Mannheim
Compact Memory

Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung · 1888-10-04 · Heft 32 (4.10.1888) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Österreichisch-ungarische Cantoren-Zeitung
Volume
8 (1888)
Issue
Heft 32 (4.10.1888)
Date
1888-10-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/1304829-3453130-3453162--2641-3456912
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(Op. 34 ) ZU Gesicht, worin Einer, welcher Gesang lehren will,! seinem Schüler durch folgende Striche das Athemholen angedeutet hat:' ״Auf Flügeln des s Gesanges j Herzliebchen j trag' ich dich fort" 2c. — ״im stillen \ Mondenschein" ״ihr trautes | Schwesterlein" — ״und in der [ Ferne rauschen s des heiligen | Stromes Wellen" -— ״Dort wollen wir s niedersinken I unter dem | Palmenbäum j und Lieb' und Ruhe | trinken s und träumen sel'gen \ Traum". —Und in einem andern Lieder ״Die Wonne ' ist gür | zu groß" — Endlich : ״Lench't Heller, als | die Sonne" — ״Du bist mein \ Augenschein"-— ״war' ich bet Dir j allein" — ״Dein Reiz ist aus j der Maaßen"— wenn Dü gehst aus s der Straßen". 2c. 2c. Heißt das-nicht die deutsche Sprache zu Grunde richten? Mer nicht einmal weiß, welche Worte in seiner Muttersprache und warum sie zufammengehören, der kann sie auch nicht richtig singen lehren; statt den -Athen! zu kräftigen und in die Herrschaft des Schüleis zu bringen, wird das schönste Gedicht sinnlos zerfetzt und das Erhabenste in lächerlichen Unsinn verlvandelt. Solchem Lehrer möchte man zu rufen: ״Dein Verstand ist aus s der Maaßen!" Der Sänger darf durchaus die sprachlich zusammengehörigen Wo! te nicht trennen, es müsste denn der Füll sein, dass die Com- Position durch zu großen-Tonreihen .'oder zu langes Aushalten der Töne cs nothwendig macht. Bei oben berührten Liedern ist dies aber reicht im mindesten der Fall, sie lassen sich vielmehr ganz bequem, glmäß den sprachlichen Gesetzen vortragen und können nur auf diese Weise nach ihrem wahren Sinn sogleich verstanden werden. Stehen aber die aufeinander folgenden Worte in nicht so enger Beziehung zu einander, so dass man vor oder nach einem Wort ein Komma setz׳!! könnte, z: B. bei einem Adverbium — da mag ein Athemholen erlaubt sein. Ein Lehrer, welcher den Ban seiner Sprache kennt, wird dies leicht finden. Ein weiterer Fehler gegen die Deklamation entsteht ferner sehr oft dadurch, dass die Wort-Accente, und ganz besonders die Satz- Accente, nicht deutlich und bestimmt genug hervorgehoben werden. Wenn die Wort-Accente sin Gesang nicht so bestimmt markirt werden, dass der jeder Sylbe zukommende Werth sogleich fühlbar wird, da wird die Deklamation und der Gesang monoton, schleppend, schläfrig und langweilig. Aber außer den Wort-Accenten müssen auch die Satz Accente zu ihrem Rechte kommen; der Accenteines Satzes richtet sich nach seinem Zusammenhänge mit anderen Sätzen, nach der Modalität des Urtheils; z. B. wenn in einem Satze der Grund für die Wahrheit eines anderen Satzes angegeben wird, so verlangt das Denkgesetz, dass der begründende Satz einen stärkeren Accent erhält, als der begründete. Durch richtige Anwendung der Wort-Accente wird die Sprache und der Gesang deutlich; durch weise, vernünftige Anwendung der Satz-Accente wird der Vortrag erst sinngemäß uno verständnißreich. Natürlich zieht sich im Gesänge durch das längere Aushalten einzelner׳ Noten und durch größere Töureihen die Deklamation oft sehr in die Breite; nur um so mehr hat aber der Sänger die Wortunr Satz-Accente bestimmt zu markireu, damit nicht durch die Breite der musikalischen Form das geistige Verständnis