Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 32 (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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/ Hrckerrpateus -vom 3. August 1797 sei, und Ms ihm als solcher. euch das Mecht zur^Eiufetzung eines Rabbiner mit der einem ffol- ' chen zustehenden Amtsgewalt zufalle. Dem gegenüber betonte der Vertreter des Cultusministeviums, Ministerialrath R. v. Spann, bei der heutigen Verhandlung, dass der Verein ״Or-Tomid" eine Corporation im Sinne des Vereinsgesetzes sei, auf Grund dessen auch die Statuten genehmigt wurden, und dass daher dieser Privat- ׳verein nicht das Recht zur Ausübung von Functionen haben könne, die blos einer Religions-Genossenschaft Vorbehalten sind. Der Verein ״Or-Tomid" habe nur das Bestreben, Unordnung in die ohnehin sehr zerrütteten Cultusverhältniße der Juden in Böhmen zu bringen, und deshalb stelle Redner die dringende Bitte, im Interesse der Ordnung und der Sicherheit der Eheschließung die Beschwerde abzuweisen. Der Verwaltungs-Gerichtshof (Vorsitzender Graf Belcredi) erkannte auf Abweisung der Beschwerde, weil das dem Vereine statutenmäßig zustehende Recht zur Abhaltung von Gottesdiensten und zur Bestellung eines Rabbiners nicht den Rechtsanspruch begründe, dass diesem Rabiner alle Functionen seines Amtes znerkannt werden, denn diese Functionen sind nicht allein gottesdienstlicher Natur, sondern sie sind auch für den Staat mit Rechtswirkungen verknüpft, weßhalb die Behörde das Recht hat und haben muß, den Wirkungskreis des Rabbiners zu bestimmen. Wien. Samstag den 13. Oktober veranstaltet der ״Allgemeine Kranken-Unterstützungsverein Nächstenliebe" in Wien in den Harmoniesälen das zwanzigjährige Gründungsfest, für welches von dem rührigen Comi6 die beliebte Militärmusik-Kapelle des 84. Insanterie-Regimentes, unter Leitung des Kapellmeisters Komzak, und erste Wiener Kunstkläfte gewonnen sind. In Anbetracht des wohlthätigen Zweckes, welchem das Reinerträgnis zufällt, ist es zu wünschen, dass der Besuch ein recht zahlreicher werde. Groß Kanizsa. Herr Cantor Samuel Goldmann feierte Sonntag den 30. September im engsten Familienkreise das Fest der silbernen Hochzeit. Weulra. Am 9. Juni v. I. gelegentlich der Abgeordnetenwähl für den Neutraer Wahlbezirk kam es in der Dorfgemeinde Uezbegh zwischen den Wählern des antisemitischen Kandidaten Prostssor Lnbrich und den Anhängern des Regierungs-Kandidaten zu einer argen Keilerei, bei welcher Gelegenheit, da die Antisemiten nicht weichen wollten, die entsendete Gendarmerie-Patrouille fünf derselben niederschoss und mehrere verwundete. Die seinerzeit gegen die Gendarmen eiugeleitete Untersuchung musste eingestellt werden, da das korrekte Vorgehen derselben konstatirt worden ist, zumal erhoben wurde, dass die Wache von den Waffen erst dann Gebrauch machte, als sie von den Excedenten mit Steinen beworfen wurde und dieselben Miene machten, den Gendarmen die Gewehre zu entreißen. Die Staatsanwaltschaft am hiesigen Gerichtshöfe erhob nun die Anklage gegen 28 Excedenten. Die Verhandlung gegen dieselben, zu welcher 70 Zeugen vorgeladen waren, begann am 24 .d. M. bei deni hiesigen Strafgerichtshofe unter Vorsitz des GerichtsratheL G6za v. Sandor, die Anklage-Behörde vertrat Staatsanwalts-Substitut Esillaghy; sämmtliche Angeklagte, die sich auf freiem Fuße befinden, sind ohne Vertheidiger erschienen, wiewohl sich ihnen seinerzeit eine große Anzahl antisemitisch gesinnter Advokaten zur Vertheidigung aufgedrungen hat. Das Beweisverfahren gestaltete sich günftig für die Angeklagten, die angaben, dass sie von unbekannten Leuten gehetzt worden seien, welche ihnen sagten, die Gendarmerie dürfe nicht schiegen. Der Staatsanwalt zog noch während der Ver- Handlung gegen drei der Angeklagten die Anklage zurück, nachdem konstatirt wurde, dass sie gar nicht auf dem Thatorte anwesend waren; von den übrigen Angeklagten, gegen welche die Verhandlung durch volle vier Tage durchgeführt worden ist, wurden fünf wegen Vergehens der öffentlichen Gewaltthätigkeit . unter Anwendung der außerordentlichen Milde zu einer zweimonatlichen Arreststrafe verurkheilt und die übrigen freigesprochen. Hurin. Anlässlich der Vermälung des Herzog von Aosta Amcideo, früher König von Spanien, mit der ihm verwandten Prinzessin, Laelitia haben zahllose Deputationen dem Hochzeitspaare ihre Huldigungen dargebracht;. unter diesen befand sich auch eine jüdische, geführt von dem ehrwürdigen