Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-10 · Heft 34 (10.10.1888) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 34 (10.10.1888)
Date
1888-10-10
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453164--2659-3456932
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

./ — 3 — -ch Gefühls erstreben. Nur fie zu erreichen,. muß aber vor Allem I hie materielle Stimmbildung eine richtige sein; die Töne des San- Zers müssen nach Umfang und Klangfarbe natürlich sein. Wollte rin Sänger in höheren oder tieferen Tönen sich bewegen, als ihm der natürlich-einfache Gebrauch seines Organs erlaubt, — oder eine andere Klangfarbe, ein anderes Timbre sich angewöhnen, als sein Stimmcharakter mit sich bringt: so entstände schon ein materiell unnatürlicher und daher unschöner Gesang: ebenso darf der Sänger die ihm verliehene Athemkraft nicht überschreiten wollen, sondern muß sowohl beim zartesten piano, als beim kr ästigsten körte das natürlich richtige Athemmaß kennen und anwenden. Je naturwahrer der Gebrauch der Stimme ist, desto wahrer kann dann auch die Seele aus ihr hervorleuchten. Wir wissen auch schon, dass der Sänger selbst das kleinste Lied so wiederzugeben hat, wie wenn er selbst in der dem Text gemäßen Situation sich befände. Das Verständnis des Textes allein reicht aber dazu noch nicht hin, vielmehr muß die Seele des Sängers selbst innerlich erregt fein, gemäß dem aus der beschriebenen Situation folgenden Gefühl. Das in den Worten liegende Gefühl muß in derselben Weise, wie es den Dichter und Componisten erfüllte, auch im Sänger wieder lebendig werden: eine innere Flamme, die in den Tönen nach außen sich ^verbreitet und mit derselben Macht zündet, wie sie im Herzen Sängers stammt. Die innere Lebendigkeit des Gefühls, sowie die Schnelligkeit des Uebergehens von einem Gefühl zu einem anderen, muß der Lehrer bei seinem Schüler zu erwecken wissen, indem er, wie bei der Stimmbildung auf das leibliche Organ, so hier auf die geiftig-leib- ^iche Constitution des Schülers, auf das angeborene Temperament, veredelnd einwirkt. Der Sanguiniker bringt schon von der Natur eine fröhliche Lebendigkeit und Schnelligkeit im Wechsel der Gefühle mit sich : aber weil der eine Eindruck schnell den anderen verdrängt, so wird die leichte Empfänglichkeit gar oft zur Flüchtigkeit. Ganz anders der Melancholiker! Das Gute an ihm ist die Tiefe, er erzeugt in seinem eigenen Innern eine Welt, reproducirt -die Welt und die . sie bewegenden Gedanken in sich : aber nur zu leicht geht diese Tiefe in unfrilchtbare Träumerei. Unzufriedenheit und Trübsinn über. Der Sinn des Cholerikers sodann ist immer auf's Schaffen und Wirken gerichtet, aber die Kraft zum Handeln, der Muth gehen leicht über in Gewaltthätigkeit und Trotz. Und das Phlegma endlich steht allerdings gewissermaßen zwischen inne, zwischen den drei anderen Temperamenten, hält die Mitte zwischen Erregung, Vertiefung und Thatvußerung 1111b hat daher die Grundstimmnng des Gleichmuths und der Rühe: aber die Ruhe wird nur zu oft zur Gleichgiltigkeit und Trägheit. Welches Temperament, möchte man fragen, ist also wohl für den Sänger das beste? Der Sänger muß auch den Charakter der Temperamente wiedergeben können; daher muß er bereits durch seines Geistes Kraft über dem Temperamente stehen: und in der That hat auch kein Temperament einen Vorzug vor dem anderen, sondern jedes kann durch die Kraft des Geistes zu schönem Ebenmaß verar- . beitet werden. Ja! wer alle die mannigfaltigen Zustände der menschlichen Seele lebendig-hörbar in voller Naturwahrheit wiedergeben will, muß schon so weit in geistiger Bildung gekommen sein, dass er im Stande ist, seine Subjeetivität der objectiven Wahrheit unterzuordnen und sein eigenes innerstes Gefühl der darzustellenden Seelenerregung