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Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-12 · Heft 33 (12.10.1888) · p. Seite 2

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Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 33 (12.10.1888)
Date
1888-10-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Mben dem musikgewaltigen Beethoven wird nur noch ein Namen und zwar -er G. F. Handelns genannt, vor welchem auch wir chrfurchtsvollunser Haupt beugen, allerdings nur vom rein christlichen Standpunkte betrachtet; denn jeder Tact der Händel'schen musikalischen Schöpfungen athmet die tiefste Ergebenheit und Fröm׳ migkcit in Christo, jede Note ist mit dem Herzblute eines begeisterten und seelig durchschauerten Christen gezeichnet. Wenn daher bei der Tempeleinweihung in St. Louis wirklich, zu welcher Annahme wir-gegründete Veranlassung haben, der gewaltige gemischte CH0x aus dem Messias, ״Hoch thut euch auf und öffnet euch weit ihr Thore der Welt", oder gar das weltberühmte Hallelujah zur Aufsührung gelangt sein sollten, so darf man nicht außer Acht lassen, unter welchen religiösen Voraussetzungen diese Chöre entstanden, dass denselben in Nr. 20 Texte vorausgehen, wie : ״Sieh' das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt" oder in Nr. 21: ״Er ward verschmäht und verachtet, ein Mann der Schmerzen" und dassgleich nach dem großen Hallelujah in Nr. 43 ein Sopran- Larghetto folgt, dessen Textesworte heißen: ״Ich weiß, dass mein Erlöser lebt". Und nun, da es bekannt, welchem Rahmen diese beiden an und für sich selbstredend gewaltigen Chöre entrissen wurden, möchten wir den jüdischen Seelenhirten kennen lernen, der einer solchen Aufführung bei einer Tempeleinwcihung noch das Wort zu reden den Muth hätte. Neben dieser specifisch christlichen Musik Händels müssen wir jedoch die Aufführungsberechtigung Haydn'scher־ Compositionen zugestehen, weil Vater Haydn zwei Werke uud zwar ״Die Jahreszeiten" und ״Schöpfung" geschrieben, die jedweden religiösen Charakter entbehren und deren Chöre, wie z. B. ״Die Himmel erzählen die Ehre Gottes" u. s. w. sicherlich unbeanstandet in einem jüdischen Gotteshause aufgeführt werden können. Durch dieses Zugeständnis begegnen wir gleichzeitig einem etwaigen Vorwurfe, als eiferten wir gegen die Zulassung solcher Musikproducte, die der Feder eines Andersgläubigen entstammen, wenn dieselben nur. der christlichconfessionellen Färbung entbehren. Bezüglich der Compositionen der Leiden, dem Judenthume abtrünnigen Musikmeister, Mendelssohn und Rubinstein, brauchten wir füglich, den bekannten Thatsachen gemäß, kein Wort zu verlieren, trotzdem müssen wir darauf hinweisen, dass Mendelssohn zwei Werke veröffentlichte, ״Elias" und ״Paulus", welche geradezu einen Faustschlag gegen die religiösen Intentionen des Judenthums involviren und dass der Klaviervirtuose Rubinstein es possierlich finden dürfte, dass seine Compositionen bei einer Tempeleinweihung zur Aufführung gelangen. Es kann uns nun, dem Gesagten gemäß, nicht verwundern, dass man auch den musikalischen Producten des Opernkönigs Rossini bei der Synagogeneinweihung in ׳St. Louis so sympathisch begegnete, allein von Rossini ist außer seinen Opern und Messen von Kirchencompositiouen auch nur noch die geistlich angehauchte Oper ״Mahomed nnd Moses" und die Cantate ״Ltabat iriater" bekannt; vielleicht wurde Lei der Tempeleinweihung in St. Louis auch noch ein Chor aus ״Stabat mater" aüfgeführt. Möglich ist es schon. Wir mussten durch diese langathmige Auseinandersetzung deshalb an die Geduld derfreundlichen Leser appelliren, um den Nachweis zu erbringen, dass die Herren in St. Louis sicherlich ehrlicher und kluger gehandelt hätten, wenn sie für ihre Tempeleinweihung die Compositionen der von der gesammten musikalischen Welt vollauf gewürdigten, von dem