaren Tönen. . , Und unter diesen nationalen Klängen,' die dereinst in den Lagern Israels zum Anrücken gegen die Mauern der Städte Kanaans