Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 34 (10.10.1888)
- Date
- 1888-10-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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einmal an den Wochentagen sogar als Vorbeter fungiren, damit ihm nicht der ״S’char Sabbos“ zur Last - falle. Auch foDT der Chasan im Gotteshause anständig gekleidet vor Gott hintreten. Ueberhaupt in den Dörfern und kleinen Städten, woselbst der Sch’liach Zibbur zugleich Schächter und Baudek ist, soll er zum Gebete andere Kleider anlegen, und nicht diejenigen aufbehalten, die beschmutzt und. mit Blutflecken bedeckt sind, sonst könnte man auf solche die Worte des Propheten beziehen: ״Wenn ihr auch Gebete häufet, ich höre sie nicht, Jedechem Domim moleu, euere Hände sind mit Blut besteckt" (]es. 1, 15.). Das wird wohl auch jeder Verständige einsehen und anerkennen, dass der Umstand dieses erfordert. Wenn man vor einem irdischen Herrscher erscheint, da kleidet man sich sorgfältig, umso mehr soll man dieses beobachten, wenn man vor den König aller Könige hintrcten soll, um ihm Lob-, Bitt- und Dankgebete darzubringen. Und nun folgt ein Kapitel über die iVlescborerim, Chorpersonal in moderner Sprache genannt. Der Verfasser beginnt diese Epistel mit folgender Einleitung. So wie die Welt ohne Winde nicht bestehen könnte, welche die Lust reinigen und mit ihrem Geräusche in den Chor der Welterhaltung einstimmen, ebenso kann ein Chasan ohne Harmonie, ohne Meschorerim, keinen Effekt erzielen. Aber die Lkeseborerim dürfen nicht als Mesorerim (Abtrünnige) ausarten, welche Zechgelage besuchen, bei verdächtigen Gesellschaften sich einfinden, essen, trinken, sich berauschen, mit einem Worte ein lüderliches Leben führen, das den Weg zur Sünde bahnt. Die ganze Woche besuchen sie kein Gotteshaus, nur an Sabbat- und Festtagen begleiten sie ihre Vorgesetzten im Gesänge konzertmäßig, sind aber nicht würdig, eine heilige Stätte zu betreten. Israel ist ein heiliges Volk, so darf ein solcher Unfug nicht stattsinden und nicht geduldet werden. W ..... r. (Fortsetzung folgt.) Methodik -er Gesangskunst. XXXXIL Weil der Gesang eine Deklamation in musikalischer Form ist, haben wir früher auf die Wichtigkeit einer gediegenen musikalischen Bildung beim Sänger hingewiesen; jetzt aber, wo es auf das Derständnis des Textes und auf das Darstellen der menschlichen Seelenzustände ankömmt, tritt auch die NothWendigkeit der intellectuellen Bildung ins Licht. Ja noch mehr t wenn auch ein Sänger noch so gut musikalich und intellectuell gebildet wäre und er hätte die Begeisterung nicht für das Hohe und Erhabene, die aus dem sittlichen Bewusstsein folgende Liebe zum Wahren und Schönen: woher nähme er dann seine Ideen, wo bliebe das Kunstgefühl? Das Verständnis des Gedichtes ist somit für den Sänger unerlässlich, und zwar nicht etwa nur seinen Hauptsinne nach, sondern auch nach seinen einzelnen Theilen und deren innerem Verständnis zu einander: denn nur das richtig Verstandene kann er auch in seinen Tönen richtig wiedergeben durch verständige Wahl der Tonfärbe und der Athemgebung. Dieser verständnisreiche Vortrag reicht jedoch für -dm Sänger noch nicht aus; er soll ja die den Worten entsprechenden Gefühle so lebendig darstellen, wie wenn er selbst in dieser Lage sich befände; und dazu bedarf es des eigenen inersten Ergriffenseins vom Momente. Die Lebendigkeit des eigenen Gefühls folgt noch nicht aus dem intellectuellen Verständnis, sondern nur aus Her moralischen Bildung. Die sinnlichen Gefühle des Menschen erwachen mit der Entwicklung, der Sinnlichkeit von selbst, die geistigen Gefühle aber müssen durch Erziehung und Bildung erst geweckt und gekräftigt werden, damit