Prof. Ottolenghi aus Turin, welche von Sr. kgl. Hoheit Mit ganz besonderer Leutseligkeit -empfangen wurde. Der Herzog unterhielt sich fast eine halbe Stunde lang mit den Betheiligten. Dabei kam er ganz von״ selbst auf die spanischen Verhältniße za «den und bedauerte aufrichtig, dass ״dieses unglückliche Land sich selbst die Adern unterbunden habe, als es die Israeliten, seine betriebsamsten und fleißigsten Bürger, aus fanatischem Religionshaffe gewaltsam auswies." Der Herzog fuhr dann fort: ״Als ich in Spanien war, konnte ich die Nachwehen dieses verhängnisvollen Fehlers noch empfinden. Heute noch krankt Spanien an .diesem Missgriff (sbagKo gravissimo), und wer mag wissen, :ob es sich wohl jemals davon erholen wird! f Mit den Juden verschwanden auch Handel und Wandel; seitdem datiert der materielle und politische Verfall des Landes." Sodann drückte der hohe Herr seine Freude darüber aus. dass unsere Glaubensgenossen sich gegenwärtig wohl nirgends wohler fühlen, als hier in Italien, wo sie in der That jedwede Freiheit gemeßen. 'Zfaris. Am 16 v. M. ist der Großrabbiner von Frankreich. Mr. Lazare Isidor, in Montmorency seinem dreijährigen schwere» Leiden im Alter von 75 Jahren erlegen. Mit ihm scheidet eine der liebenswürdigsten und geistvollsten theologischen Persönlichkeiten in Frankreich. Herr Isidor war schon in den letzten Jahren leidend, und da er im hohen Alter stand, auch berufssnfährg. Als Redner zeichnete er sich durch nngesuchte Einfachheit aus, welche die Herzen der Hörer zu ergreifen und zu fesseln verstand. Groß sind seine Verdienste als Ehrenpräsident der ״Alliance Israelite Universeile", für die er, so lange es feine physischen Kräfte gestatteten, unermüdlich thätig war. Er war neben Cremieux, den er vielfach ergänzte, eine Säule dieser großartigen Institution. Seine Ansprachen, die er bei den öffentlichen Sitzungen dieses Instituts hielt, bilden ein würdiges Denkmal feiner Thätigkeit. Schlicht und geistvoll, gemüth- und gedankenreich drangen sie stets zu Herren und begeisterten die französischen Juden für die Arbeit der ״Alliance". Glücklicherweise hinterlasst er in Großrabbiner Zadoe Kahn einen würdigen Nachfolger, und darum könueu wir unsere französischen Glaubensgenossen glücklich preisen. Sie verstehen es, yorzuforgen und haben, bei einer eMstehenden Lücke auch sofort den Mann zur Hand, der sie zu ersetzen vermag. Großrabbiner Isidor, zu Lifchheim in Elsaß geboren, hatte das Alter von 75 Jahren erreicht und bekleidete die Würde des geistlichen Ober- Hauptes der in Frankreich staatlich organisierten jüdischen Kirche seit 1866. Isidor war 1837 Rabbiner in Phalsbourg und 1847 Grand Rabbin von Paris geworden. In den vierziger Jahcen erregte sein energisches Auftreten gegen das Vorgehen gewisser Elsäffer Gerichte, welche die Elsäffer Juden zur Ablegung des Gerichtseides rnore judaico verhalten wollten, großes Aufsehe... Isidor verweigerte nämlich als Rabbiner von Phalsbourg die Herausgabe der Schlüssel der Synagoge in welcher der rituelle Judeneid abgelegt zu werden pflegte. Die Angelegenheit gelangte vor den Kassationshof, welcher bei dieser Gelegenheit den Eib more judaico, als den Staatsgrundgesetzen zuwiverkaufend, für abgeschafft erklärte. 1858 wurde Isidor mit dem Kreuze der Ehrenlegion decorirt und 1370, kurz vor dem Ende des Kaiserreiches, war der Grandrabbin von Napoleon HL, der ihm sehr wohlgewogen war, in den Senat berufen. Marschallpräsident Mae .Mahon verlieh Isidor 1878 das Offizierskreuz der Ehrenlegion. Der Verstorbene, welcher bei feiner vielfach in Anspruch genommenen Wohlthätigkeit von seinem staatlichen Gehalte, der sich aus 30,000 Francs beläuft, nicht viel erübrigte, verlor im Jahre 1881 fein gesammtes Vermögen, hunderttausend Francs, in Folge der Unvorsichtigkeit seines Freundes, der dieses Vermögen vermaltete. Ein ungenannt fein wollender Verehrer Isidors ersetzte jedoch diesen Schaden, ohne dass Isidor von dem Verluste überhaupt, sowie von der Großherzigkeit des anonymen Spenders etwas erfahren hätte. Isidor, welcher das Französische mit starkem Elsässer Accent sprach, war ein bedeutender Kanzelredner, und himerlässt einige geschätzte homiletische Sammlungen. Seit einigen Jahren kränkelnd, verbrachte er den letzten Sommer in einer Villa zu Montmorency und starb einen Tag nach dem israelitischen Versöhnungstage. Sei» Amtsnachfolger dürfte der bestehenden Tradition gemäß» der jetzige Grand Rabbin von Paris, Mr. Zadok Kahn, werden.