Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 33 (12.10.1888)
- Date
- 1888-10-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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— 3 durchlaufen. Die Selbstliebe und der Selbsthafs, die Eigenliebe und der Lebensüberdruß; die Eigenthumsliebe, Ehrliebe, Eitelkeit, Gefallsucht und der Neid, Schadenfreude, Tücke und Trotz, Freundschaft und Abneigung durchlaufen nach Anfang, Mitte und Ende verschie- Lene Stufen, welche das innerste Leben, das Gemüth, bald mehr, bald weniger ergreifen. Am meisten wird das Gemüth ergriffen beim Affect, ja im Affect wird der Mensch unselbständig gegen die Macht des Gesühls: Weil aber das Gefühl ein positives und ein negatives ist, Lust und Unlust, so ist auch der Affect zweifach, Vergnügen und Schmerz, und durch deren Mischung entstehen Hoffnung und Furcht; endlich ergeben sich aus der Zusammensetzung dieser genannten Affecte noch sechs neue; nämlich: aus Vergnügen und Furcht — die Wrhmuth, aus Furcht und Hoffnung — die bange Erwartung, aus Schmerz und Hoffnung — die Standhaftigkeit, aus Vergnügen und Hoffnung — die Fröhlichkeit, aus Schmerz und Furcht — die Angst, aus Vergnügen und Furcht — das Grausen. Und zu diesen natürlichen Affecten gesellen sich bei manchen Menschen auch noch gemachte Afsecte,. als Empfindelei, Ziererei und Affectation. Jeder Affect kann zur Leidenschaft führen, ja die Leidenschaft ist nichts Anderes, als ein dauernder Affect, sie hat das Dauernde von der Neigung, und vom Affect das augenblickliche Anskochen, das Hastige. Es entstehen so die Selbstsucht, Eigensucht und Genusssucht; die Selbstqualerei, Morosität und böse Laune; die Ehrsucht, Habsucht und Gefallsucht. Entsprechend dieser verschiedenartigen Begierden, Neigungen und Leidenschaften sind auch die Gefühle im Menschen verschiedenartig. Das Fühlen selbst ist nämlich nichts Anderes, als das Jnnewerden des eigenen Zustandes, und zwar ein Jnnewerden der An- Gemessenheit oder Unangemessenheit dieses Zustandes zu der Natur des Subjectes: im erfteren Fall entsteht die Lust, in zweiten die Unlust. Je nachdem also der Mensch innerlich erregt ist, wird auch sein Gefühl erweckt; und gerade diese Rückwirkung der verschiedenen Erregungen und Zustände auf das Gemüth der Menschen ist es, welche beim Gesang ans den Tönen selbst herausleuchten muß. Der Sänger hat noch nicht genug gethan, wenn er die Worte deutlich spricht und deklamirt, er muß auch das den Worten und der Situütion gemäße innerste Gefühl ebenso wiedergeben, wie wenn er selbst Augenblicklich in dieser Lage sich befände, d. h. mit vollster Natur- Wahrheit. Und wenn schon dem Deklamator in der Art der Ausspräche der Consonanten, in der Färbung der Vokale und in der Art der Athemgebung Mittel genug gegeben sind zu solcher Seelen- Malerei, so hat der Sänger dieselben Mittel nur in noch höherem Grade anzuwenden, um eine naturwahre Schilderung der menschlichen Gefühle zu erreichen. Wir können nach Obigem alle Gefühle in drei Claffen eintheilen, nämlich in die Gefühle von Lust, in die Gefühle von Unlust und in die Gefühle verbundener Lust und Unlust. Reden wir zuerst von den Gefühlen der Lust, so können sie bald ruhig, bald hastig sein, je nach ihrem Stufengang von der Begierde bis zur Neigung und Leidenschaft. Die den freudigen Gefühlen entsprechende Tonfarbe der Vokale ist die Helle; und je nach dem Grade des inneren Vergnügens werden die Consonanten schneller und bestimmter gesprochen, und der Athem ruhiger oder hastiger ausgetrieben. Ebenso ist dies bei den übrigen Gefühlen der Fall, nur dass die den einfachen schmerzlichen Gefühlen