Musikreferenten der ״Neuzeit" jedoch in unberechttgter Weise mit dem Epitheton ״klein" bezeichneten Chasanim gewählt hätten, anstatt in unbegreisticher und unverantwortlicher Weise im feindlichen Lager eine herabsetzende Anleihe zu machen, worüber jeder rechtliche Andersgläubige geradezu das Haupt zu schütteln veranlasst wird? Und falls die anerkannten Werke unserer Chasanim den Herren in St. Louis nun einmal nicht genügten, sollte es ihnen wirklich nicht bekannt sein, dass das Iudenthum zwei nun längst verblichene Musikmeister besessen, deren Namen mit goldenem Griffel , in der Geschichte der Musik verzeichnet und vollberechtigt ist, den Namen eines Mendelssohn, Rubinstein und Roffim angereiht zu werden? Die beiden jüdischen Componisten Halewy und Mayerbeer haben es nicht verschmäht, zur Ehre des Inder,thums den Synagogengesang mit Qriginalcompositionen zu bedenken, und die Herren in St. Louis hätten sicherlich mit der Vorführung des Msnaor l'soäob für Chor-Ältsolo mit Harfenbegleitung von Halevy oder mit dem Uwnucliu jomar für gemischten Chor von Mayerbeer einen größeren und der heiligen Sache würdigeren Erfolg erzielt, als mit den für synagogale Zwecke adaptirten christlichen Chören von Mendelssohn, Rubinstein und Rossini. Den Gegenstand aus der Perspektive bekannter Vorkommniße betrachtet, sind jedoch diese abnormen Erscheinungen in Amerika keineswegs auffallend; denn so wie der Synagogeugesang in Europa bekanntlich seine Sturm- und Drangperiode durchzumachen hatte, bevor man zu einem geläuterten Geschmacke gelangen konnte, gleichwie man vor Decennien in den jüdischen Gotteshäusern. einen Nelecd eljon nach einem volksthümlichen Marsche oder eine K’dusdia nach einer bekannten Qpernmelodie hören konnte; ebenso leidet der amerikanische Synagogengesang noch an der Durcharbeitungsperiode der Kinderkrankheiten und es darf nicht verwundern, wenn in Amerika heute jüdis ch gottesdienstliche Texte nach Melodien bekannter Meister angestimmt werden. Wir leben der sicheren Ueberzeugung, dass das jüdische Cantorthum Amerikas sich endlich auch aufraffen und solche und ähnliche Ungebührlichkeiten in den Gottes- Häusern Israels nicht dulden wird; aber -unbegreiflich bleibt es uns, wie der Musikreferent der ״Neuzeit" ein solch' abnormes Vorgehen gut heißen, ja emphatisch begrüßen kann, und wie man in der Metropole Oesterreichs ein Gedicht zur Aufführung bei einer Tempeleinweihung zulassen und sanktionieren kann, in welchem es unter Anderem heißt: ״Er führt dich auf geebneten Wegen — Zum ewig klaren Weisheitsquell." O, wir kennen diese geebneten Wege! Darum Chachomim hisoharu bediwrechem. 5. Methodik der Gesangskunst. xxxxi. Die Erregungen der menschlichen Seele und die Uebergänge von der einen zur andern sind so manigfaltig, dass es schon der Psychologie als Wissenschaft schwer ist, sie alle aufzuzähleu und zu rubriciren. Und es genügt daher — vollends für eine Gesanglehre — nur das Hauptsächlichste-hervorzuheben. Alles-Lebendige entsteht und erhält sich nur durch' den ihm innewohnenden Lebenstrieb; dieser Trieb, in die Sphäre des Selbstbewusstsein erhoben, ist der Wille, welcher sich in drei verschiedenen Formen offenbart, als Begierde, als Neigung und ,als Leidenschaft. Bei der Begierde ist das Gemüth vorübergehend hastig, bei der Neigung dauernd-ruhig, bei der Leidenschaft dauernd-hastig; und diese verschiedene Erregung des inneren Lebens offenbart sich sogleich am Athem. Die allgemeinste der gegenseitig-geselligen Zuneigungen ist die Liebe, und die allgemeinste -er gegenseitig-geselligen Abneigungen ist der Hass; und wie schon die Begierde durch ' ein Gelüsten, die Neigung durch einen Hang und die Leidenschaft durch einen Affect eingeleitet und vermittelt wird, so ׳können auch Liebe und Hass verschiedene Grade

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