Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Journal
- Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
- Volume
- 8 (1888)
- Issue
- Heft 32 (4.10.1888)
- Date
- 1888-10-04
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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״Welche-Ehre, Herr Musikbirector! . . .״ A. wird also exammiert in wenigen Minuten ist alles abgethan. E. ist entzückt von der Wunderstimme. ״Zum Theater, zum Theater, Freundchen!" Lust er außer sich und küsst ihn. — ״Ich möchte wohl", heißt es mit kokettierter Bescheidenheit, ״aber ich kenne noch keine Note." — ״Was Noten!" meint E. ״Lapalien! Die Lerchen und Nachtigallen kennen auch keine uud haben doch das größte Publikum, Sie haben unter den hundert Erfordernißen, woraus die Wachtels heroorgehen, ueunundneunzig, d. h. Stimme, das Fehlende geben die Bretter. Ich brüte Sie aus, und es soll Ihnen kein Mensch anhören, dass sie noch vor vier Wochen ein rohes Ei waren." Der Kontrakt wird abgeschlossen und nach den Grundsätzen, der modernen Schule aufgestutzt, betritt der Gliedermann den Par-, naß. Die humane Kritik hat gehörigerweise eine allgemeine Spannung vorberettet, und es konnte also nicht fehlen, dass jeder armsdicke Ton, jeder eingestrichene Schrei, dass jedes affektierte Melisma die Blitze waren, worauf die Beifallsdonner brüllten. Was zum gei-. fügen Leben führen soll, führt zum geistigen Todtschlag. Vox populi, vox Dei! O du mißverstandener Spruch! ״Hai mir nicht dieses ganze Volk entgegengejubelt?" räsonnirt A., den Kops schon höher tragend. ״Also bin ich auch ein berufener, bin Sänger di grace cartelio! Kraft dieses Kernspruches nun und des Honiggiftes der Jourmale — denn Recensionen sind das Einzige, was A. vom Blatt liest — zerren ihn Theaterverhältniße und Egoismus von einer -Oranäcasco-Partie zur anderen . . . Der Kämpf mit der eigenen Unbehilflichkett währt aber nnr eine Zeit lange, und . die Erynnien schlummern nicht ewig. Das Publikum wird endlich müde, nur-׳ Stimme und nichts als Stimme zn hören und darauf immer neue Vergebliche Hoffnung zu. bauen, seine Protektoren, beständig leeres Stroh zu dreschen. Jedermann kommt doch schließlich dahinter, dass Herrn A. das hundertste Ingredienz fehlt: Talent, Geschmack, Gefühl, Herz, Gemüth, Geist, oder wie wir das belebende Prinzip nennen wollen. Um nun'die Erleuchtung voll zu machen, kommt ein Bühnen- Veteran daher, der meint es gut mit dem bethörten Heldentenoc und gibt ihm den fachgemäßen Rath, von der begonnenen Bahn abzuweichen und neue eingehende Studien nachzuholen. Und der alte Praktiker verstand die Sache, er hatte als Knabe schon Bachs Moletten vor den Hausern mitgesungen, war bereits durch und durch musikalisch, als er, ein schüchterner, wenig begabter Jüngling der Bühne von der Pike auf diente — erst Lanzenträger dann Ritter wurde — er wuchs auf den Brettern zollweis zum Riesen, allein, durch Protektion der innewohnenden Kraft. Seine Principien, ihm ins Blut getreten, zerschmolzen mit seiner tiefsten Empfindung. A. aber hatte angefangen, wo jener aufhörte. Seine erste Rolle war sein Testament, seine letzte sein Taufschein. Allein wer wird Sklave sein wollen, wo man König sein kann? Wieder von vorne anfangen, fühlte sich A. zu stolz. Das falsche Klappergold klebte bereits an seiner Seele fest, und mit Aufgebot aller Kräfte flog er von Forum zu Forum, flog immer weiter und rascher, um das Walhalla zu suchen, wo Undank und Kabale ihn nicht verfolgten. Umsonst! Er floh seinen eigenen Schatten und vergaß den unsichtbaren Geist der einigen Wahrheit, der vor ihm Herzog. Nun endlich verließ den Armen sein Muth, denn — seine Stimme verließ ihn. Sie wurde, ehe er es ahnte, das nothwcndig frühe Opfer gesetzloser Entwickümg, und andere Stützpunkte Hatte er ja nicht. Die Verzweiflung, der Krampf der Anstrengung ward zum gatoppirenden Tode für seine so muthvoll begonnene z und das Ende vom Liede? ... Der junge . Gott wurde׳ «Ln alter Kollettant. Am nächsten Peßach-Feste werden ׳ es. 500 Jahres dass in Prag bei einem Pöbelaufstande fast die ganze Judengemeinde niedergemetzelt wurde. In dem Büßgebete »Et kol hatlä-ah«, welches noch in vielen Synagogen am Versöhnüngstage verrichtet wirdschildert der Augenzeuge, Rabbiner Abigedor Kara in Herzzerreißenden Versen die bei diesem Aufstande verübten Gräuelthaten. -Schreiber dieses ist der Meinung, es sei am letzten Tage des kommenden Peßach-Festes in.sämmtlichen Synagogen der Jüdenheit dieser Märtyrer bei Haikarot-Neschamath. zu gedenken, für deren Seelenheil Gebete zu verrichten und Spenden zu geloben. Mit diesen Spenden sollte zu Ehren und zur Versöhnung der Manen dieser Märtyrer eine wohlthätige Stiftung in's Leben gerufen werden. Obgleich diese vor 500 Jahren gefallenen Opfer eiues wilden Fanatismus jedes jüdische Herz mit Betrübnis erfüllen und als Nationalunglück zü beklagen sind, ist es doch in erster Linie die israelitische Cultusgemeinde in Prag, wo diese blutige Katastrophe sich zutrugwelcher in׳ dieser Angelegenheit die Initiative zusteht und das Nöthige zu veranlassen hat, aüf welche Weise diese Feier zu begehen, und welche Stiftung zu schaffen sei. Die geehrte» Redactione» sämmtlicher jüdischen Zeitungen --- ohne Unterschied der Sprache und der Länder — ersuche ich, dieser meiner Anregung in ihren Blättern Raum zu gönnen. j Wien, am 1. October 1888. J. W—r. Kleine Chronik. Ißiett, 24. September. Heute Mittags erschienen Kronprinz Rudolf und Erzherzog Otto im ״Grand Hotel", um aus Einladung des Prinzen von Wales mit ihm zu dejeuniren. Dem Dejeuner zu neun Gedecken waren ferner das Gefolge des Prinzen, die zugetheilten Ehrencavaliere, sowie Bankier Baron Hirsch, der gegenwärtig in Wien weilt, und der Oberst des dem englischen Kronprinzen vom Kaiser verliehenen 12. Husaren-Regiments, Julius Ritter v. Foresti, .beigezogen. — Um 8 Uhr Abends nahm der englische Thronfolger mit seiner Suite an einem Diner bei dem Baron Nathaniel Rothschild in dessen Palais in der Theresianumgasse theil, woselbst der Prinz auch um 10 Uhr Abends den Thee nahm. Zu dem letzteren waren auch der englische Botschafter mit Gemälin und Sohn, sowie die Mitglieder der englischen Botschaft geladen. In dem Garten des Palaiswelcher feenhaft beleuchtet war, concertirte die Rothschild'sche Hauscapelle. Erst in sehr vorgerückter Stunde kehrte der Prinz von Wales in sein Absteigequartier zurück. . Wie», 3. October. (Jüdische Trauungen und Ehescheidungen in czechischer Sprache.) Der Verein der böhmischen Juden zur Pflege des Gottesdienstes in hebräischer und czechischer Sprache, ״Or-Tomid" in Prag, schritt bei der Stätthalterei um die Vestäti-- gung des Dr. Philipp Bondy ׳ zum Vereinsrabbiner ein, welche auch erfolgte, jedoch mit der Einschränkung-dass diesem . RMiner die Befugniße zur Vornahme von Trauungen und Scheidungen nicht verliehen werden können, da nach dem Bürgerlichen Gssetzbuche diese Functionen blos dem ordentlichen Seelsorger des betreffenden Tercitoriums zufallen, Dr. Philipp BoNdy aber nicht Rabbiner einer Cultusgemeinde sei. Das CultusminlsteriuM bestätigte diese Statt- Halterei-Entscheiduug, worauf der Verein die Beschwerde beim Verwaltungs-Gerichtshofe einbrachte. Er machte in der Hauptsache geltend, dass der Verein. ״Or-Tomid" eine Corporation im Sinne des.