sie die Sinnlichkeit beherrschen.. Za^ von dem Uebergewicht und der inneren Lebendigkeit dieser gefftigm Gefühle hangt der. Grad der eigenen Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne ab. Je mehr das Wahrheitsgefühl im Menschen waltet, desto größer wir d auch seine Lust und Freude an der Wahrheit, und seine Unlust bei dem Jrrthum und der Lüge sein; je mehr das sittliche Gefühl erwacht ist, desto lebendiger das Wohlgefallen am Guten und das Mißfallen am Schlechten. Im Wahrheits- und Sittlichkeits-Gefühl liegt so auch für den Künstler der letzte Grund seiner eigenen Begeisterung, mit welcher er die vom Dichter dargeftellten Gedanken in Gefühlsform kleidet und wieder lebendig macht. Und wenn wir nichts anderes sägen können, als dass das Wahre, das Gute und das Schöne in. ihrem tiefsten Grunde stets ein und dasselbe, und darum in sich vereinigt sind: so ist auch ohne Wahrheits- und Sittlichkeits-Gefühl kein reines Kunstgefühl denkbar. Denn wenn auch auf der einen Seite znm Schönenein sinnliches Element gehört, so gehört auf der andern Seite auch ein Gedanke dazu, eine Idee, welche in jenem äußeren sinnlichen Material der Töne, der Farben, des Marmors, der Worte sich darstellt. Und je mehr die Idee mit der sinnlichen Darstellung zusammenstimmt, so dass sie ganz aufgeht in der sinnlichen Form, desto schöner ist der Gesang, das Gemälde, die Sculptur das Gedicht; überwiegt aber das geistige Element, der Gedanke, so sehr, dass das sinnliche Material gleichsam nicht fähig ist, ihn ganz zu fassen und auszusprechen, so entsteht das Gefühl desErhsabenen. Das Kunstgefühl des Sängers muß somit auf dem Wahrheit- und Sittlichkeits-Gefühl bastrt sein; aus diesen müssen seine Joeen herstamnien, und das Wohlgefallen des Schönen entsteht erst dann, wenn die Ausführung in der musikalischen Form mit jenen Ideen zusammenstimmt; stimmen beide gar nicht überein, so entsteht das Mißfallen am Hässlichen. Ueber die Begeisterung für die Idee, welche der Sänger darzustellen hat, vergesse er aber nie, dass ihm durch die musikalische Form ein gewisses Maß vorgeschrieben ist, welches er nicht überschreiten darf; er soll die Ideen in Tönen darstellen, und muß sich daher immer nach seiner materiellen Stimmbegabung richten. Der Sänger muß seine Athem- und Muskelkraft genau kennen und mit Weisheit über das Ganze , zu vertheilen wissen; denn wenn auch der Geist momentan viel vermag über , das materielle Stimmorgan, so müsste letzteres doch an Schönheit und Ausdauer verliertn durch zu maßloses Vorherrschen der Phantasie. Die Lebendigkeit der Phantasie muß mit künstlerischer Besonnenheit stets verbunden sein. Wie sehr aber überhaupt zu einem schönen Gesänge die geistige Bildung, nothwendig ist, leuchtet aus dem Bisherigen zur Genüge ein; denn je mehr. Geist der. Mensch sin sich hat, desto mehr Geist kann er auch in seinen Tönen offenbaren; und je begeisterter er ist für hohe Ideen, desto ergreifender der Ton: nicht blos der Verstand, auch das Herz Hut seinen Antheil dabei. Und wenn wir demgemäß von jedem Sänger erwarten, dass er einer immer feineren Bildung und Gesittung sich bestrebe — durch, fleißige Lectüre gut-er Werke und Umgang mit Gebildeten —, so verlangen wir vollends von einem Gesanglehrer, welchem neben Her Bildung der Stimme auch die geistige Bildung der Schüler anvertraut ist, dass er nicht blos selbst zu singen verstehe, sondern auch ein wissenschaftlich gebildetet: Mann feu — Wie die Natur die Mutter aller Kunst ist,' so ist sie auch deren höchstes Ziel. Wie der Mrler dahin sein Bestreben richtet, dass er auch bei der freiesten Phantasie der Natur am nächsten komme, so muß auch der Ausdruck im Gesang die Naturwahrheit