Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 32 (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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— e ־- : Der Baal-Thepillä. Von M. IR a b b i nowitsch. ' Aus dem Russischen von A. Levin-Sagan. (Aiuorisnte Uedkrsktzuiig.) .1 .. (Nachdruck verboten./ . ll7. Forschung.) . ׳ Da - . . noch einige dröhnende Töne, und er schrie plötzlich auf ״Hammeleh", aber'so, als öd ihm in diesem Moment Jemand «7-s Men Kräften mit einem Knüppel einen Hieb auf den Kops versetzt hätte. Das Publikum stimmt Hier ein und beginnt seinerseits zu schreien, die Synagoge mit einem unnatürlichen Lärm erfüllend. Hierbei thut sich Reb Chone gangs besonders hervor: er hebt, beide Hände׳ in die Höhe und schüttelt sie so heftig, als drohe er allen seinen Feinden mit einen! unvermeidlichen Untergang, und überragt Alle wie mit seinem Körperwuchs auch mit seinem Stimmorgan. SelLstversiändlich'bemüht sich sein Nachbar, Reb Peßach, ihm!!achzuahmeu, auch ,er schüttelt seinen kleinen Körper, seine mageren/ soft mädchenhaften Händchen und greint mit seinem quickenden Slimmchcn. — In der Synagoge entsteht ein solches Getöse, dass n!an denkt: da ... da stürzen die Fensterscheiben aus ihren Rahmen und man selbst der Decke kein großes Vertrauen entgegenbringt und ihr Zusammenbrechen befürchtet. Und als befürchteten die Beter in der Thal etwas Aehnliches, mäßigen sie aÜmählig ihr Geschrei, und das Getös verliert sich nach und nach, wie das Grollen des Donners sich in . eine endlose Ferne gurückzieht. Nur das Echo des Reb Chone'schen Basses schwebt noch in" der Last, als habe׳ das letzte Wort des Gebetes jenes verzweifelte ״wenisso—o—o—o“ feste Gestalt angenommen. Reb Awner sitz't ans seinem Platze,׳ an der Ostwand, neben. dem Schuster- Reb Gawricl. Er schreit nicht und schüttelt sich nicht : und gcstikulirt nicht, - sondern sitzt fast unbeweglich, ganz eingehüllt in seinen Tallis, so dass sein Gesicht gar nicht zu sehen ist. Nur wenn ihn der Husten sehr übermannt, enthüllt er das Gesicht, beugt sich nieder und hustet sich aus, und dann erscheinen, seine weichen,! edlen Züge noch weicher, edler und stechen sehr ab inmitten dieser Menge armer Teufel. Ich war gewissermaßen stolz auf ihn und blickte auf ihn mit einer solchen Liebe, wie auf einen nahen Verwandten. Mich in der Mitte der Synagoge bemerkend, winkte er mir zu sich. Nach einigen verzweifelten Anstrengungen — wobei ich sogar eine Bank umgeschmissen ׳— gelangte ich zu meinem RÄ Awner. Trotz der drückenden Hitze und der ungewöhnlichen Enge, ist es in der Synagoge angenehm und ein gewisser erwärmender Geist der Liebe herrscht in ihr. Sogar in den entsetzlichen Trillern Reb Baruch's, sowie in dem einmüthigen Geschrei der Beter liegt für mich ein unaussprechlicher Zauber. Alle Gesichter strahlten vor ungewöhnlicher Begeisterung, in Aller Augen leuchtete ein geistiges Feuer. Betrachten wir zum Beispiel den mir gegenüber sitzenden Reb Kallmann. Wie hat er sich verändert; wie ist er plötzlich gervach-׳ fen, hat sich seine Gestalt geglättet י . Noch gestern Nachmittag, als ich mit meiner Mutter ging, um Hosen zu kaufen, saß er an unseren! Thore-auf einem niederen, runden Dreibein vor einer Holzkiste, die ihm als Werkstatt diente, und stickte die Schuhe eines Knaben, der neben ihm saß und wartete. Er stak in seiner ewigen Friespekesche mit den stark abstehenden Taschen, die so abgetragen war,, dass sie schon mehr einem schmutzigen Säcke ähnelte. Unter dieser abgetragenen Pekesche waren .seine, von einem furchtbar schmutzigen Hemde nicht ganz bedeckte, schwarze, magere Brust und der lange Hals sichtbar; das etwas schiefer, beschmierte Gesicht sah so jämmerlich, so elend aus. Und jetzt sitzt er da sauber gewaschen und sorgfältig gekämmt, ganz eiugewickelr in dem schon dunkel gewordenen: Tallis; bei den heißen ׳ Gebeten hat sich sein ganzes Aeußexe verwandelt und nahm mehr und mehr den edlen, intelligenten "Ausdruck eines Menschen an, der ׳sich als Mann fühlt.