anzüschmiegen. (Schluss folgt.) Die Israeliten von Rho-us. In dem diesjährigen, kürzlich zur Ausgabe gelangten Juni- Berichte der ״Alliance Jsraelite Universelle" berichtet Herr Pariente, Director der Alliancefchule in Smyrna, über die Reise, welche er im letzten Frühjahre nach der Insel Rhodus unternommen hat. In demselben schildert er die Verhaliniße uns erer Glaubensgenossen in Chios, Lexos, besonders aber in Rhodus, wie folgt: Vmr der früheren Größe Rhodus blieben uns imposante Ruinen übrig, und als traurige Ironie des Schicksals dient heute der frühere Palast des Großmeisters als Staatsaesängnis. Trotzdem sind die Spuren der Ritterzeit noch zahlreich; man sollte glauben, dass die Türken zum Gedächtnis an die heroische Vertheidigung der Insel im Jahre 1522 die Wappen, eine Anzahl Inschriften, sowie auch einen großen Theil der riesenhaften Festungsbauten, die vom vierzehnten bis zum Anfang des sechzehnten Jahrhunderts errichtet worden sind, unberührt lassen wollen. Dies gibt Rhodus das Ansehen einer Stadt des Mittelalters mit ganz besonderem Charakter, der von seinem wunderbaren Klima und seiner reichen Vegetation noch gehoben wird. Dennoch ist es leicht zu bemerken, dass das schöne Land sich im vollständigen Rückgänge befindet, die Bevölkerung ist apathisch und nimmt in erschreckender Weise ab; es ist ihr nur um die dürftigste Existenz zu thun, ein sorgloses Elend. Der Ackerbau, der, wenn er in weniger veralteter Weise gehandhabt würde, di^ Quelle großen Reichthums sein würde, wird vollständig vernachlässigt. Der einzige Ausfuhrartikel besteht in einigen Gemüsen, die als Erstlinge nach Alexandrien, Smyrna und Constantinopel gesandt werden, so dass der Handel sehr wenig entwickelt ist. Die einzige Industrie des Landes besteht in der durch Gefangene verfertigte Einlagearbeit, der es an gewisser Eleganz nicht fehlt. Die berühmte Keramik von Lindos ist verschwunden und die seltenen Exenrplare ״als Schüsseln von Rhodus" genannt, die man heute antrifft, sind von unerreichbarem Wert; es ist unnütz hinzuzusügen, dass die ehemals so blühende geistige Cultur viel zu wünschen übrig lässt. Selbst die Griechen, die überall so lobenswerthe Anstrengungen machen, scheinen hier verhältnismäßig im Rückstand. Man hofft, dass eine neue Aera des Glücks für Rhodus beginnen wird infolge der Verlegung der hohen Behörden des Vilajet auf diese Insel. S. E. der General-Gouverneur Akiif Pascha ist von den besten Hoffnungen beseelt und entwickelt eine gewisse Thätigkeit, deren Folgen bald fühlbar sein werden. Er wird in seinem Vorhaben durch den Mutessarief Tefik Bey und die anderen Beamten seiner Verwaltung unterstützt, hoffentlich werden unsere Glaubensgenossen von Rhodos ihren Nutzen ziehen aus den öffentlichen Werken, die demnächst in Angriff genommen werden sollen. Es sott bte Jugend mittelst einer guten Erziehung für diese weit und breit erwartete Aera des Fortschrittes vorbereitet werden. Zum Zwecke, ihre jetzige Lage zu studieren, bin ich hierher gekommen. Die Neberfahrt von Smyrna nach Rhodus auf dem öfterreichischen Lloyd-Schiss dauert 26 Stunden, wenn man in Chios und Lexos angelegt. Von unseren Glaubensgenoffen in Chios, deren Lage zur Zeit der Katastrophe im Jahre 1881 beschrieben wurde, habe ich nichts zu sagen. Heute ist ein jeder zu seiner gewohnten Beschäftigung zurückgekehrt, nur wohnen sie nicht wie vor dem furchtbaren Erdbeben im Innern der Citadelle, was in jeder Hinsicht eine Wohlthat ist; Dank der Großmuth der Grafen v. Camondo ist es ihnen gelungen, aus dem Platze von Wonnaki eine Synagoge zu erbauen. Dort besindet sich auch die Talmud Thora. Um dieses Gebethaus gruppieren sich die meisten Häuser; die Israeliten zählen ungefähr 50 Familien

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.