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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-12 · Heft 33 (12.10.1888) · p. Seite 5

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 33 (12.10.1888)
Date
1888-10-12
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Beitr.; H. Löwy, ׳ Neunkirchen halbjähriger. Beitr.; I. Rosner, Herm. Mestecdreivierteljähr. Beitr. An Pflichtbeiträgen für Cantor Schrecker in Piesling ist Nachfolgendes eingelaufen: W. Löwensohn. Eibenschütz 50 kr.; M.Stangl, Michelndorf 1 fl.; A. Kornitzer, Tapolcza 50 kr.; D. Kohn, Lundenburg 1 fl.; I. Feldbauer, Semlin 1 fl. M. Matt, Cassier, DL, Tempelgaffe 3. Der Baal-Thepilla. Von M. I. Rabbi nowitsch. Aus dem Russischen von A. Le v in-Saga n. (AutorisiUe Uebersetzung.) (Nachdruck verboten.) (18. Forschung.) Ich kam wol schon etwas spät zum Mittagstische, aber die 'Tante hatte mir das Essen aufgehoben und sorgfältig zugedeckt,׳ damit es nicht kalt «erde. Alle ohne Ausnahme — vom Onkel angesangen bis zu Channele und Soßele — beeilten sich, mir etwas zu reichen, vorzuschiehen und bekundeten eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit. Und in der That, ich war sehr ermattet; der Rücken schmerzte mich vom langen Stehen, der Hals war mir ganz ausgetrocknet und kratzte mich von dem fortgesetzten fast ununterbrochenen Singen in hohen und höchsten Registern. Indes ich verspürte nichts nnd war wie berauscht von den ungewöhnlichen Lobeserhebungen, die mir noch in den Ohren summten. Die ungetheilte Aufmerksamkeit und Zuvorkommenheit zu Hause verwirrte mich noch mehr, und dies hauptsächlich, weil ich den Grund hierfür nicht kannte. Erst als ich mich an den Speisen etwas gestärkt hatte, begann ich mich zu erknndigen, wie R. Bärl Dwoißes an diesem Tage gesungen, wieviel ״Meschorerim" er in diesen Jahre habe etc. ״Nu, und wie hat sich heut dein ״Drong" gemacht?" srug mich der Onkel, den Andern verschmitzt zublinzelnd. Ganz erhitzt vor Unwillen, wollte ich schon gegen eine derartige Beleidigung meines R. Awner in kräftigen Ausdrücken protestiren und geradezu behaupten, dass Bärl Dwoißes nicht einmal soviel Werth sei, wie die Schuhsohle meines Baal-Tephilla; allein der Onkel kam mir zuvor und suchte freundlich lächelnd meinen Unwillen zu beschwichtigen. ״Nun, ereifere dich nicht", fing er an. Wir wissen schon, dass er kein ^,Drong" ist. Da Haben uns schon unsere Nachbarn die Ohren vollgeblasen von deinem Baal-Tephilla und von dir. Ich hätte es ihnen nicht geglaubt — was verstehn diese Schneider und Schuster von Gesang! — aber unser Erzmusikus Gerschon zerfloss fast vor Be- Meisterung und sagte dasselbe wie sie. ״Wie kan» Gerschon es sagen?" srug ich in äußerster Verwunderung. ״Woher sollte er es wissen?" ״Ich war ja in eurer Synagoge!״ antwortete Gerschon. ״Wie, du warst in unserer Synagoge? Ich Hab' dich ja gar nicht -gesehen!" Aber .schon der Gedanke, dass Gerschon uns gehört haben könnte, machte mich ein wenig verlegen; mir war es, als müsste er uns entschieden auslachen, wie er sich über die Provinzial-Chasonim stets lustig gemacht hat. ״Nu, und wie hat er dir gefallen?" srug ich kleinlaut, da ich zu glauben anstng, dass der Onkel mich gehöhnt. ״Ich finde, dass dein R. Awner wunderschön singt: er hat -eine weiche schöne, sympathische Stimme und viel Empfindung und dass es bei den ״Stuppern" hundertmal schöner ist als bei uns. Was für ein Vergleich! Das ist ein ganz ander Ding; ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen." Wie, auch Gerschon, dieser Erzmusikant, dieser Erzpedant in Allem, was den Gesang betraf, der so händelsüchtig war gegen alle Cantoren, welche ihn nie zu befriedigen vermochten — auch er sprach sich so begeistert über R Awner aus! Der ״Drang" war um das Doppelte iu meinen Augen gewachsen. ״Und was hast du gehört?" srug ich. —7 Ich kam gerade dazu, als ihr »Weal-jed4 awodecho» fanget. Es ist ein sehr hübsches Stückel, obwohl es schon stark nach Antiquität riecht. Mer am meisten hat mich das darauf folgende »Atto niglesso«, das er allein vorgetragen hat, intereffirt. Ich habe schon Hunderte von