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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-10 · Heft 34 (10.10.1888) · p. Seite 4

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 34 (10.10.1888)
Date
1888-10-10
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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In Lexos gibt es nur 3 aus Rhodus stammende Jsraeliteu, die an den Festtagen nach ihrem Heim zurückkehren. Fast die ganze Bevölkerung dieser Insel ist griechisch. Die meisten khatkräftigen Männer gchen nach Egypten, wo sie den Verband der Materialwaarenhändler bilden, so dass ihre Familien allein auf der Insel Zurückbleiben. Die jüdische Gemeinde in Rhodus ist höchst interessant. Die Stadt zählt nur 11,000 Seelen wovon 3106 Israeliten. Die Gesammtbevölkerung der Insel beträgt augenblicklich 28.000 Seelen, worunter. 4000 Mohamedaner und 13.000 Griechen. Die Juden, wie auch ein großer Lheil der Mohamedaner, sind auf das Innere der Citadelle beschränkt. Daher bietet auch ihr Stadtviertel den Anblick eines wahren Ghettos. Auf der Fatzade einiger ihrer Häuser sicht man noch die Marmorwappen der Großmeister. Die Mauern sind mitunter mit Zinnen versehen und von enormer Dicke. Sie sind nicht mit Kalk beworfen, wie in den meisten Städten des Orients, was ihr Aussehen verdüstert. Im Allgemeinen hat das Innere der Häuser nichts Behagliches; sie bestehen zumeist in einem einzigen Raume ohne Dielen, der Boden ist mit Steinen ausgelegt, diese Pflasterung wird auch zu Stockwerken angewendet, wenn solche vor- Händen sind. Jeder ist Besitzer seines Häuschens: eine jährliche Micthe von 150 Francs genügt dem Fremden,, der sich in Rhodus niederlässt. Ein ganzes Haus, (wenn man diesen Namen einer so Primitiven Behausung verlechen darf) ist mit 3000 bis 4000 Francs zu bezahlen. Das Familienleben ist ein ganz patriarchalisches; die verheirateten Söhne verlassen nicht das väterliche Haus; die jungen Leute heiraten gewöhnlich mit 18 und die Mädchen mit 15 Jahren; die Folge davon ist eine Degeneration, die auf allen Physiognomien zu bemerken ist. Der Typus hat nichts regelmäßiges und weist ein leidenschaftliches Naturell auf. Der allgemeine Ausdruck der Gesichter ist ein intelligenter aber kein sanstmüthiger; die Kleidung ist dieselbe wie in Smyrna, mit dem Unterschied, dass in Rhodus die Frauen weniger dem Luxus huldigen und sich nicht mit Schmuck behängen. Alle bedecken sorgfältig ihre Haare, aber nicht den Busen. Die jungen Leute tragen seit einiger Zeit europäische Kleidung, ersetzen aber den Hut Ln vortheilhaster Weise durch den Fez. Die ältern Leute sind alle orientalisch gekleidet, was ihnen ein feierliches Ansehen gibt. Ich hatte Gelegenheit, einer Hochzeit beizuwohnen. Die Braut trug außer dem neueingeführten Orangenblüthenkranz einen so dichten Schleier, dass es unmöglich war, ihre Züge zu unterscheiden. Die Eeremonie gleicht allen derartigen im Orient. Auch während der sieben Tage der Chuppa werden reichliche Trinkgelage und Localtänze äbgehalten, denen man zusehen kann, wenn man durch das Viertel geht, da Fenster und Thüren offen stehen und die meisten Häuser keine Flur haben. Jedes. Geschlecht tanzt für sich; die Tänze bestehen Ln wieg enden Bewegungen, die von einem Orchester begleitet werden, welches aus einer Violine, Mandoline und einer baskischen Trommel oder Pandero besteht. Me, in einem Winkel zusammengekauerte Weiber singen jüdisch-spanische Gelegenheitslieder, deren Stil aus ein großes Alter deutet. Man hat mir erzählt, dass diese Matronen bei Trauerfeierlichkeiten sehr originelle Elegien zu verfassen verstehen, die die Verdienste des Verstorbenen feiern. Sie verrichten dann das Amt der Klageweiber der Bibel, wie