Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 33 (12.10.1888)
- Date
- 1888-10-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Oesterreichiseh-ungarische Krünum erationspreis P« DereinSmitglieder. Äauzfthrig fl. b.— Halbjährig . fl. 2.50 Vierteljährig fl. 1.25 Für Nicht«! itgliedrr üianzjährig fl- 6.— -Halbjährig . fl. 3.— Vierteljährig fl. I.Sv Für »a» Au»l««d Mzjährig 5-«-" ~ j§. IO Mark oder 5 .Rubel. Organ M Ee ^«lereffM Mscher Hnkioreu m»l HMchesM«. Hr s ch e i « t j e d e n a ch t e u K a g. Begründer: Obcrcantor Jacob Bauer. Mdactisrr und Adminiflralion W Lea, II., Novaragaffe Nr. 27 Inserate werden billigst berechnet. Mannscripte werden nicht retournirt. Nr. 33. Wien, 12. Dctober 1888. 8. Jahrgang. Die Synagageneiliweihlliig in ZI. Louis. Zn Nr. 39 der in Wien erscheinenden Wochenschrift ״Die Neuzeit" lasen wir einen Bericht über ״Eine Tempeleinweihüng in Amerika", welcher, nebst anderen, hier nicht zu besprechenden Kuriosttäten, auch einen Ausfall aus das jüdische Cantorat versucht, in . Wirklichkeit jedoch nichts anderes als eine arge Verkennung der Änvertrarrtheit/• mit dem zu behandeln-. den Gegenstände in sich birgt. Mit beneidenswerther Begeisterung wird es nämlich der jüdischen Welt bekannt gegeben, dass ein protestantischer Geistlicher für diese Einweihung ein judenfreundliches Gedicht verfasste 3c. und dass es der jüdischen Weisheit würdig sei, wenn man bei der Tempeleinweihung in St. Louis es vorgezogen, anstatt der Compositionen kleiner Chasanim die musikalischen Werke großer Meister, wie Beethoven, Händel, Haydn, Mendelssohn, Rubinstein und Rossini zur Aufführung zu bringen. Auf den ersten Anblick hat es den Anschein eines sicherlich nur logisch zu nennenden Gedankenganges, wenn man den Compositionen großer Musikmeister denen kleinerer -gegenüber den Vorzug gibt, allein der Berichterstatter der ״Neuzeit" begrüßt es aus tiefster Seele, dass die Amerikaner dem ausschließenden Confessionalismus nicht huldigen, indem sie Lei einer Tempeleinweihung den Schöpfungen christlicher oder gar vom Judenthum zum Christenthum übergetretener Musiker den Compositionen jüdischer Musikmeister gegenüber den Vorzug geben. Wir wollen es an dieser Stelle keineswegs versuchen, unsere Anschauungen bezüglich der Begeisterung für den nichtausschließenden Conseffionalismus kund zu geben, oder darüber, ob es der jüdischen Weisheit würdig oder unwürdig sei, bei der Einweihung eines jüdischen Gotteshauses die Compositionen christlicher oder zumindest getaufter Componisten zur Aufführung zu bringen, weil wir die Gepflogenheit üben, derlei Kundgebungen dem Rechtssinne der Herren Rabbinen zu überlaffen, dafür aber müssen wir die Musikgelehrten der Neuzeit höflich, aber eindringlich ersuchen, in musikalischen Dingen niemals ein entscheidendes Wort sprechen zu wollen, indem durch solch" fmreife uud jeder fachwissenschaftlichen Basis entbehrende Aeußerungen in der heutigen judenfeindlichen Zeit nur das Urtheil getrübt und hiedurch an anerkannten gottbegnadeten jüdischen Vertretern der musikalischen Kunst ein himmelschreiendes Unrecht begangen wird, welches, weil von jüdischer Seite stammend, gewiss im feindlichen Lager ein. mächtiges Echo finden dürfte. Also, nicht für die kleinen oder großen Chasanim, deren Verunglimpfung wir seitens der ״Neuzeit." schon feit Jahrzehnten vollauf gewöhnt sind, wollen und müssen wir eine Lanze brechen, sondern für jene Musikheroen jüdischen Glaubens, deren Geistesproducte be! der Tempeleinweihung in St. Louis denen christlicher oder gar eonvertirtec Componisten hintangesetzt wurden, und welches unglaubliche Vorgehen von den Musikgelehrten der ״Neuzeit" in solch' begeisterter Weife gutgeheißen wird. Es wird in der ״Neuzeit" leider nicht angeführt, welche Piecen der oben genannten Musikhero en bei der Tempeleinweihung in St. Louis . aufgeführt wurden, allein das thut nichts zur Sache. Greifen wir von all' den erwähnten Größen gleich zu dem Allergrößten, dem auf musikalischen Gebiete bis nun überhaupt der allererste Platz eingeräumt werden muß, und zwar zu Ludwig van Beethoven, so müssen wir bekennen, dass wir uns dem Musikberichterstatter der ״Neuzeit" gegenüber wirklich in Verlegenheit befinden, welcher Beethoven'fche Chor in St. Louis zur Aufführung gelangt sein könnte. Wird sind in der Musiklitteratur so ziemlich heimisch, allein uns fällt es nicht ein, dass Beethoven je einen Chor geschrieben hätte, der bei einer Synagogeneinweihung aufgeführt werden könnte, es müsste denn fein, dass Jemand das unter Op. 48 für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte von Beethoven komponirte Gellert'sche Lied ״Die Ehre Gottes aus der Natur" für vier Stimmen arrangirte, oder dass die Cantate Op. 136 ״Der glorreiche Augenblick" in Nichtbeachtung des Umstandes, dass Beethoven selbst erklärte, er habe dieselbe keineswegs zur Verherrlichung des Wiener Congresses 1814 (allwo dieselbe aufgeführt wurde), also nicht zur Verherrlichung eines conereten Falles, sondern ausschließlich zum Preise der Tonkunst geschrieben; oder aber, dass man gar irgend einen Satz der berühmten Beethoven'schen Messen für jüdische Zwecke präparirt hätte — allerdings bei einer Syna- ׳ gogeneimveihung unter den Anspielen eines Dr. Sonnenschein und eines evangelischen Geistlichen wäre auch das letztere leicht anzunehmen.