entsprechende Tonfarbe der Vokale eine dunkle ist; bei den gemischten Gefühlen aber, wo die Lust mit Unlust, Freude mit Schmerz sich verbindet, müssen auch die Tonsarben der Vokale abwechseln und in dem Uebergang von der einen Tonfarbe zur andern das Ueberwiegen des positiven oder uegativen Gefühls, der Lust oder der Unlust, hörbar malen: Je nach dem Wechsel der Empfindungen müssen auch die Tonfarben der Vokale abwechfeln und ebenso verschiedenartig auf einander folgen. Ja der Sänger muß im Stande sein, beim Anshalten eines einzigen Tones und während eines Portamento’s durch Aenderung der Tonfarbe und der Athemgebung den Wechsel des inneren Gefühls zu offenbaren. Durch die Empfindung öer Freude wird auch der Athem zu reg erer Thätigkeit ermuntert, und auch die kleinen Stimmbänder und Muskeln des kleinen Kehlkopfes gewinnen an innerer Lebendigkeit; der Sänger sucht dabei die hellsten Farben und stimmt den frischesten Ton an, damit er seine innere, freudig erregte Seele in stolzer Farbenpracht offenbare und auch den Zuhörenden mit magnetischer Kraft in seinen Freudenkreis ziehe; und um die verschiedenen Grade dieser seiner freudigen Empfindung wiederzugeben, dazu dient ihm ein leichteres oder schwereres Athmen, ein sanfterer Hauch oder ein gewaltiger Drang der Luft: die Nüancirnng hinsichtlich der Stärke; ja es sind auf diese Weise viele Stufen möglich vom sanften Liebeslied bis zum ausgelassenen Freudetaninel der Zecher in der Runde. Strahlt dabei das Feuer der Freude aus Aug' und Mienen, so kann diese Empfindung mit allen ihren Stufen nirgends durchsichtiger werden, als im Gesang. Doch wie ganz anders wirkt die Empfindung der Trauer auf den Körper der Trauenden! Der Athem ist, als ob er stocken wollte, und in dunkler, gedämpfter Sprache verkündet der Kuminervolle dem Freunde das ihn betroffene Leid; ja lange vorher, ehe er noch seine Klage endet, hat er schon durch den dumpfen Klageton den Zuhörenden magnetisch mitgestimmt zur Klage. So viele Stufen aber möglich sind zwischen dem in sich verhaltenen Schmerz und der nach außen tobenden Wuth, so verschieden sind auch die Athemerregungen bei Offenbarung des schmerzlich erregten inneren Lebens. Ja auch alle jene Seeleneregungen, welche wir ausgezählt haben, haben verschiedene Grade in ihrem Anfang, Mitte und Ende, י״1ו dennoch findet jeder derselben in der ihm entsprechenden Tonfarbe und Athemgebung seinen leibhaften hörbaren Ausdruck! Durch diese wahrheitstreue Seelenmalerei erhält der Gesang erst feinen wahren Werth und je feiner und charakteristischer die Gefühle dabei hervorleuchten mit allen ihren Nuancen und Uebergängen, desto mehr wird auch das Gefühl des Zuhörenden erregt. Ja jedes noch so kleine Lied erhält erst dadurch im Ganzen und Einzelnen sein richtiges naturwahres Colorit und seinen geistigen Ausdruck. Natürlich ist aber ein solches klares Durchleuchten der Gefühle aus den Tönen nur dann möglich, wenn die vorhergegangene materielle Tonbildung eine richtige ist; wer mit Gaumenton, Nasenton, Zahnklang ocbehaftet ist, wird stets einen materiellen Beigeschmack in den Tönen haben und dadurch den Zuhörenden des seelischen Genusses berauben. Und wenn auch solche Sänger andere Mittel zur Hilfe nehmen wollen, um ihr Gefühl zu dokumentirm, z. B. das Portamento, jener materielle Anklang bleibt doch derselbe, und das zu häufige Portamento gibt dem Gesänge den Charakter übertriebener Weichlichkeit. (Fortsetzung folgt.) Zur Regulirung der jüdischen Cultnsangelegenheiten in Ungarn. In Angelegenheiten des Verkaufs von ״Koscherfleifch" hat der kgl. ungarische Handelsminister im Einvernehmen mit dem Cultus-