man denselben noch in arab ischen Gegenden begegnet. ז Auch der Verlobung eines jungen Mannes aus guter Familie habe ich beigewohnt. Diese Feier findet stets des Abends nach dem Gebet statt. Zuerst begibt man sich in das Haus der Braut. Es ist ein junges, dreizehnjähriges Mädchen; sie trägt ein cremefarbenes Kattunkleid, ein Halsband aus österreichischem Goldstücken im Werthe von 100 Francs und Pantoffel auf. den Füßen. Nach-, dem man die traditionellen Süßigkeiten servirt hatten die (meisten berühren dieselben nicht; wenn das Tablett präsentirt wird, so begnügt man sich, die Hand an den Kopf zu führen)- begibt man sich nach dem Hause des Bräutigams, indem die Braut zurückbleibt. Musiker und Fackelträger gingen voraus, dieselben spielten auf dem ganzen Wege. einen französischen Gassenhauer. Es war eine wahre Proceffion durch das israelitische Viertel; der Brautigam trat uns mit seinen Gästen entgegen. Es ist einjunger sechszehnjähriger Mann, der den Kaftan trägt; man geht zum Oberrabbiner. Stehenden Fußes wird der Ehevertragaufgesetzt; der Bräutigam und der Vater der Zukünftigen nehmen den Vertrag an sich. Letzterer verpflichtet sich, seiner Tochter 60 Pfund, (ungefähr 1300 Francs) als Mitgift zu geben, außerdem 200 Francs als ״Befamano". Im Falle, dass einer der Kontrahenten zurücktritt, wäre eine Entschädigungssumme vou 1500 Piaster (360 Fr.) zu bezahlen. Alsdann macht der Bräutigam eine» Rnndgang im Saale, küsst die Hand der Anwesenden und erhält von jedem ein Goldstück. Der Großmüthigste gibt bei dieser Gelegenheit höchstens 50 Centimes. Mau servirt die Süßigkeiten, der Zag gestaltet sich von neuem, und Jeder kehrt nach Hause zurück. Die bis zur Heirath festgesetzte Zeit ist drei Jahre. Inzwischen sehen sich die Brautleute wenig oder gar nicht. Die Stadt Rhodus bietet so wenig Hilfsquellen, dass ein Theil der. thatkräftigsten Männer gezwungen ist, sich außerhalb Existenzmittel zu verschaffen. 400 junge Leute oder Familienvater (Israeliten) verlassen die Stadt, um sich zumeist als Händler in den Dörfern der Insel oder auf der Küste Anatoliens zu zerstreuen, dem tödtlichen Klima und den größten Entbehrungen ausgesetzt. Nur der Gelegenheit der Feste kehren sie an' den eigenen Herd zurück; leider oft sieht man sie nur als Leiche wieder. Sie erliegen den Strapazen oder den ansteckenden Fiebern, die sie verzehren. Es entsteht daraus,-dass die Zahl der Witwen und Waisen eine größere ist als anderswo. Montag, am Vorabend vor Pefsach, Nachmittags 5 Uhr, wohnte ich einem rührenden Vorgang bei. Am Meeresnfer spazieren gehend, erblickte ich am Horizont ein ganz beflaggtes Schiff. Die Menge eilt herbei, lauter Frauen und Kinder; ich erfahre, dass das Schiff die armen Händler, die die Osterfeiertage bei den Ihrigen zubringen wollen, zurückbringt, ihnen gelten die Flaggen. Sie steigen aus, Pakete, Lebensmittel mitschleppend, zur allgemeinen Freude. Sie sind blass und sonnverbrannt. In diesem Augenblick scheinen sie das Elend ihres Lebens zu vergessen. Die Wohnung ist sauber, heiter, geschmückt. Der Tisch ist bereits znm Seder vorbereitet. Die Thüren stehen w it offen, so dass Vorübergehende diese bescheidenen Haushaltungen, die jedoch ein festliches Gepräge tragen, überblicken können. Die Nachbarn versammeln sich zum Seder. Man sieht in einzelneu Höfen bis zu zehn Familien, alle an besonderen Tischen. Man sitzt auf der Erde, auf Divans oder Kissen mit gekreuzten Beinen.- (Schluss folgt.) ' Kleine Chronik. Men. An Stelle des langjährigen, nunmehr auf eigenes Ansuchen in den Ruhestand versetzten Directors des allgemeinen öfterreichisch-israelitischen Taubstummen-Jnstitutes, kaiserlichen Rathes I.

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