des Textes verloren gehe. Um dies zu erreichen, muß der Sänger das Gedicht sowohl nach allen seinen Einzelheiten, als nach dem inneren Zusammenhänge seiner Glieder vererst selbst genau verstanden haben; nur was er selbst 1׳k! steht, kann er in seinem Vortrag auch dem Zuhörer wieder zum Verständnis bringen. Der intellectuelle Bildungsgrad eines Menschen lässt sich aus feinem Vortrag leicht erkennen. Freilich scheint die Verbindung der Sprach-De klamation mit der musikalischen Form einer Compositiou manchmal schwierig zu sein; wenn aber ein Sänger nur erst aus die in unserem ersten und zweiten Theile bezeichnte Weise seine einzelnen Töne dem Tonsinn, seine Tonreihen dem rhythmischen Gefühl, und feine Tonformen dem Melodiensinn ganz dienstbar gemacht hat. — so wird es ihm nicht mehr schwer sein, sein Verständnis des Textes auch in dieser musikalischen Form zu offenbaren, und sowohl im Großen als im Kleinen den rechten Fleck zu treffen. Die musikalische Form ist ja bereits dienstbar seinem Willen, und es gilt nur noch, diesen Willen mit vernünftiger Freiheit anzuwenden. (Fortsetzung folgt.) Ein warnendes Wort. (Beitrag zur Naturgeschichte vieler Tenoristen.*) Wir leben in der Zeit der Eisenbahnen, der Monumente, der Konlraktbrüche, der Aktiengesellschaften, der Musikfeste, der Kindergärten und — eines enormen Tenoristenmangels. Dieser Mangel erzeugt Ueberfiuss an untergeordneten Organen, die in der Opernrvelt dominieren; er erzeugt Ueberschätzung, Arroganz und verhältnislose Ansprüche, erzeugt tausenderlei Störungen und Lücken im Gebiete der Tonkunst, bildet Parteien, Fraktionen und wirft der Kritik einen ewigen Fehdehandschuh hin. Wir heben ihn aus, und der erste Streich, den wir führen, dringt tief ins Herz der — Wahrheit. , Herr A. z. B. könnte ruhig sein Pfeifchen schmauchen im väterlichen Hause bis an sein fröhliches Ende, er könnt׳ sein Liedchen singen zur eigenen Herzerhebung und Freude seiner Nachbarn. Aber der erste Ton, den man von ihm hört, wird anch gleich zürn Schwanenliede seines stillen und zufriedenen Bürgerglücks. B. hört ihn, ist entzückt und holt C. und D. zu Zeugen herbei. A. muß sein Liedchen wiederholen; die Auditoren rennen davon, wie befesten und wie ein Heidebrand verbreitet sich die Geschichte vom Herrn A. Mein Gott, heißt es, welch ein Glück wird er machen! Wie? Hat er den Stein der Weisen gesunden oder nimmt ihn eine reiche Frau? oder hat er eine brillante Anstellung gefunden? — Ei was Anstellung! A. braucht keine Anstellung; er wird sich bald selbst anstellen und das — dumm genug. Kurz, A. hat eine Tenorstimnle. ״Da müssen Sie zum Theater gehen," heißt es nun überall, ״und das schleunigst, ehe Sie wieder zur Besinnung kommen!" Von der Stunde an wird A. verwirrt. Sein ehr- und genügsames Gewerbe ekelt ihn au — er geht bei Tag herum wie ein Nachtwandler, träumt von Glanz, Ruhm, Lorbeer und Schätzen, einem glänzenden Leben, von Austern und Pasteten, und es dauert nicht lang, so besucht ihn Herr E. *) Unter obigem Titel veröffentlicht die ״Neue Musik-Zeitung" einen recht zeitgemäßen Artikel, der für jeden Kunstjünger ein wol zu beherzigendes Warnungssignal bietet. Das genannte musikalische Familienblatt erscheint im Verlage Carl Grüninger's in Stuttgart und können wir dasselbe ob seines gediegenen Inhalts unfern Lesern bestens anempfehlen. Berichtigend sei hier noch erwähnt, dass das Feuilleton in voriger Nummer ״Ein alter Musikant" dieser Zeitschrift und nicht, wie irrthümlich angeführt war, der ״Deutschen Jllustr. Musik-Zeitung" entlehnt war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.