׳ Wohl hat sein Gesicht auch jetzt das bewahrt, was an ihm Leid- und Qualvolles war, allein da ist Äüch keine Spur mehr vorhäüden. von jener erniedrigenden . Mebeugthe.it, . . die dort;- noch gesternzu lesen war. In seinem 'Gebeteist,eben, nichts Selbst? erniedrigendes, er klagt ja sein schweres. Leid, und seine bittere Noth nur einem nahen, innig geliebten Wesen,-und es läütekt und erhebt ihn und.wacht auch viele Andere das Bewusstsein/! das dort im Himmel ein erhabener. Schöpfer thront, welcher der Vater aller Menschen ist, dem man alles sagen kann und dem er.'.. der arme Flickschuster, ebenso theuer wie der Reichste, ja ihm vielleicht noch lieber ist als dieser. ,' . Und so beten alle, andächtig, feurig gegen drei Stunden...Dann beginnt aber die Jugend sich immer mehr zu entfernen und zerstreut sich in die. schmalen Seitengassen sowohl wie in den. breiten Straßen, die an -der Synagoge angrenzen. Dann, gehen auch die Erwachsenen hinaus, um etwas Luft zu . schöpfen, worauf die Einen sofort wieder zurückkehren, -Andere aber noch ein Weilchen verbleiben. .. . . ׳ Der erste Theil des Gottesdienstes neigt sich nnn seinem Ende zu( Einige Andächtige haben schon ihre Gebetbücher zugeschlagen und hören nur noch dem Cantor zu, wobei sie am Schluss eines jeden Absatzes mit. einstimmen; Ändere lassen den Talis aus. die L>chult׳rn zurücksallen und unterhalten sich leise; wieder Andere nehmen schon überhaupt ihre Betmäntel ab und schicken sich an nach Haus zu gehen, um zu dem zweiten Theil des Gottesdienstes, zu ״Mussaph" z׳׳rückzükehren. In der Synagoge wird es geräumiger, luftiger, die Zurückgebliebenen setzen, sich bequemer hin, recken sich und nehmen eine gemüthliche halbliegende Stellung ein. Das Schachris-Gebet.ift zu Ende. Ganz in Schweiß gebadet kehrt Reb Boruch auf seinen Platz, neben Reb Awnern, zurück. Die Synagoge leert sich immer mehr, und als man zur Thora-Vorlesung schreitet, bleiben nicht mehr als dreißig bis vierzig Personen da — die Frömmsten natürlich. Alle gehen jetzt an's Psalmenbeten, dabei sich ׳energisch schüttelnd, seufzend und allerlei Laute hervorstoßend. Besonders oft hört man diese Laute von dem'Nachbarn Reb Kallmanns, dem Petroleum-Austräger Reb Orzen (von Aron), einem kleinen, verwachsenen Alten. Bei jedem ׳ dieser Laute erhebt er die Augen zum Himmel, kneift'sie zusammen, um sie dann wieder in's Buch zu versenken, wenn auch nicht auf lange. Doch ist es wohl selbstverständlich, dass auch hierin Alle von Reb Chanen übertroffen werden, der bisweilen einen so hohen Grad von Extase erreicht, dass er geräuschvoll mit den Fingern schnalzt oder in die Hände klatscht, was nach ihm Reb Peßach selbstverständlich ebenso unverzüglich wiederholt. Reb Barke ist oft genöthigt zu seinem üblichen Ordnungsruf Zustucht zu nehmen, d. h. mit der flachen Hand auf ein Buch zu schlagen. ';. Jetzt ist auch die Thora-Vorlesung zu Ende und eine׳ Weile bleibt die Synagoge ganz leer. Auch ich eile nach, um etwas zu genießen. Dort treffe ich — den Onkel ausgenommen — Alle an, die eiligst Thee trinken, welcher sorgfältig zugedeckt, seit gestern Äbend aus dem Ofen stand. Bei meinem Eintreten erhebt sich die Tante hastig und eilt an den .Schrank, von wo sie mit einem Stück Honigkuchen zurückkehrt, den sie mir giebt und mir vorschlägt auch etwas Schnaps zu nehmen aus dem auf dem Tische stehenden, reizenden geschliffenen Fläschchen, mit dem langen, dünnen, wie ein Pelikanschnabel zulaufenden Hals. Als stände es wie lebendig vor mir, dieses Fläschchen, das an Sabbathen und Feststagen imnier auf dem Tische erschien, und dabei diente es schon gegen dreißig Jahre! — Darauf brachte mir Chanele ein Glas ganz schwarzen, überkochten Thee, den ich, wie die Andern auch schweigend einnahm. Und wieder steht die Tante auf, streift die Aermel ihres Kleides hoch, tritt an den beschmierten Ofen hinan, an den Küchenschrank und ertheilt mieden Chanelen Befehle. Und dies Alles thut sie mit fieberhafter Geschwindigkeit ״Mein Gott! Dass ich nur die ״Tekios" nicht versäume 1׳ ruft sie plötzlich beunruhigt aus ״Heut' ist ja Schabboß, wo man nicht blasen darf", riefen wir Alle zusammen. ״Ach, ich Habes ganz vergessen! Bin die reine ״Gojte" wahrhaftig. Da siehtman die weibische Unwissenheit! Auf die׳ Weise geht man wohl heut' nicht zu ״Laschlich" — nicht wahr?׳ ״Natürlich nicht," antworten wir abermals im Chore, im Be-- wusstsein unserer Autorität.