Cantoreu, und zwar die bedeutendsten gehört, aber keiner hat auf mich einen so niächtigen Eindruck gemacht.' Ec spricht und singt nicht nur — nein, er malt förmlich. Jedes'Wort verwandelt sich in seinem Munde zu einem wunderbaren Bilde. Mir war es, als stünde ich selbst am Fuße des Berges Sinai, als sähe ich jeue furchtbaren, schwarzen dichten Wolken, die seinen Gipfel bedecken, und die grellen Blitze, die diese Wolken durchschneiden und den Berg plötzlich erleuchten; als hörte ich das Tosen und Dröhnen des die Luft erschütternden Donners, so dass ein heftiges Zittern über meinen Körper lief. Und woher kam diese Kraft in der Stimme bei dem siechen, schwächlichen Menschen^ der wie eine wahre Leiche ausschaut! Mit Gold sollte man einen solchen Mann für jedes seiner Worte, für jeden seiner Töne überschütten! Er ergreift mit Allem das Herz, die Seele, wohin er ein göttliches Balsam zu träufeln scheint ..." Gerschon war ganz erhitzt, seine Augen loderten im Feuer innerer Begeisterung. Wie schön er in diesem Moment war! Wie drängte es mich, ihn zu umarmen! Nach diesen seinen Worten habe ich erst voll und ganz begriffen, was R. Awner ist; oder richtiger, erst jetzt wagte ich, »hm ut meinem Innern volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Auch ich war ja an diesem Tage bezaubert von R. Awner, und sein Gebet rief in mir fast dieselben Eindrücke wie in Gerschon wach; allein meiner eigenen Empfindung konnte ich eine große Bedeutung nicht beimessen und durste ihr umsoweniger trauen, als diese Begeisterung an diesem Tage erst ganz plötzlich, unverhofft über mich gekommen lvar. Ich begriff daher anfangs nicht, was mit R. Awner geschehen ist, woher er diese Kraft des Ausdruckes genommen und jene Glut geschöpft, die aus seiner Brust kam. Noch Morgens ahnte ich nicht, welcher Art der Gottesdienst meines armen Baal- Tephilla sein werde, obwohl ich eine sehr gute Meinung von ihm hatte. Ich brannte daher vor Ungeduld, ihn so bald als möglich zu sehen und ihm Alles wiederzugeben, was ich über ihn vernommen. Mit der freudigen Nachricht über den ungewöhnlichen Erfolg hoffte ich selbst seine schrecklich traurige Verschlossenheit zu verscheuchen und jene niedergebeugte Stimmung, die ihn, besonders seit unserem zweiten Besuche im Theater, fast keine Minute verließ und deren Veranlassung ich absolut nicht errathen konnte. Nachdem das Mahl und Tischgebet beendet waren, eilte ich wieder in die Synagoge, wo die Mitglieder sich bald zum ״Mincha"-Gebet versammeln mussten, da die Sonne schon im Sinken begriffen war. Auf der Straße angelangt, sah ich R. Awner, in tiefem Nachdenken versunken, von Weitem kommen; ich gieng ihn schnell entgegen. Als er meiner ansichttg wurde; erhob er ein wenig das gesenkte Haupt und lächelte mich kaum merklich an. Ich theilte ihm das begeisterte Urtheil meines Vetters, der großen Autorität auf dem Gebiete der Musik, von dem ich schon früher zu ihm sprach, mit, und ein gewisses kindliches Lächeln erhellte für einen Augenblick sein todtenbleiches Gesicht, um gleich daraus den früheren Ausdruck anzunehmen. ״Was nützt mit dies Alles jetzt?" sagte er leise mit einer resignirenden Handbewegung, wie zu sich selber. Ich wusste thatsächkich nicht, was ich davon denken sollte; mitlerweile zerriss mir das elende Aussehen Reb Awners das Herz. Mir gieng es durch den Kops, ob er nicht eine betrübende Nachricht von den Seinen erhalten haben könnte? ״Nein, nein, mein Kleiner" antwortete er, als ich ihn darnach fragte und fuhr mir liebkosend mit der Hand über den Köpft ״Nein, nein," wiederholte er. ״Aber wie das hier brennt, wie das brennt!" und er griff sich mit der Hand nach der Brust. ״Was ist Euch, Reb Awner?" srug ich von Neuem besorgt. ״Ihr scheint sehr leidend zu sein". Er machte eine ablehnende Handbewegung and antwortete nichts. Mein Staunen wuchs noch mehr und noch krankhafter presste sich mein Herz zusammen ob dieses armen Dulders. Schweigend erreichten wir die Synagoge, wo Reb Awner bis zum Beginn des Gottesdienstes inbrünstig Psalmen zu lesen ansing. Ich gieng

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